Andy Warhol schuf die Verpackung für ein Album, das die Rockmusik veränderte.

© APA/EPA/JAN-PHILIPP STROBEL

Velvet Underground & Nico
03/12/2017

Versifft, vergiftet, verdammt, verehrt

Eine Band aus New York hielt nichts von Tabus. Drogen und Sex bestimmen ihre Songs, stilistisch gelang erstmals die Verbindung zur Avantgarde. Zu früh für 1967.

von Bernhard Hanisch

Plötzlich prügeln diese monotonen Schläge auf die Partylaune ein. Setzen der Verspieltheit ein brutales Ende. Eigensinnig bieder thematisiert die Gitarre ein wellenartiges Auf- und Ab. Und dann raunt Lou Reed, die wiederentdeckte "coolste Sau" des Rock-Universums, die ersten beiden Textzeilen in die immer ungeduldiger werdende rhythmische Hack-Ordnung.

"I’m waiting for my man. Twenty-six Dollars in my hand ..."

Irgendein Abend in den späteren 1970ern – damals wirkt kollektives Musikhören im berauschten bis besinnungslosen Zustand noch als Mittel gegen den Weltschmerz. Die irgendwann zuvor mit Lou Reeds Erfolgsalbum Transformer konfrontierten und über den Walk On The Wild Side gestolperten Partytypen verschlampen zum wiederholten Male die Interpretation seines gerade gehörten Songs aus grauer Vorzeit. "I’m waiting for my man" – ein Stricher muss es sein, auf den er wartet. Versaut cool, nur logisch, dass Lou Reed davon singt. Einer, der einst in einer Irrenanstalt wegen seiner Verhaltensauffälligkeit und angeblicher Homosexualität zur "heilenden" Elektroschock-Therapie gezwungen worden war.

Das finstere Image erleidet keinen Schaden. Denn I’m Waiting For The Man erzählt vom herbeigesehnten Treffen mit einem Mann, der vielleicht schwul, aber mit Sicherheit ein Drogendealer ist.

Erschienen vor genau 50 Jahren, am 12. März, auf Velvet Underground & Nico, auf Vinyl gepresste und ins berühmte "Bananen-Cover" gesteckte Skandalgeschichten. Über eine versiffte, vergiftete, jede sexuelle Hemmung verlierende New Yorker Subkultur.

Schockzustand

1967? Das bedeutet die unerhörte Konfrontation mit der Ekelhaftigkeit, den totalen Radio-Boykott, die Platte wird folglich zum Ladenhüter, fristet ein jahrzehntelanges Dasein als Geheimtipp. Bleibt jedoch dunkles Gegenstück zur bunten Hippie-Kultur im sonnigen, sich dem "Summer of Love" nähernden Kalifornien.

Zwar werden auch in New York Blumen gestreut. Aber die "Blumen des Bösen", meint die Chicago Daily News. Was Dylan oder die Byrds nur andeuteten, ist ausgesprochenes Programm in Velvet Undergrounds Liedgut.

"Ich konnte diese Love&Peace-Scheiße auf den Tod nicht ausstehen", wird Schlagwerkerin Mo Tucker gerne zitiert. Jefferson Airplane oder Grateful Dead seien doch die größten Langeweiler, die man sich nur vorstellen könne, befindet Lou Reed (Transformer, die exklusive Biografie von Victor Bockris). Ein für ihn erhebliches, durch oftmalige Selbstversuchte bewiesenes Unterscheidungsmerkmal: "Die Bands von der Westküste geben sich nur mit weichen Drogen ab. Wir nur mit harten."

Vordergründig dreckig zu sein, reicht aber nicht. Velvet Underground versteht sich als experimentierende Vereinigung, zerklopft Klangteppiche zu gefühlt endlosen Kakophonien und erlöst den verwirrten Zuhörer mit unerhört schönen, vor Lieblichkeit strotzenden Melodien. Velvet Underground & Nico ist nicht das beste, aber eben das erste, in nur zwei Tagen geschaffene Werk der Band, die sich konsequent provokant nach dem Titel eines schmuddeligen Pornoromans benennt.

All das begeistert die Pop-Art-Ikone Andy Warhol. So sehr, dass er Velvet Underground in seiner Factory, New Yorks Künstler-Treff der ausgeflippten, kaputten und hysterischen Gestalten, eine Bühne gibt. Eingehüllt in schwarzes Leder, verschanzt hinter schwarzen Sonnenbrillen, im Lichtkegel eines Warhol-Films, umgeben von Hüften und Peitschen schwingenden Tänzern, bieten die Auftritte eine exzessive Multi-Media-Show.

