Die Schriftstellerin und Fotokünstlerin Valerie Fritsch, die vor Kurzem den Peter-Rosegger-Literaturpreis des Landes Steiermark erhalten hat, gilt als eines der größten Talente der österreichischen Gegenwartsliteratur.

© /Jasmin Schuller/Suhrkamp Verlag.

Winters Garten
03/11/2015

Valerie Fritsch schreibt den Soundtrack zu Leben und Tod

Der erstaunliche Roman der jungen Grazerin Valerie Fritsch ist Utopie und Dystopie zugleich.

von Barbara Mader

Verzaubernd, befremdlich, faszinierend: Der zweite Roman der jungen Grazer Autorin Valerie Fritsch wagt literarisch viel. "Winters Garten" bewegt sich zwischen Paradies und Weltuntergang.

Er erzählt von einer Aussteigerkolonie inmitten einer Welt der Apokalypse. Fritsch greift stilistisch und thematisch in die Vollen und behandelt sämtliche Rätsel des Universums: Leben und Tod, Blüte und Verfall, unsterbliche und daher hoffnungslose Liebe und das Ende der Welt.

Das hätte arg daneben gehen können, doch die erst 25-jährige Autorin bewältigt den schmalen Grat zwischen Wucht und Kitsch scheinbar traumwandlerisch.

"Winters Garten"– schon der Titel ist unglaublich musikalisch und wirkt zugleich so selbstverständlich – ist die Geschichte des Geigenbauer-Sohnes Anton Winter, dessen Großvater zu sagen pflegte, Zukunft sei der Eintritt aller schlechten Vorahnungen. Er wird recht behalten.

Antons verzauberter, vor Blüten und Früchten berstender Kindheitsgarten wird bald von einer Totenstadt abgelöst. Doch die Selbstversorger-Idylle im Aussteiger-Paradies ist von Anfang an gebrochen, denn schon die Kindheit schickt gruselige Vorboten: Antons Großmutter bewahrt ihre Fehlgeburten in Rexgläsern in der Speisekammer auf – datiert mit dem Zeitpunkt der Entstehung und des Verlustes.

Anton, fasziniert von den in Formalin schwimmenden kleinen Körpern, gewöhnt sich somit früh an das selbstverständliche Nebeneinander von Geburt und Vergänglichkeit. Er macht "lächelnd keinen Unterschied zwischen tot und lebendig" und wenn sintflutartige Gewitter aufziehen, dann erahnt er "die Willkür der Natur mit besorgtem Kindergesicht".

Joy Division

Als Erwachsener wird er als Vogelzüchter über den Dächern einer Ruinenstadt leben. Von hier aus überblickt er die merkwürdige Hafenstadt, durch deren Gassen Horden ausgemergelter Hunde und freigelassener Zoo-Tiere ziehen, in deren Hafenbecken "entstellte Körper neben makellosen Fischen" schwimmen und wo die Gäste der Hochzeitsfeste Massenselbstmorde feiern. Ausgerechnet hier herrscht Chancengleichheit: Denn niemand glaubt ans Glück.

Anton irrt unterdessen schlaflos durch seine Wohnung und hört "Love will tear us apart" – Joy Divison ist der passende Soundtrack zu diesem finsteren Spektakel. Spät wird er die Liebe finden und mit der mageren Frederike auf den Untergang der Welt warten.

In acht Kapiteln erzählt Fritsch bemerkenswert souverän von Anfang und Ende – und einer vagen Hoffnung auf Neuanfang.

Die Schriftstellerin und Fotokünstlerin, die vor Kurzem den Peter-Rosegger-Literaturpreis des Landes Steiermark erhalten hat, gilt als eines der größten Talente der österreichischen Gegenwartsliteratur. Ihr erster Roman "Die VerkörperungEN" erschien 2011 bei Leykam, ihren nun vorliegenden zweiten Roman verlegte der große deutsche Suhrkamp Verlag.

Afrika-Reisen

Mutig, stellenweise einen Hauch altmodisch wirkt Fritschs Stil, doch die Grenze zum Manierismus überschreitet sie nie. Vom ersten Satz an betritt man ein verzaubertes Reich. Winters Garten. Fritschs Afrika-Reisen prägen die Stimmung: In der Totenstadt hängen "dürre Affen an den Wäscheleinen" und Antons Kindheitsgarten ist voller Insekten, eigenartiger Gerüche und tropischer Blüten in "Kadettenblau, Kaiserblau, Blassorange, Zwetschgengelb". Fritschs Welt ist keine Welt der Pastellfarben. Sie ist gleißend, schwül, lüstern. Und am Höhepunkt der Blüte dem Verderben nah. Erstaunlich, wie diese junge Autorin hier alles erfasst, worum es im Leben geht.