Fotoprobe von "Vater" von Florian Zeller unter der Regie von Alexandra Liedtke in den Wiener Kammerspielen der Josefstadt am 08.02.2016. Das Stück hat am 11.02.2016 Premiere.

© KURIER/Jeff Mangione

Kammerspiele der Josefstadt
02/14/2016

Stationen einer geistigen Auslöschung

Erwin Steinhauer brilliert als an Alzheimer-Erkrankter in Florian Zellers "Vater".

von Peter Jarolin

Nein, zum Lachen ist das alles nicht. Und auch von einem der so klassischen Wohlfühl-Stücke sind die Wiener Kammerspiele mit dieser Produktion weit entfernt. Denn Florian Zellers preisgekröntes Drama "Vater" ist starker Tobak und behandelt ein Thema, das zuletzt in Literatur, Film und auf der Bühne sehr präsent war: Alzheimer.

Es beginnt mit einer gestohlenen, in Wahrheit verlegten Uhr. Es geht weiter mit Möbeln, die noch nie da waren, in Wirklichkeit immer in der Wohnung standen. Es steigert sich bis zu jenem Zustand, in dem Familienmitglieder als Fremde wahrgenommen werden. Und es endet mit der völligen geistigen Auslöschung.

Im Schattenreich

Sehr raffiniert hat der 36-jährige Franzose Zeller seine Alzheimer-Studie "Vater" gebaut, erzählt er doch die Stadien der Krankheit und ihre Folgen aus der Perspektive des Erkrankten. Dieser heißt André und geht zusehends in ein Schattenreich über. Bühnenbildner Raimund Orfeo Voigt hat dafür ein paar Wände aus Rillenglas gebaut, hinter denen schemenhaft Figuren auftauchen und wieder verschwinden. Alles ist hier halb klar und zugleich halb verschwommen in Alexandra Liedtkes zurückhaltend-stilisierter Inszenierung.

Man steigt somit direkt in Andrés Kopf ein und sieht in dieser Rolle einen Erwin Steinhauer der Extraklasse. Virtuos und nahtlos changiert Steinhauer zwischen Charme und Bösartigkeit, zwischen Selbstherrlichkeit und Weinerlichkeit, zwischen Machtbewusstsein und tiefster Verzweiflung bis hin zu einer wunderschön gespielten, mitleiderregenden Verlorenheit. Eine Meisterleistung Steinhauers, die unter die Haut geht.

An Steinhauers Seite ist die großartige Gerti Drassl als seine Tochter Anne zu erleben. Drassl zeichnet eine junge Frau, die aus Liebe zu ihrem Vater bis zur Selbstaufopferung geht, zugleich aber ein eigenes Leben, ein Recht auf Selbstbestimmung einfordert. Martin Niedermair als Schwiegersohn, Eva Mayer als Krankenschwester sowie Therese Lohner und Oliver Huether passen sich dem exzellenten Niveau der beiden Hauptprotagonisten an.

Ein Abend, der sehr wehtut, aber lohnt.

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