Kultur
13.09.2012

Verschlüsselte Straßenkunst mit QR-Codes

Mit Kunst im öffentlichen Raum versucht der Künstler Sweza, Analog und Digital zu verbinden. Warum Handys Zeitmaschinen sind, verrät er dem KURIER.

Es passiert meist, wenn es dunkel ist und weit und breit keine Menschen zu sehen sind. In kleiner oder meterhoher Ausführung sprayen Unbekannte bunte Illustrationen, Bilder und Schriftzeichen, die, sobald der Tag anbricht, ihr Antlitz auf Hauswänden oder Zuggarnituren zeigen. Kunstwerke oder nur Schmiererei, bei Graffiti spalten sich die Meinungen.

Der Berliner Künstler Sweza gehörte Anfang der Neunzigerjahre ebenfalls zu den Sprayern und hat oft erlebt, wenn Behörden und Hauseigentümer den Graffiti vor Ort mit Pinsel und Farbe ein Ende bereiten. Seit 2000 erlebt der Berliner, künstlerisch gesehen, seinen zweiten Frühling mit Kunst im öffentlichen Raum, auch Street Art genannt. Bei einem seiner Projekte hat er nun einen Weg gefunden, den verschmähten Kunstobjekten eine letzte Ruhestätte zu gewähren. "Graffyard" (Anm.: abgeleitet aus Graffiti und dem englischen Wort für Friedhof: graveyard) - Friedhof der Graffiti funktioniert so: "Ich fotografiere im Vorhinein Graffiti oder Street-Art-Pieces, platziere jedes einzelne Bild auf eine Webpage, nehme den Internet-Link zu dieser Seite und generiere daraus einen QR-Code (Anm.: englisch "Quick Response" steht für schnelle Antwort)." Das Programm, um aus einem Internet-Link die kleinen rechteckigen Kästchen mit schwarzen und weißen Punkten zu generieren, lädt er aus dem Internet herunter. Die ausgedruckten Rechtecke mit dem Code klebt Sweza anschließend auf Kacheln und bringt sie an jenen Wänden an, die zuvor noch von einem Graffiti geziert wurden.

Handys wie Smartphones, die eine QR-Code-Scanner-Application haben (gibt es als gratis Download) , mit dem man den Code abscannen kann, fungieren für ihn als eine Art Zeitmaschine: "Über diese Technologie kann man einen Schritt zurückgehen, unter die Ebene schauen. Das Bild ist ja noch da, aber es ist übermalt. Mithilfe des Codes kann man unter diese Oberfläche blicken und das ursprüngliche Graffiti sehen." Ewige Ruhe gibt es dennoch nicht. Immer wieder, meint Sweza, verschwinden Kacheln. Manche wiederum halten sich hartnäckig. Seine Vermutung: "Die Codes werden nicht so sehr als Vandalismus gesehen. Viele Menschen glauben, das ist was Offizielles und gehört dorthin. Die Überraschung erleben sie beim Abscannen."

Die Reaktionen, die ihn auf seiner Homepage (http://sweza.com/) erreichen, sind zunehmend positiv. "Das Schöne ist, dass auf diese Weise auch eine Verbindung zwischen Künstler und Betrachter hergestellt wird. Das gab es in dieser Kunstrichtung noch nicht." Die QR-Codes selbst hat der Berliner vor vier Jahren als Kunstform entdeckt und wendet sie auch für seine eigenen Arbeiten an. Zwischen 2002 und 2003 hielt sich der laut eigenen Angaben "Mitdreißiger" in Bologna auf und realisierte dort das Projekt "Sweman", eine Art Selbstporträt. Ein Schwarz-weiß -Mann im Anzug und mit Hut machte damals die Wände der Stadt unsicher. Mal wies er die Bürger auf eine Überwachungskamera hin, ein anderes Mal warf er ganz unschuldig einen Brief in den Postkasten. Mittlerweile gibt es den "Sweman" dort nicht mehr, stattdessen erinnert nun ein QR-Code an sein Schaffen. Bei seinem jüngsten Projekt "QR-Radio" ist das Prinzip nicht anders: Der Betrachter wird aufgefordert, selbst aktiv zu werden. Seit einem Jahr hängen Papier-Bilder von Gettoblastern im Retro-Look auf Kaugummiautomaten oder Stromkästen der deutschen Hauptstadt.

Via Abscannen (siehe Grafik) des QR-Codes mit dem Smartphone gelangt man zu einem kostenlosen YouTube-Musiktape in Kassettenoptik. Bei all seinen Arbeiten gilt ein oberstes Gebot: "Es ist mir wichtig, Street Art an örtliche Gegebenheiten anzupassen und damit zu spielen." Dass diese ungeschriebene Regel oft vernachlässigt wird, kritisiert er: "Der Großteil der Szene macht illustrative Geschichten, das finde ich auch gut, aber das sollte man nicht Street Art nennen. Da frage ich mich oft, warum ist das jetzt da, was soll das hier bedeuten."

Er verweist dabei auf das internationale Aushängeschild der Street Art, den Künstler Banksy (siehe: Hintergrund). "Wenn man sich seine Arbeiten ansieht, merkt man, dass 90 Prozent davon eine Reaktion auf die örtlichen Gegebenheiten sind." Genau das macht Street Art für den Großteil der Bevölkerung auch zugänglicher. Kai Jacob, Autor des Buches "Street Art in Berlin" sieht den Unterschied: "Die Street Artisten wollen ihre Meinung kundtun und mit den Menschen der Stadt kommunizieren. Graffiti dienen hingegen vor allem als Reviermarkierung."

In den letzten Jahren, so Jacob, habe Street Art eine gesellschaftliche höhere Akzeptanz erlangt als Graffiti. Viele Künstler, darunter auch Banksy, stellen in Galerien aus. Ihre Werke kosten bis zu 500.000 € und mehr. Für Sweza absolut tabu: "Die Möglichkeiten, die man im öffentlichen Raum findet, kann keine Galerie bieten. Das ist ja auch genau der Reiz, immer wieder neue kreative Wege zu finden."
Damit Brötchen zu verdienen, sieht er problematisch: "Wenn man ein professioneller Künstler ist und eine funktionierende Schiene gefunden hat, dann wird man sein Leben lang gezwungen sein, das zu machen, weil man finanziell davon abhängig ist." Für den Berliner zählt der Spaß an der Sache: "Wenn ich an den Reaktionen sehe, dass ich Menschen, dazu gebracht habe, Neues zu entdecken und sie sich darüber Gedanken machen, ist das meine Hauptmotivation."

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