Diego Velázquez: "Der Wasserverkäufer von Sevilla" (1622), ein Hauptwerk der frühen Karriere des Künstlers.

© English Heritage

Kunst
10/28/2014

Velázquez: Er adelte Menschen mit dem Pinsel

Wer die Schau im Kunsthistorischen Museum gesehen hat, zweifelt nicht mehr an der Kraft der Malerei

von Michael Huber

Wie interessant wäre es doch gewesen, diesen Herrn mit dem gezwirbelten Schnauzbart persönlich kennen zu lernen. Diego Velázquez hinterließ so viele Rätsel und so viele außergewöhnliche Bilder, dass selbst nüchterne Kunsthistoriker auffallend oft das Wort „genial“ bemühen und Maler – egal ob der abstrakten oder der gegenständlichen Richtung zugetan – bis heute vor Ehrfurcht erstarren.

Die große Velázquez-Ausstellung, mit der das Kunsthistorische Museum in Wien nicht nur dem Ausstellungsherbst, sondern auch seinem Programm der vergangenen Jahre ein Glanzlicht aufsetzt, macht diese Faszination nachvollziehbar.

Kräftespiele

Indem die Schau den Fokus von den höfischen Porträts des Malers, die auch sonst im Museum beheimatet sind, auf den „ganzen“ Velazquez vom Früh- bis zum Spätwerk erweitert, wird ein Kräftespiel deutlich, das die Geschichte der Malerei bis über die Moderne hinaus bestimmte. Hier kämpfte ein Mann um die Malerei als autonome Kunst; er nutzte gesellschaftliche Normen und Hierarchien, um sein Anliegen voranzutreiben – und unterwanderte diese zugleich.

Dass Velázquez der Welt etwas beweisen wollte, wird schon im frühesten Bild der Schau, der „Unbefleckten Empfängnis“ von 1617, deutlich: Eine betende Madonna steht hier auf einem Mond, der wie eine Glaskugel anmutet – und ungeachtet der religiösen Botschaft muss man die Virtuosität bewundern, mit der der Maler die Brechungen des Lichts festhielt.

Auch in Alltagsszenen, die einen Schwerpunkt des Frühwerks bilden, verpackte Velázquez geballte Raffinesse: Der hinreißende „Wasserverkäufer von Sevilla“ von 1622 erscheint – mit glitzernden Wassertropfen am Krug vorne, virtuos gemalten Gesichtern und einer schemenhaften Figur im Hintergrund – wie eine Demonstration des Spektrums malerischer Möglichkeiten.

Seinen typischen Stil entwickelte Velázquez jedoch erst ab 1623, als er als Hofmaler des Königs Philipp IV. zahlreiche Porträts von Mitgliedern der Herrscherfamilie, aber auch viele selbst konzipierte, in vielerlei Hinsicht eigenwillige Bilder schuf.

Scheinbar mühelos

Es ist wertvoll zu wissen, dass körperliche Anstrengung in der Kultur am Königshof damals wenig geschätzt wurde. Auch Velázquez machte es sich zum Markenzeichen, seine Malerei so aussehen zu lassen, als sei sie ohne jede Mühe entstanden.

Welche Wirkung er innerhalb des engen Rahmens von Auftragsarbeiten damit erreichte, zeigt eine Gegenüberstellung in der Schau besonders gut: Bei der „Infantin Margarita im blauen Kleid“ (1659) wirken die mit wenigen Pinselstrichen gemalten Stoffe und Falten angreifbar und luftig; eine Kopie des Motivs mit grünem Kleid, dass man einst ebenso für ein Velázquez-Original hielt (ehemals im KHM, heute Budapest) wirkt dagegen hölzern und blass.

Ein Fest der Malerei

Am Übergang zum dritten Hauptsaal erfährt die Schau wegen allzu vieler dynastischer Details einen leichten Durchhänger. Doch dann entfaltet sich noch einmal ein Fest der Malerei: Hauptattraktion ist dabei die „Rokeby Venus“, jenes Aktgemälde, das durch ein gewitztes Arrangement von Blicken und Spiegelungen als Meditation über das Schauen an sich gelesen werden kann.

Ebenso spektakulär ist das Bildnis des in Soldatentracht gekleideten Hofnarren „Don Juan de Austria“, dem Velázquez ein so monumentales Format gab, wie man es zuvor nur bei Königsbildern sah. Unter dem Pinsel des Meisters schien alles zu Status und Würde zu gelangen: die Malerei zeigt sich hier auch als eine einfühlende, zutiefst menschliche Kunst.

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Der Künstler

Diego Velázquez wurde 1599 in Sevilla geboren. 1623 wurde er Maler am Hof Philipps IV. 1658 wurde er in den Ritterstand erhoben. Velázquez starb 1660; Maler wie Edouard Manet, Francis Bacon und Pablo Picasso beriefen sich auf ihn.

Die Ausstellung

Velázquez“ ist bis 15. Februar 2015 im Kunsthistorischen Museum Wien zu sehen. Zu sehen 46 Gemälde, darunter sieben Leihgaben aus dem Prado in Madrid; das Hauptwerk „Las Meniñas“ ist als Reproduktion zu sehen. Die Schau ist das „Abschiedsgeschenk“ von Sylvia Ferino, die mit Jahresende als Leiterin der KHM-Gemäldegalerie in den Ruhestand tritt.

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