Kultur
03.12.2017

Viel Applaus für Bergs "Lulu"

...und ein Plädoyer für die Fassung von Friedrich Cerha. Die Nachtkritik.

Nicht jede Premiere ist eine Neuproduktion – die Richtigkeit dieser These bewies die Wiener Staatsoper am Sonntag recht eindrucksvoll. Gegeben wurde Alban Bergs "Lulu" in der dreiaktigen Fassung, also mit der Orchestrierung des Finalaktes von Friedrich Cerha.

Für Wien neu war die Inszenierung des dritten Aufzuges – die zweiaktige Fassung war in der Regie von Willy Decker im Februar 2000 erstmals im Haus am Ring zu sehen. Und den dritten Akt in der Sichtweise von Decker, der Lulu nicht nur durch Dr. Schön alias Jack the Ripper, sondern durch eine Heerschar an dunklen Gestalten erdolchen lässt, konnten manche Opernliebhaber schon 2011 in Paris sehen.

Aber lassen wir die Frage beiseite, ob es sich nun um eine Premiere, eine Halb- oder eine Drittelpremiere handelte: Es ist eine Freude, dieses grandiose Werk wieder an der Staatsoper erleben zu können. In ihrer Gesamtheit wirkte die Aufführung sogar wie ein Plädoyer für den Schlussakt von Cerha: Sowohl musikalisch als auch szenisch war dieser Teil der intensivste und beste.

Afternoon-Oper

Begonnen hatte es schon um 17 Uhr, gemütlich wie ein Afternoon-Tea mit gediegener Konversation. Die neue Lulu, die Sopranistin Agneta Eichenholz, schien sich da noch zurückzuhalten, auch das Dirigat von Ingo Metzmacher am Pult des Staatsopernorchesters war anfangs recht eindimensional und flach, szenisch konnte ebenso keine Rede von Spannung sein.

Die Regie von Decker, die ja zahlreiche Wiener Besucher kennen, war da nur Bebilderung auf der zweigeteilten Bühne mit einer Arena aus Holz und vielen Türen im Zentrum sowie einem Oberteil wie ein Amphitheater – mit Schattenfiguren und teilweise interagierendem Publikum. Personenführung, Interpretation? Nichts zu merken.

Ab dem zweiten Aufzug jedoch gewann Eichenholz als verführerische Lulu stark an Profil. Ihre in der Höhe besonders klare, schön geführte (jedoch nicht allzu große) Stimme passte gut zur Figur, die zwischen kindlicher Naivität und Brutalität changiert. Im letzten Bild dann war Eichenholz sogar zutiefst berührend, sodass sie zu Recht bejubelt wurde.

Auch Metzmacher und das Orchester beeindruckten, in Anwesenheit von Cerha, mehr und mehr. Sie realisierten die so komplexe Zwölfton-Partitur farben- und kontrastreich, beim Finale höchst dramatisch, davor immer wieder melancholisch und romantisch-lyrisch.

Aus der restlichen Besetzung ragten Angela Denoke als Geschwitz, Bo Skovhus als Dr. Schön, Franz Grundheber als Schigolch und Wolfgang Bankl als Tierbändiger/Athlet heraus. Aber auch die restlichen Sänger trugen das Ihre zu einem höchst soliden Abend bei.