Kultur 05.10.2012

"Das ist keine Österreichbeschimpfung"

© Bild: AP

Der Salzburger Ecowin-Verlag erwarb die deutschsprachigen Rechte für den viel diskutierten Roman "Claustria" zum Inzestfall F. Verleger Hannes Steiner im Interview.

Der Ecowin-Verlag hat sich in nur wenigen Jahren in die Riege der wichtigsten Verlage im Sachbuch-Bereich hinaufkatapultiert. Prominente Autoren wie Hugo Portisch, Paul Lendvai oder Markus Hengstschläger veröffentlichen seit Jahren in dem Salzburger Verlag und rangieren mit ihren Büchern regelmäßig ganz oben in den Bestsellerlisten.

Nun hat Ecowin-Verleger Hannes Steiner erstmals einen großen Fisch aus dem Bereich Literatur an Land gezogen. Wie am Mittwoch bekannt wurde, sicherte sich der heimische Verlag die deutschsprachigen Rechte für "Claustria", den viel diskutierten Roman des französischen Autors Régis Jauffret über den Amstettener Inzestfall rund um Josef F. Das Buch wurde in Frankreich mit guten Kritiken überhäuft und soll im Herbst in der neuen Schiene "H. Steiner" auf Deutsch erscheinen. Damit wagt Ecowin nun den Schritt in den Bereich Belletristik. Wie weit die Pläne Steiners gehen und was ihn an Jauffrets literarischer Aufarbeitung des Fall F. so fasziniert, verrät er im Interview mit dem KURIER.

Verleger Hannes Steiner: Seit 2004 erfolgreich mit populären Sachbüchern. Nun möchte er sich auch der Literatur zuwenden.
© Bild: Ecowin

KURIER: Was hat Sie dazu bewogen, die Rechte an der deutschsprachigen Ausgabe von "Claustria" zu erwerben?

Hannes Steiner: Zuerst einmal war es die überragende Qualität, die dem Roman quer durch die französische Literaturkritik zugesprochen wird. Das ist die wichtigste Voraussetzung. Der zweite Grund ist ganz klar der Österreich-Bezug. Es geht um eines der größten Verbrechen, wenn nicht um das Größte der österreichischen Geschichte, das uns 2008 in einen unglaublich negativen Blickwinkel in der Welt gerückt hat. Und ich hätte es rundweg abgelehnt, wenn es eine Österreichbeschimpfung wäre, was natürlich in der Literatur Tradition hat. Dass es das aber nicht ist, hat auch Herr Jauffret selbst klargestellt. Er sagt, es sei Zufall, dass dies gerade in Österreich passiert ist. Zum Dritten ist Ecowin immer für Bücher mit hohem Publikumsinteresse gestanden, natürlich hat mich das auch in diesem Fall als Verleger gereizt. Ich habe großes Interesse daran, hohe Qualität auch gut verkäuflich zu verlegen. Und da erschien mir dieser Roman als sehr passend.

Besticht das Buch in Ihren Augen durch Allgemeingültigkeit oder ist es stark auf Österreich bezogen?
Natürlich ist Österreich Schauplatz dieser Geschichte. Und es nimmt einen großen Teil der Rahmenhandlung ein. Es werden aber keine Parallelen zum Naziregime gezogen, das hat Jauffret auch klar dargestellt.

Was hat Sie an dem Buch fasziniert?
Das ist ein richtiger Sog, in den man hineingezogen wird. Manchmal weiß man nicht, ob man das will, aber es ist so. Es ist auch diese Vermischung von Fiktion und Realität, die fasziniert. Wo sich der Leser immer wieder fragt: Wäre das tatsächlich möglich gewesen und wie wäre das dann weitergegangen?

Waren unter den deutschsprachigen Verlagen, die Interesse bekundet haben, auch viele aus Deutschland?
Ich kann nicht genau sagen, wer daran teilgenommen hat. Aber uns wurde von Editions du Seuil mitgeteilt, dass zwanzig Verlage Interesse angemeldet haben. Und: dass von Seiten des Autors und des Verlages großes Interesse besteht, dass Ecowin die Rechte erhält. Wir hatten die Möglichkeit, ein Angebot zu legen und dann auch relativ schnell den Zuschlag bekommen. Es war keine übliche Art der Versteigerung. Es wurde uns die Gelegenheit gegeben, vor allen anderen Interessenten ein Angebot zu legen, das aus der Versteigerung herausgenommen wird. Es war ein sogenanntes "preemptive best offer" - also ein vorauseilendes Best Offer.

