Kultur
26.06.2017

US-Fotograf Bruce Davidson: Wie die Kamera das Mitgefühl erlernte

Eine Schau zeigt das Werk von Bruce Davidson, der Fotografie in den Dienst der Menschlichkeit stellte.

Fotografen benehmen sich häufig wie Vampire – sie stürzen sich, oft aus dem Hinterhalt, auf ohnehin arme Opfer und saugen sie aus, ringen ihnen Bilder der Tristesse und Ausweglosigkeit ab. Man kann es ihnen kaum zum Vorwurf machen – Medien und ihr Publikum dürsten eben nach dem prägnanten Bild, und in der Zeit immer knapperer Deadlines muss dieses rasch geliefert werden, bevor’s zum nächsten Ziel weitergeht.

Zeitlos in Manhattan

Das Werk des Magnum-Fotografen Bruce Davidson, das nun in einer wunderbaren Retrospektive im Wiener Fotomuseum Westlicht ausgebreitet wurde (bis 13.8.), ist die Gegenthese zu derartigem Foto-Vampirismus. Für sein stilprägendes Werk "East 100th Street", das 1970 als Buch erschien, fotografierte Davidson nur einen New Yorker Straßenzug – zwei Jahre lang. Die resultierenden Bilder zeigen zwar Armut und soziale Spannungen, aber auch die Würde und den Stolz der Menschen im so genannten Problemviertel.

Die Wertschätzung gegenüber den Fotografierten kommunizierte der heute 83-jährige, indem er vor dem Druck auf den Auslöser stets um Erlaubnis fragte und den Abgelichteten Abzüge zukommen ließ. Wie sich in der Ausstellung sehen lässt, fehlte es Davidsons Bildern dadurch aber nie an Authentizität, im Gegenteil: Der sachte Zugang des Fotografen führte vielmehr dazu, dass Minenarbeiter, Zirkusartisten oder Mitglieder einer Jugendgang ihm eine völlig offene, unverstellte Seite ihrer selbst offenbarten.

Davidsons bedächtige Methode offenbart sich auch in der Sorgfalt bei der Wahl der Bildausschnitte: Indem er Bilder durch fotografierte Bettkanten, Türen oder Fenster strukturierte, verlieh er dem Dargestellten Monumentalität, ohne dass Szenen konstruiert wirken.

Davidsons Foto-Karriere setzte Mitte der 1950er Jahre – in etwa gleichzeitig mit Robert Frank und seinem epochalen Projekt "The Americans" – ein und umspannt wesentliche Momente des 20. Jahrhunderts. Weithin bekannt wurden seine Dokumentationen der US-Bürgerrechtsbewegung in den frühen 1960ern: Als das US-Höchstgericht damals urteilte, dass Rassentrennung auf Langstreckenbussen verfassungswidrig sei, testeten so genannte "Freedom Riders" die Aufhebung in der Praxis – und Davidson fuhr mit. Bei Protestmärschen in Alabama stand der Fotograf 1963 an Seite Martin Luther Kings – doch er richtete seine Linse auch auf den Ku-Klux-Kan und den gelebten Rassismus in den Südstaaten jener Zeit.

Emigration als Thema

Zehn Jahre später fotografierte Davidson in der "Garden Cafeteria" in New York, einem Lokal, das vor allem jüdische Emigranten als Treffpunkt nutzten. Das Porträt einer gewissen Bessie Gakaubowicz, die das Foto ihrer – offenbar im Holocaust umgekommenen – Angehörigen in die Kamera hält, gehört wohl zu den traurigsten Bildern, die je von einer Kamera angefertigt wurden. Und doch erneuern solche Werke den Glauben an die Kraft des Mediums: Menschlichkeit und Mitgefühl findet selten, aber doch in konzentrierter Form Niederschlag im Bild.