Kultur
27.11.2017

"Unsere Zivilisation zerbricht"

Der ungarische Theatermacher und "Staatsfeind" Árpád Schilling über Politik und Projekte.

"Am Anfang habe ich nur gelacht. Doch dann war ich einfach entsetzt." Denn in seiner Heimat Ungarn gilt der international gefeierte Regisseur und Theatermacher Árpád Schilling seit September als "Staatsfeind". Genauer gesagt als "potenzieller Vorbereiter staatsfeindlicher Aktivitäten", so der Ausschuss für Nationale Sicherheit in Ungarn.

Schilling, der seit etwa zwei Jahren freiwillig nicht mehr in Ungarn arbeitet, ist damit einer von drei namentlich Genannten, denen die Regierung von Viktor Orbán offiziell den Kampf angesagt, die nun öffentlich am Pranger stehen. Der KURIER traf den mehrfach prämierten Künstler im Landestheater Niederösterreich, wo Árpád Schilling ab 1. Dezember sein neues Projekt "Erleichterung" präsentiert.

KURIER: Herr Schilling, hat Sie das Stigma ,Staatsfeind’ persönlich getroffen?

Árpád Schilling: Anfangs eigentlich nicht. Was mich wirklich getroffen hat: Hier in Österreich bekomme ich die Solidarität des Burgtheaters, das meine Arbeit ,Eiswind/ Hideg szelek’ sogar wieder aufnimmt und auch jene des Landestheaters Niederösterreich, das mich hier arbeiten lässt und großartig unterstützt. In Ungarn ist das gänzlich anders.

Inwiefern?

Niemand an den Theatern hat aufgeschrien, niemand sagt etwas gegen die rechtsnationale Regierung von Viktor Orbán. Weil sich niemand mehr traut. Der existenzielle und psychische Druck ist so groß. Die Regierung hat das alles perfekt in der Hand. Ich kann da unzählige Beispiele nennen. Wer nicht kuscht, wird sanktioniert, wird aus der Gesellschaft hinausgedrängt. Die Fidesz-Partei betreibt konsequent Angstpropaganda. Die EU ist böse, die Migranten sind böse, die Andersdenkenden. Nur Orbán kann uns retten. Und sehr viele Menschen glauben das auch noch!

Warum eigentlich? Das hat auch einen historischen Grund. Wir haben in all den Jahren des Kommunismus verlernt, selbstständig zu denken. Jetzt haben wir zwar so etwas wie Wahlen, aber wir können mit dem demokratischen Rüstzeug nicht umgehen. Der Staats trichtert uns ständig ein: Geht ruhig wählen, aber wählt uns, den Rest machen dann wir. Wenn man so will, haben wir uns da als funktionierende Gesellschaft freiwillig aufgegeben.

Aber gibt es keine Opposition?

Doch. Es gibt sehr viele, kleine Oppositionsparteien, die aber untereinander derartig zerstritten sind, dass man verzweifeln muss. Und die Fidesz-Partei tut alles, damit dieser Zustand anhält und schürt die diversen internen Konflikte der Opposition auch noch sehr geschickt.

Haben Sie jemals daran gedacht, in die Politik zu gehen?

Nein, das wäre sinnlos. Noch eine kleine Partei, auf die nur wenige hören? Meine Mittel des Protests sind jene des Theaters, der Kunst.

Doch kann Kunst überhaupt etwas verändern?

Wir müssen es zumindest versuchen. Doch es gibt auch Phänomene, die wir gerade weltweit erleben, auf die auch die Kunst, egal wie politisch sie sein mag, noch keine Antworten gefunden hat. Und vielleicht sogar nie finden wird oder kann.

Welche zum Beispiel?

Wir haben etwa das Phänomen, das unsere Gesellschaft in sehr vielen Ländern, übrigens auch in Österreich, sich extrem nach rechts orientiert. Dass die Gemeinschaft immer mehr zerfällt. Dass man glaubt, man könne an den Schulen, bei der Bildung, bei den Sozialeinrichtungen massiv sparen und damit auch noch durchkommt. Und dass unser mühsam errungenes zivilisatorisches Niveau verloren geht. Unsere Zivilisation zerbricht gerade. Aber was passiert dann? Kommt dann ein neues politisches Mittelalter in der Form ,Jeder gegen jeden’?

Haben sie jemals überlegt, Ungarn ganz zu verlassen?

Ich spiele mit dem Gedanken. Aber nicht meinetwegen, sondern wegen meiner Familie. Ich habe keine Angst vor Viktor Orbán. Aber der Gedanke, dass meine Familie, meine Freunde unter Druck gesetzt werden könnten, bereitet mir Sorgen.

Aber wohin würden Sie gehen?

Ich vermute nach Frankreich. Oder dahin, wo ich meine künstlerischen und gesellschaftlichen mit meiner Gruppe Krétakör ("Der Kreis, Anm.) realisieren kann.

Womit wir bei Ihrer Arbeit mit dem Titel ,Erleichterung’ für das Landestheater Niederösterreich wären. Worum geht es?

Um eine Politikerin, einen Autor, einen Unfall mit Konsequenzen, die Auflösung eines Flüchtlingsheims, die Errichtung einer Sportstätte und um die Diskriminierung eines Behinderten. Das ist, wie ich finde, alles recht fein ineinander verwoben. Und es geht um die Frage der Auflösung unserer Zivilisation in allen Lebensbereichen.