Wodurch hat Ecowin diese priviligierte Position erworben?
Ich glaube, wir haben dem Verlag und dem Autor klar signalisiert, dass wir ein erfolgreicher Autorenverlag sind, der mit großer Leidenschaft arbeitet. Ich halte es auch für möglich, dass Herr Jauffret mitverfolgt hat, dass wir im Sachbuchbereich Autoren wie Reinhard Haller und Thomas Müller haben, die durchaus mit der Causa Fritzl befasst sind und waren. Und es gab offenbar auch große Sympathie dafür, das in einem österreichischen Verlag zu publizieren.

Fall F. als Sachbuch abgelehnt

"Claustria" (im franz. Original bei Seuil erschienen): Régis Jauffret hat seinen Blick auf die Ereignisse im Jahr 2055 ansiedelt. Im Mittelpunkt steht die Tochter Angelika. Bis auf Josef F. hat Jauffret alle Namen verändert.
© Bild: Seuil

Warum haben Sie im Ecowin Verlag kein Sachbuch zu der Causa F. herausgebracht?
Das habe ich schlichtweg abgelehnt. Als Sachbuch hätte ich den Fall Fritzl - und ich hätte die Gelegenheit dazu gehabt - nie in irgendeiner Form publiziert. Weil man Verbrechern nicht unbedingt eine Stimme geben muss. Ich glaube, dass man als Verleger ganz klar eine Position einnehmen muss, man kann das Gute befördern und Diskussionen auslösen. Diese Aufarbeitung in "Claustria" ist genau die Möglichkeit, sich in einer zwar sehr schmerzlichen, aber doch zulässigen Art so einem Verbrechen anzunähern. Als Gedankenexperiment.

Warum ist das Thema nun als belletristisches Buch für Sie interessant?
Weil ich "Claustria" als spannende literarische Verarbeitung sehe, das Geschehen aus der zukünftigen Perspektive des einzigen Überlebenden zu sehen und in einer Art Sog in die heutige Zeit zurückzuziehen und zu sagen: Mit diesem unglaublichen Verbrechen ist das Platonsche Höhlengleichnis Realität geworden.

Wird "Claustria" auch der Titel der deutschsprachigen Ausgabe sein?
Aus einem Gefühl heraus würde ich sagen: Ja, da bin ich mir ziemlich sicher. Weil dieses Wortspiel aus Klaustration und Österreich genial ist, sehr eingängig und unglaublich treffend.

Ist der Plan für die neue Verlagsschiene länger gereift?
Nein, überhaupt nicht. Ich hab immer nur nach Gefühl verlegt. Hätten Sie mich vor zwei Wochen gefragt, ob ich einen Belletristik-Verlag gründe, hätte ich ihnen gesagt: Nicht in den nächsten fünf Jahren. Aber ich bin jemand, der dann handelt, wenn sich eine Möglichkeit bietet. Und nun habe ich die Chance für einen guten Start gesehen. Das ist für mich der Startschuss. Der Entschluss war äußerst spontan und nicht geplant. Ähnlich war das damals auch vor fast neun Jahren, als ich den Ecowin-Verlag gegründet habe.

Gibt es bereits ein Verlagsprogramm?
Das wird sich erst zeigen. Ich werde nur Dinge publizieren, von denen ich qualitativ absolut überzeugt bin und der Meinung, dass sie ein Gewinn für die Leser sind.
Daher möchte ich mich auch überhaupt noch nicht festlegen oder einengen lassen. Ich kann auch überhaupt noch nicht sagen, ob dieser eine Roman im Herbst vielleicht für längere Zeit das einzige Buch sein wird. Es ist einmal der Startschuss, und dadurch kommt ja unter Umständen eine Dynamik zustande, wodurch österreichische Autoren dann Interesse für den Verlag zeigen. Bisher hab ich Anfragen für Belletristik immer abgelehnt. Ich muss erst sehen, wie ich mich in diesen Bereich hineinspüren kann, und was sich dann daraus ergibt. Verlagsintern spüre ich aber eine große Begeisterung in diese Richtung.

