Kultur 02.09.2016

Venedig: Alien-Landung in La La Land

Amy Adams begeisterte in dem hypnotischen Zeitschleifen-Sci-Fi-Drama „Arrival“ von Denis Villeneuve im Wettbewerb von Venedig © Bild: Photo Credit: Jan Thijs/La Biennale di Venezia

Verschärfte Sicherheitskontrollen auf dem Filmfestival von Vendig, viele Amerikaner, spannendes Programm.

Venedig hat massiv aufgerüstet. Konnte man in den letzten Jahren noch relativ unbehelligt ins Kino schlendern, wird man nun von geballten Gruppen von Carabinieri mit Maschinenpistolen beobachtet. Sie riegeln das Festivalgelände ab und blicken den Besuchern in Handtaschen und Rucksäcke. Präsident der Venedig-Biennale, Paolo Baratta persönlich entschuldigte sich für die Unannehmlichkeiten, die durch die verstärkten Sicherheitsmaßnahmen entstehen würden. Eine Geste, die im kaltschnäuzigen Cannes undenkbar wäre.

Ohnehin ist das älteste Filmfestival der Welt wie eine Wellness-Oase. Wo sich in Cannes unentwegt endlose Menschenschlangen formieren, bewegt man sich in Venedig entspannt in losen Gruppen. Die Kinosäle sind angenehm, aber nicht brechend voll. Und seit heuer gibt es sogar ein neues Kino. Als hätte jemand anstelle der ehemaligen Baugrube, auf der eigentlich der neue Festivalpalast entstehen sollte, eine knallrote Schuhschachtel abgeworfen: "Sala Giardino" nennt sich das nagelneue Gebäude. Zwar mussten bei der Einweihung des Saales noch kurz vor der Filmvorstellung schwankende Stühle mit Akkuschraubern fixiert werden; doch immerhin, das Ding steht.

Auch sonst bewegt sich Venedig im Aufwind. Festival-Chef Alberto Barbera gelang es nach einem längeren Bedeutungstief, seinem Filmfestival neue Relevanz einzuhauchen. Besonders das Filmfest in Toronto, das sich zeitlich mit Venedig überlappt und für den nordamerikanischen Markt von großer Bedeutung ist, hatte sich als zäher Konkurrent im Kampf um wichtige Filmpremieren erwiesen. Doch Barbera war es in den letzten Jahren gelungen, mit Premieren wie "Gravity", "Birdman" und "Spotlight" wichtige Oscarfilme zu lancieren.Und lockt damit große US-Studiopremieren wie Damian Chazelles beschwingt-schönes Eröffnungsmusical "La La Land" mit Ryan Gosling und Emma Stone an den Lido.

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Allerdings erwies sich bereits der zweite US-Wettbewerbsbeitrag "The Light Between Oceans" als veritabler Flop. Der Amerikaner Derek Cianfrance schafft es mit seinem seifigen Melodram über ein kinderloses Paar selbst so ausgezeichnete Schauspieler wie Michael Fassbender und Alicia Vikander flach und vordergründig aussehen zu lassen. Zusätzlich fettet er sein ohnehin schon schwülstiges Kinderwunsch-Drama mit so triefender Geigenmusik ein, dass die schleppenden 133 Filmminuten noch schwerer erträglich wurden.

Geplättet vom Gefühlsregen klebten die Zuseher in ihren Sesseln. In Cannes hätte es Buh-Rufe gegeben.

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Zeitschleife

Der Franco-Kanadier Denis Villeneuve hingegen begeisterte mit seinem hypnotischen Zeitschleifen-Sci-Fi-Thriller "Arrival". Als eine Art Anti-These zu "Independence Day", landen in "Arrival" die Aliens auf der Erde, um mit den Menschen zu kommunizieren. Eine konzentrierte Amy Adams versucht in ihrer Rolle als Sprachwissenschaftlerin, die unverständlichen, kreisrunden Schriftzeichen der krakenartigen Außerirdischen zu enträtseln.

Kurzauftritt: Nick Cave in Wim Wenders Verfilmung von Peter Handke
honorarfrei © Bild: /La Biennale di Venezia
Als schwer verständlich erwies sich für manche Zuseher auch Wim Wenders lethargische Peter-Handke-Adaption " Les Beaux Jours D’Aranjuez". Mit seiner 3-D-Kamera umschleicht Wenders einen Mann und eine Frau, die auf einer Gartenterrasse über die Liebe sprechen. Leider wurde der Film in der ersten Aufführung nur im französischen Original mit italienischen Untertitel gezeigt – was das textlastigen Kammerstück für Sprachunkundige schwierig gestaltet. Irgendwann saß dann plötzlich Nick Cave am Klavier und sang eine Liebesballade. Auf Englisch, zum Glück.
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( kurier.at ) Erstellt am 02.09.2016