Kultur
29.11.2016

Unentwegt sinnbewegt

Erdformation, betrachtet von oben: Was ist die Erzählung der Urgeschichte? © Bild: APA/EPA/JAXA/ESA

Die dunkle Jahreszeit wirft oft heikle Fragen auf – drei Bücher warten mit Denkanstößen auf

Menschheitsgeschichte ist Erzählung. Historie eine Aneinanderreihung von Geschichten, die in Reih und Glied fallen und damit den Anschein einer roten Linie abgeben. Was aber erzählt uns die Erde? Raoul Schrott hat sich dahingehend an einem Epos ("Erste Erde") versucht, das sich in Aufmachung, Größe und Aufwand in seinem ganzen Wahnwitz präsentiert. Sieben Jahre lang hat Schrott recherchiert und die Welt bereist. Zu Riesenteleskopen in der Wüste, zu den Opferhöhlen der Maori in Neuseeland... an Orte, an die er auch die Protagonisten seines Buches schicken sollte. Da fährt ein taiwanesischer Astronom nach Chile, um am Observatorium zu forschen, oder eine schwangere Abenteurerin zu den Maori. Deren Weltschöpfungsmythos markiert auch den Beginn der Reisen: "Alles entstand aus dem Nichts und das Nichts mehrte sich. Aus der Mehrung kam der Gedanke." Viel weiter sind wir heute zu dem Thema auch nicht.

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Dieser literarische Querschnitt der Erdgeschichte wurde famos verpackt: Farbige Vorsatzblätter trennen die einzelnen Abschnitte, am Ende gibt es noch eine naturwissenschaftliche Abhandlung. Ein schöner Wälzer, dessen Grundidee fasziniert. Die Navigation ist überaus kompliziert: Für jedes Kapitel lohnt es sich, die dazugehörigen Bemerkungen in der Inhaltsangabe zu lesen, weil man sonst an den abstrakten Schauplätzen verloren geht. Ob der Leser nach dieser umständlichen Navigation belohnt wird, darf aber leise bezweifelt werden. Alles in allem ein Buch, das man gern in Händen hält, aber wegen seiner kapriziösen und zweckentfremdeten Sprache nicht wirklich zu Ende lesen mag.

Der Titel bezieht sich übrigens auf das älteste Stück Erde, das man auf der Welt in Händen halten kann. Es handelt sich um einen über vier Milliarden Jahre alten Gneis in der arktischen Tundra. Ein Kapitel widmet sich einer Expedition in diese unwirtliche, aber faszinierende Gegend. So muss man auch das Epos beschreiben: Unwirtlich, aber faszinierend.

Angewandte Denke

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Was uns Erzählungen über uns Menschen lehren können, erforschten der Schriftsteller Michael Köhlmeier und der Philosophieprofessor Konrad Paul Liessman in "Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist, Adam?". Köhlmeier schickt darin eine Erzählung voraus, Liessman denkt darüber schreibend nach – mit Bezügen zu Meistern seines Fachs. Das titelgebende Geschehen spielt sich – wenig überraschend – im Paradies ab, in dem Eva vom verbotenen Apfel kostete. Liessmann lässt dazu fundierte Gedanken mäandern, bis er zum spannenden Punkt gelangt: Was wäre, wenn der Wille zum Bösen das eigentlich Menschliche darstellte? "Wer sich an ein Verbot hält, orientiert sich an einem Außen, an einem Anderen, an einem Gesetz. Wer ein Verbot übertritt, ist ganz bei sich selbst."
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Zehn Jahre lang dauerte es übrigens bis zu einer Neufassung der Bibel: Die letztgültige und überarbeitete Einheitsübersetzung stammte aus 1980, Ende des Jahres erscheint nach einem gewaltigen Revisionsprozess die neue gültige Einheitsübersetzung. Anlass waren neue Erkenntnisse zu frühen Textzeugen, eine engere Orientierung am Urtext und die Berücksichtigung von Änderungen im aktuellen Sprachgebrauch. Sinnfragen sind Teil des Konzepts.