Kultur
01.08.2017

... und noch 15 Bücher für den Urlaub

Eine wilde Mischung mit Krimis, Kochbuch, Genforschung und Papageien, die anderen Papageien das Wort "Scheiße" beibringen können ...

Blaue Begrüßung im Kanaltal

Eine Freude für Italien-Urlauber: Der 172 km lange Alpenfluss Tagliamente, der im Kanaltal eine schöne Begrüßung ist und so blau noch dazu, wird porträtiert. Hier badete Pasolini – hier liegt er begraben –, hier schoss Hemingway Enten. Und hier macht man eher nicht Urlaub – außer in Lignano (wo der Tagliamente mündet). Das könnte sich ändern: Auf 15 Wandertouren werden Orte vorgestellt, die wie Fremdworte klingen – Sauris di Sopra (Zahre-Bier), Pesariis (Uhrenfabrik), Preone (auf archäologischen Spuren fliegender Reptilien) ... Steine sind Mitbringsel, der Flussbett bringt sogar Ignimbrite von Vulkanen mit.

Werner Freudenberger:
„Am Tagliamento
Mit 100 Abbildungen.
Styria Verlag.
192 Seiten. 22,90 Euro.

KURIER-Wertung: ****

Grillparzers Brösel

Grillparzers Erinnerungen aus 1855 – 20 Jahre vor seinem Tod geschrieben – waren vergriffen. Wieder erhältlich: Wie Grillparzer bei Tisch bröselte, und Goethe Bröselchen zu Bröselchen zu einem Häuflein zusammen legte ... Verleger Jochen Jung soll im KURIER selbst sagen, warum man das Buch lesen sollte (er hat ja recht): „Grillparzer ist wie die Ahnfrau: gehört zur Familie, aber mehr weiß man nicht, ist tot und soll es bleiben. Seine Autobiografie ist hingegen überraschend unterhaltend und wie von heute. Ein sehr lebendiger Zeitgenosse, neugieriger Reisender, glänzender Prosastilist."

Franz Grillparzer: „Selbstbiographie“
Herausgegeben von Arno Dusini,
Kira Kaufmann und Felix Reinstadler. Verlag Jung und Jung.
300 Seiten. 23 Euro.

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern

Ein richtiger Verlag wäre schön

Es ist unverständlich, warum „Der Besucher“ in keinem bekannten Verlag erschienen ist. Wie detailreich das Kurhotel beschrieben wird, wie geheimnisvolle Kurgäste und ihre Träume zum Leben erwachen: Man ist angenehmst überrascht. Prenner heißt der Autor. Germanist, Historiker, Jahrgang 1954. Dass sein Roman behutsam zum Krimi wird, mit toter Frau und schnauzbärtigem Kommissar, wäre nicht notwendig gewesen. Andere Schriftsteller brauchen eine Krücke, Prenner mit seinem altmodisch schönen Stil braucht etwas anderes. Einen richtigen Verlag mit Lektorat.

Norbert Johannes Prenner:
„Der Besucher“
Verlag Epubli.
228 Seiten. 8,99 Euro
Oder als eBook um 4,99 Euro.

KURIER-Wertung: ****

Der Held will nicht am Meer liegen

Gegen Cardinale-Artischocken und Salzwiesenlamm hat Commissaire Dupin ja nichts. Aber am Strand liegen? Die Hölle für ihn! Wie froh ist er, dass während seines Urlaubs eine Touristin verschwindet. Und auf eine Politikerin ein Anschlag verübt wird. Abwechslungen braucht ein Krimiheld. Das ist Dupins sechste Fall in der Bretagne, geschrieben vom Deutschen mit dem Pseudonym Bannalec. Es ist nicht sein bester Krimi. Aber die Beschreibungen von Natur und Mahlzeiten, die Lust auf Urlaub machen, sind immer schön. Rosa Küste, die Bucht von Ploumanac’h, Schweinernes aus Saint-Brieuc ...

Jean-Luc Bannalec:
„Bretonisches Leuchten“
Verlag Kiepenheuer & Witsch.
320 Seiten.
15,50 Euro.

KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

Wunschgemäß in Amerika

Im Waldviertel geschrieben: ein amerikanischer Thriller über den Saatgutkonzern Santomon, der mit Menschen experimentiert, ihnen Krebs bringt und mit dem Militär zusammenarbeitet. Auch eine angestellte Wissenschaftlerin bekommt Krebs, aber sie wird nicht einfach bloß sterben ... Das Buch hat eine längere Anlaufzeit, bevor Autor Michael Koller seine Ideen einsetzt. Lieblingssatz, es spricht die Biologin (gut ist’s, wenn man studiert hat): „Nachdem ich Dr. Wincastle wunschgemäß einen runtergeholt hatte, setzte ich mich ihm gegenüber und stützte meine Ellbogen auf seinen Schreibtisch.“

Michael Koller:
„Der Konzern“
Federfrei Verlag.
250 Seiten.
12,90 Euro.

KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

Zeit für frittierte Kukuruzhaare

Das interessanteste Kochbuch des Jahres (weil das 100. Rezept pochierter Eier brauchen wir nicht). Aus Banenschalen kann man Kuchen machen. Kukurzhaare und Karottenkraut schmecken frittiert. Aus dem hellgrünen Teil der Wassermelonenschale wird in Spanien Marmelade hergestellt. Der Karfiolstrunk wird zur Pannacotta, Apfelkerne werden Apfelkerneis ... Es muss halt alles bio sein; und auskennen muss man sich, was giftig ist. (Dahlienknollen verursachen Flatuleszenzen.) Gemüseabfälle haben kulinarisches Potenzial. Und es ist ein gutes Lebensgefühl: Es muss nicht immer das Filet sein sozusagen.

Esther Kern, Sylvan Müller, Pascal Haag: „Leaf to Root
150 Abbildungen. AT Verlag.
320 Seiten.
51,30 Euro.

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern

Im Durcheinander der Gene

Während er die Krankheit Krebs porträtierte, hat sich an Erkenntnissen einiges geändert; und so wird es auch bei seinem neuen Bestseller über die Gene sein. So schnell ändert sich alles, die Frage bleibt: Was bedeutet es, „Mensch“ zu sein, wenn man fähig ist, die menschlichen Genome zu manipulieren? Der New Yorker Forscher und Arzt Mukherjee ist ein toller Erzähler, er kommt zur rechten Zeit, um unsereiner in die Geschichte und ins Durcheinander der Genetik zu führen. Viele seiner Familienmitglieder erkrankten an Schizophrenie. „Das Gen“ ist also auch seine persönliche Geschichte.

Siddharta Mukherjee:
„Das Gen“
Übersetzt von Ulrike Bischoff.
S. Fischer Verlag.
768 Seiten. 26,80 Euro.

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern

Debüt mit Speck und Gott

Das Debüt des Norwegers Ingar Johnsrud fiel so aus, dass er die Kapitel von „Der Hirte“ geradezu herausschießt – aber andererseits Platz hat für Stimmungssätze wie: „Der Gestank fauliger Erde vermischte sich mit dem Duft kross gebratenen Specks.“ Lassen wir es spannend. Werfen wir nur so Bröckerln hin: In Oslo verschwindet die Tochter einer Politikerin. Von der christlichen Sekte „Gottes Licht“, die über den Islam schimpfte, werden Mitglieder ermordet. In Afghanistan wird ein Drogenboss erschossen. Und da passt nichts zusammen, und der Kommissar ist, wie es sich gehört, geschieden.

Ingar Johnsrud:
„Der Hirte“
Übersetzt von Daniela Stilzebach.
Blanvalet Verlag.
512 Seiten. 15,50 Euro.

KURIER-Wertung: ****

Der Adamsapfel ist scharf

Noch ein Roman der in Vergessenheit geratenen Wienerin Marta Karlweis (1889 – 1965). Ihr letzter Roman, in der Neuen Freien Presse war er 1930/1931 in 50 Fortsetzungen abgedruckt. Klug ist er. Und sehr Wienerisch: Jemand benötigt dringend einen Schneider, denn das samtgrüne Kleid ZIPFT noch immer! Eine Bissgurn fehlt nicht, Falotten gibt’s ebenfalls, und einer gewissen Frau Zemřel springt der „scharfe Adamsapfel aus der Barchentbluse“. (Barchent ist Schafwolle.) In der Ersten Republik bemüht sich eine proletarische Familie, als Hausbesitzer den bürgerlichen Schein zu wahren. Absturz.

Marta Karlweis:
„Schwindel“
Nachwort von Johann Sonnleitner. DVB Verlag.
240 Seiten. 22 Euro.

KURIER-Wertung: ****

Statt Porno lieber ein Begräbnis

Die Kapitel heißen zwar „Fucked by 2 Fat Black Cops (USA, 1981)“ oder „Die Hure mit dem großen Ohr (Frankreich, 1979)“. Aber man wird schön schauen, wenn man sich Besprechungen von Pornos wünscht, wie es im Titel steht. Denn es geht um einen österreichischen Philosophen, der eine Kolumne über schlechte Pornofilme schreiben soll. Und weil er so enttäuscht ist und ihm alles vergeht, schreibt er allmählich lieber über Hegel, über ein Begräbnis und das Gasthaus zum Agnesbrünnl. Buchautor Peter Waldeck schreibt vor allem fürs Theater und ist erfreulicherweise ein ziemlicher Vogel.

