Wer beim Singen erwischt wird, wird öffentlich von radikalen Islamisten ausgepeitscht: „Timbuktu“, von dem mauretanischen Regisseur Abderrahmane Sissako

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Viennale
10/26/2014

Die große Wucht der stillen Bilder

Das Filmfestival zeigt am Sonntag mit "Timbuktu" und "Maidan" höchst politische Filme.

von Alexandra Seibel

Tagtäglich bricht eine Flut von Nachrichten aus Krisengebieten über uns herein – und überflutet uns mit Bildern von Terror und Krieg.

Im Kino lassen sich Gegenbilder entwerfen, die tiefer gehen als die, die wir aus unserem TV-Alltag gewohnt sind. Und diese Bilder findet man derzeit auf der Viennale: Nach dem Auftakt am Donnerstag geht das Festival in sein erstes Wochenende.

Das implodierende Drama von Abderrahmane Sissako, einem der bedeutendsten Regisseure des südsaharischen Afrikas, bietet solche Gegenbilder: "Timbuktu" (Sonntag, 18.00 Uhr, Urania) erzählt davon, wie 2012 Islamisten die Stadt Timbuktu besetzen und die Bevölkerung drangsalieren. Bewaffnete Männer geben neue Verordnungen durch: Rauchen verboten, Musik verboten. Frauen müssen ab sofort Handschuhe tragen. Wer sich nicht fügt, wird ausgepeitscht. Oder gesteinigt.

All diese Ereignisse hätte Sissako zu einem drastischen Drama verarbeiten können. Stattdessen wählt er die ruhige Beobachtung, sieht dabei zu, wie Menschen Widerstand leisten – und dabei auch scheitern. Die Frau, die gepeitscht wird, weil sie gesungen hat, und während ihrer Bestrafung wieder zu singen beginnt – ihr Schmerz entfaltet sich in der Stille des Bildes mit umso größerer Wucht. Und dass der fanatische Jihadist heimlich raucht, räumt auch der Seite der Unterdrücker Menschlichkeit ein. Wer für "Timbuktu" keine Karten mehr bekommt, kann sich auf den Kinostart (16. 1.) vertrösten.

Maidan

Ebenfalls abseits der Bilder, die man aus TV-Berichten kennt, bewegt sich Regisseur Sergei Loznitsa mit seiner Polit-Doku "Maidan" (Sonntag, 13.00, Gartenbau): Er beobachtet den zivilen Aufstand der Bevölkerung auf dem Maidan, dem Unabhängigkeitsplatz in der ukrainischen Hauptstadt Kiew. Loznitsa filmt die Demonstranten aus der Ferne und an den Randzonen des Geschehens. Er zeigt Nebenschauplätze, wo Menschen essen oder medizinisch behandelt werden. Er verzichtet darauf, sich auf die "wichtigen" Hauptakteure und Redner zu konzentriert – und macht gerade dadurch die Vielschichtigkeiten der Bürgerrechtsbewegung sichtbar.

Von Kasperl bis Softpornos

Am Sonntag geht man es in der Viennale-Festivalzentrale (Dominikanerbastei 11) zur Abwechslung mal ruhiger an. Unter dem Titel „Be Sand, Not Oil“ wird ab 19.30 Uhr zur Buchpräsentation geladen. Vorgestellt wird die erste Publikation über Amos Vogel, einem 2012 verstorbenen Filmwissenschaftler und -kritiker. Das Buch enthält bisher unveröffentlichte Interviews, Essays zu seinem Schaffen, über seine Jugend in Wien und Texte, die Amos Vogels lebenslange Suche nach „angemessenen Filmbildern“ dokumentieren, wie es sein langjähriger Freund Werner Herzog beschrieben hat. Musikalisch abrunden wird den Abend die iranische Singer/Songwriterin Hoda Mohajerani, die dem Publikum ihre ewig gültigen Lieblingslieder vorspielen wird. Das könnte durchaus spannend werden, denn ihre Songauswahl wird zwischen orientalischer Folklore und US-Punkrock der Marke Ramones hin- und herpendeln.

Der Montagabend steht ganz im Zeichen von Gerhard Heinz. Der 87-jährige Komponist aus Wien hat bisher mehr als 130 Kinofilme vertont. Ab 21 Uhr wird er in der Festivalzentrale über sein bewegtes Leben und seine Arbeiten plaudern. Die DJs Alaska Al und Cutex spielen dazu Lieder aus Heinz’ Schaffen, das von Kasperl bis Softpornos reicht.

Am Dienstag lädt die Viennale mit G.rizo zur Party. Die Sängerin und Produzentin mischt auch als DJane die Clubwelt auf. Getrieben von ihrer Leidenschaft für Electro, R&B und Hip-Hop überzeugt die in den USA geborene Wahl-Wienerin seit Jahren mit ihren Arbeiten. Am Dienstagabend wird sie ihren funky wie lässig-treibenden Mix aus Disco, House und Sprechgesang mit der nötigen Energie auf die Bühne bringen.

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