Irreführung

Warhol, vor allem selbstverliebt, versucht sich als Produzent und gestaltet das Plattencover mit der lebensgroßen Banane und seiner unübersehbaren Namenszeile auf weißem Grund. Umsonst sucht man auf der Vorderseite einen Hinweis, die Interpreten könnten Velvet Underground heißen. Ein eindimensional gelbfarbiges Bild gerät zur Frohsinn vorgaukelnden Mogelpackung. Und die im konkreten Fall phallisch zu interpretierende Banane lässt sich in der Erstauflage tatsächlich schälen ("Peel slowly and see") und offenbart ein in Pink gehaltenes Fruchtfleisch. Ein halbwegs gut erhaltenes Exemplar ist heute noch um 3500 Dollar zu haben.

Lediglich mit der strengen Regel, ja keine schmutzigen Worte aus den Songtexten zu streichen, mischt sich Warhol in die musikalische Gestaltung ein. Ihm fehlt jedoch Geschäftssinn und später auch das Interesse. Lou Reed erkennt dies, entfernt sich immer mehr von seinem Mentor. Genügend weit jedenfalls, um von diesem eines Tages als "Ratte" beschimpft zu werden.

Die Rolle des Reibebaums an Lou Reeds Seite übernimmt John Cale. Einander überschneidende künstlerische Ansichten und eine gemeinsame Wohnung begründen eine lebenslange Hassliebe. Begabter, aber von seiner Experimentierfreude geleitet, verfolgt der Musikstudent aus Wales zunächst das Konzept, Töne zwei Stunden lang zu halten. Ohne durchschlagenden Erfolg. Doch Cale bringt die besondere Note in Velvets Spiel. Die Bratsche. Wie ein Schluckauf vertreibt sie beispielsweise die Trägheit im Sadomaso-Song Venus in Furs, der vierten Nummer auf dem Album.

Maureen "Mo" Tucker befolgt weitgehend Lou Reeds Idee, auf die in der Rockmusik gebräuchliche Snare Drum zu verzichten. Darum schüttelt die Frau mit maskulin versteinertem Gesichtsausdruck und indianischem Gleichmut das Tamburin oder schlägt meist die Fellschlegel gegen die Basstrommel. Heroin, als verherrlichendes Lied des Drogenkonsums verteufelt, ist berüchtigtes Beispiel. "When I put a spike into my vain ... I have made big decision. Im gonna try to nullify my life" singt Lou Reed nicht um den heißen Brei herum. Tuckers ständiger Tempowechsel gibt der bedrohlichen Stimmung den Takt. Eine Rolle, die ihr zu liegen scheint. Die Kultdrummerin wird 43 Jahre später als Anhängerin der Tea Party, rechter Ausleger der Republikaner, ertappt.

Vorzeige-Blondine

Im Jahr 1967 stiehlt ihr zunächst die 27-jährige Christa Päffgen die Show. Nico nennt sich das Mädchen aus Köln, sie ist Model, Schauspielerin und bildet sich ein, auch Sängerin zu sein. Schön, sexy, kühl, zumindest lasziv ihr vom deutschen Akzent geprägter Vortrag.

Intimitäten mit Alain Delon, den Rockstars Dylan, Hendrix, Brian Jones oder – naheliegend – mit Lou Reed und John Cale ebnen ihr das künstlerische Fortkommen. Drei, von trügerischer Fragilität bestimmte Nummern (Femme Fatale, All Tomorrow’s Parties, I’ll Be Your Mirror) darf Warhols Liebkind auf dem Velvet Underground-Debüt interpretieren. Die vierte, den eigentlich für sie geschriebenen und ihr auch versprochenen Opener Sunday Morning, verweigert ihr Lou Reed. Er singt selbst. In der weiblichsten Tonlage, die seine Stimmbänder je hervorbrachten.

Längst ist das Album ein Klassiker. Jüngst vom Rolling Stone gar zum besten Debüt aller Zeiten gekürt, kommt kein namhaftes Musikmagazin an der Würdigung vorbei. Velvet Underground verbindet erstmals Rockmusik und Avantgarde, streut die Saat des Punk, wird und ist Ideenlieferant für viele Bands. Die Sex Pistols, die frühen Roxy Music, Nirvana, Radiohead, The Strokes, The Flaming Lips, Sonic Youth bis hin zu Nick Cave oder David Bowie bedienten sich. Und der anfänglichen Beiläufigkeit zum Trotz will schon damals "jeder, der sie hörte, eine Band gründen", sagt Produzent und Musiker Brian Eno.

Drei weitere substanzielle Studioalben folgen. Ohne Nico, in einem Stil gehalten, der die Musikwelt beeinflusste. Teils aufregend, betörend bis verstörend, teils skandalös selbstbewusst vorgetragen. 1970 verließ Reed die Band und entließ sie in die Bedeutungslosigkeit.

1993 kommt es zu einer Reunion. Eine Tournee, auf der VU mitunter als Vorgruppe von U2 auftreten. Die letzte Frechheit rund um den Mythos Velvet Underground.

Nein, die vorletzte. Am 27. Oktober 2013 stirbt Lou Reed.

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