Das heißt, es wäre auch möglich, dass es bei dieser einen Veröffentlichung bleibt?
Das sicher nicht - aber den Rythmus lasse ich mir offen. Als ich Ecowin gestartet habe, war das zweite Programm im Frühjahr ein weißes Programm. Ich glaube, dass das der richtige Weg war: Wenn Bücher passen, wenn ich davon überzeugt bin, dass sie spannend sind, dann verlege ich sie. Ich halte nichts davon, einen Verlag aus dem Nichts herauszustampfen. Ich war nie einer, der eine große Ankündigungspolitik gemacht hat.

"Es gibt keine Krise des Verlagwesens"

Warum beginnen Sie gerade jetzt mit der Verlagsschiene H. Steiner? Es gibt andere große Publikumsverlage, die derzeit eher an Einsparungen als an eine Erweiterung ihres Portfolios denken.
Es gibt derzeit sicher keine Krise des Verlagswesens oder des Buchhandels. Es gibt höchstens eine Krise der Inhalte. Gute Inhalte können so gut verkauft werden wie selten zuvor, das Interesse ist so groß wie nie zuvor. Dass es auf einem sehr großen Markt eine gewisse Krise gibt, dafür gibt es mehrere Ursachen, aber sicher nicht das mangelnde Interesse an Büchern. Ich orte das eher im Bereich der Qualität. Und mir zeigen auch die Verkaufszahlen der vergangenen Monate genau das Gegenteil. Mit immerhin 100.000 Exemplaren von Hugo Portischs Buch kann ich jetzt nicht ein mangelndes Interesse an der spannenden Aufbereitung von Sachthemen beobachten. Und das vergangene Weihnachtsgeschäft war das erfolgreichste der Firmengeschichte.

Ist eine Zeit wie jetzt, in der politisches Bewusstsein bei den Leuten auch medial immer mehr spürbar wird, eine gute Zeit für Sachbücher?
Es ist die beste Zeit für Bücher schlechthin. Wann, wenn nicht jetzt? Umbruchszeiten waren immer gute Zeiten für Bücher. Großteils waren es auch Bücher, die die Welt verändert haben. In Umbruchsszeiten oder vorrevolutionären Zeiten waren es immer Bücher oder Aufsätze, die viel bewegt haben.

Gibt es bereits Pläne für den Umfang der Startauflage von "Claustria"?
Ich komme aus dem Buchhandel, und wenn ich etwas wirklich nicht mag, ist es, wenn Verlage Startauflagen hineinschreiben, bevor sie mit dem Buchhandel gesprochen haben, ohne nur annähernd zu wissen, ob das ein Erfolg wird. Ich habe dieses Marketinginstrument immer abgelehnt, weil es unseriös ist. Das stammt noch aus Zeiten von langsameren Vertriebswegen. Heutzutage, wo ein Buch in vier bis fünf Tagen nachgedruckt ist, gibt es keinen Verlag, der riesige Startauflagen druckt, wenn die Nachfrage nicht dementsprechend da ist. Nur ein Beispiel: Die Startauflage von Hugo Portisch war bei 8.000 Stück und jetzt halten wir bei 100.000.

Beim neuen Buch von Daniel Glattauer (erschienen bei Deuticke, Anm.) war gerade von 200.000 Stück Startauflage die Rede.
Das glaube ich sofort. Im Falle von Glattauer ist das sicher eine seriöse Zahl, da bin ich mir auch sicher, dass das der Verlag spielend verkaufen wird.

Ecowin ist dafür mit einem anderen Marketinginstrument sehr präsent - in den Bestsellerlisten ...
Es stimmt, dass wir eine hohe Bestseller-Dichte haben, aber für mich ist das nicht der Maßstab des Erfolges. Die Bestsellerlisten-Platzierungen sind bei uns kein Punkt in der Montagsbesprechung. Viel maßgeblicher sind für mich die insgesamt verkaufte Stückzahl und die Reaktionen der Leser. Dass sich viele Leser an Bestsellerlisten orientieren, das stimmt, und ist sicher nicht zu unserem Nachteil. Aber es ist kein wichtiger Punkt für uns, schnellstmöglich in diese Listen reinzukommen.

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Erstellt am 05.10.2012