Peter Waldeck:
„Die 67 enttäuschendsten Sexfilme
aller Zeiten“
Milena Verlag.
200 Seiten. 20 Euro.

KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

Showdown mit Architektin

Überraschung! Ist ja bloß ein Krimi mit vielen Geheimnissen, aber er gibt nie vor, dass er „was Besseres“ ist – und ist allein schon deshalb in Ordnung. Schlank. Direkt.Schnörkellos. Geschickt gebaut, Stockwerk um Stockwerk – Autorin Ingrid J. Poljak ist eine studierte Architektin; und sie überlässt einer Architektin eine wichtige Rolle. Wer hat Interesse, ausgerechnet sie zu töten? Showdown am Naschmarkt bzw. bei der Karlskirche. Es gibt im Buch mehrere Tote und einen Grazer Polizisten, der sich bei den Wiener Kollegen einmischt. Der mutmaßliche Täter könnte nämlich sein Sohn sein. Sachen gibt’s ...

Ingrid J. Poljak:
„Diabellis Inferno“
Verlag Tredition.
356 Seiten.
20,60 Euro.

KURIR-Wertung: ****

Lügen wurden gern übernommen

War überfällig. So viele glaub(t)en, dass Hitlers Architekt unpolitisch war und ein nahezu widerwilliger Nazi. Die Lügen, die Albert Speer in seinen Erinnerungen auftischte, wurden von Historikern ohne Nachforschungen übernommen – wahrscheinlich, weil man sie inden 1970ern glauben wollte: War ja doch ein guter Deutscher. In Wahrheit drängte Albert Speer in die NDSAP, er half, den Krieg zu verlängern und Menschen zu opfern, um den Krieg zu gewinnen, er sah sich als Hitlers Nachfolger. Diese Biografie des deutschen Historikers Magnus Brechtken verdient das Prädikat: Pflichtlektüre.

Magnus Brechtken:
Albert Speer
Siedler Verlag.
912 Seiten.
41,20 Euro.

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern

Gegen Amerikas Raubritter

Der Amerikaner Michael Punke ist Rechtsanwalt für internationales Handelsrecht, und dafür schreibt er eh gut. Sein Roman „The Revenant“ wurde sogar mit Leonardo DiCaprio verfilmt. In seinem historischen Sachbuch „Die letzten Bisons“ berichtet Punke von einem in Vergessenheit geratenen Naturschützer, Georg Bird Grinnell, der selbst Bisons jagte, ehe er gegen dieses Raubrittertum ankämpfte ... mit Erfolg, denn die wilden Büffel wurden trotz Millionen Abschüsse nicht ausgerottet. Aber nun ist die Prärie in den Vereinigten Staaten selbst in Gefahr. Die Steppe wird kaum geschützt.

Michael Punke:
„Die letzten Bisons“
Übersetzt von Jürgen Neubauer.
Malik Verlag.
336 Seiten. 22,70 Euro.

KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

Sieg über Kollegen Bruno

Stille Wasser“ ist der 26. Krimi mit Commissario Brunetti und der langsamste – aber bestimmt nicht der schlechteste. Das „Match“ gegen den französischen Kollegen Bruno in dessen neuem Roman „Grand Prix“ gewinnt Donna Leon. Obwohl sie Brunetti Muscheln und Sepia-Eier essen lässt und er sich wundern darf, wieso das Essen stärker gesalzen ist als sonst ... Brunetti ist nahe dem Zusammenbruch. Auf der Gemüseinsel Sant’Erasmo soll er sich ausruhen. Zwar gibt es auch dort eine Leiche, aber wichtiger ist das Sterben der Bienen. Wichtiger ist das Nachdenken über das Altwerden.

Donna Leon:
Stille Wasser“
Übersetzt von Werner Schmitz.
Diogenes Verlag.
336 Seiten. 24,70 Euro.

KURIER-Wertung: ****

Ein Spatzenhirn haben andere

Es sind bestimmt nicht die Vögel, bei denen es piept. Und ein Spatzenhirn haben eher Menschen. Dass die Größe des Gehirns gar kein Vorteil ist, wurde längst bewiesen: Vögel haben stattdessen eine Unmenge von Neuronen im Hirn, und die sorgen z.B. für tolle Rechenleistung. Darauf kommt’s also an. Und dass hier eine Vogelbeobachterin neueste Fakten so schön verpacken kann, dass man nach draußen laufen will, um einem Vogel zu gratulieren: Darauf kommt es auch an. Was für ein Bild: Ein Papagei, dem das Wort „Scheiße“ beigebracht wurde, unterrichtet darin jetzt einen anderen Papagei. Die machen sowas gern.

Jennifer Ackerman:
„Die Genies der Lüfte“
Übersetzt von Christel Dormagen.
Rowohlt Verlag.
448 Seiten. 25,70 Euro.

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern