Kultur
13.06.2017

Umwerfend: "Wonder Woman“ im Schützengraben

Eine tolle Gal Gadot mischt das männliche Superhelden-Comic-Genre auf.

Wonder Woman hat noch nie einen Mann gesehen. Schon gar keinen nackten. Jetzt steht einer vor ihr – und verblüfft blickt sie an ihm hinunter: "Was ist das?"

Nicht, was Sie denken.

Es ist eine Uhr, die ihre Aufmerksamkeit erregt hat. Denn auch Uhren existieren auf der Insel der Amazonen nicht.

Die Insel der Amazonen – dort trainieren traumhaft schöne Frauen in spärlichem Gladiatoren-Outfit für den kriegerischen Ernstfall. Mit Speer und Bogen, Schwertern und Lasso. Eine davon, die Tochter der Amazonen-Königin, nennt sich Diana. Doch bald schon wird sie Wonder Woman heißen und Retterin des Superhelden-Universums werden.

Denn es war längst nötig, dieses Eigenblutdoping der Comicverfilmungen. "Wonder Woman" bringt neuen Glanz in die dröge Welt männlich dominierter Superhelden, die sich zwischen Selbstironie und Selbstüberschätzung ausgelaugt haben.

Einen ersten Blick auf "Wonder Woman" durfte man bei der Fusion von "Batman vs. Superman" werfen. Zuerst sah man nur ihren Rücken, dann eilte sie den Star-Kämpfern des DC-Comic-Verlags – ewigem Konkurrenten von Marvel – bei einem Entscheidungskampf zu Hilfe.

Bereits ihr Kurzauftritt kam beeindruckend, doch nun gehört Gal Gadot, ehemaliger "Miss Israel", die Leinwand ganz allein. Und sie versteht sie zu füllen: "Wonder Woman" rangiert auf Platz eins der US-Kino-Charts und treibt die Einnahmen ins Unermessliche. Tatsächlich vertreibt Regisseurin Patty Jenkins mit ihrer "Wonder Woman" 141 Minuten lang fürstlich die Zeit: kompakt, witzig und gefühlvoll erzählt, und mit maßvoller Action-Eleganz gekürt.

Es sieht einfach umwerfend aus, wenn sich die Amazonen über Felsenkanten abseilen und dann in Zeitlupe und wallendem Haar mit Pfeil und Bogen auf Gewehre zielen. Gal Gadot selbst ist von hinreißender Schönheit: Keiner in ihrer Umgebung kann die Augen von ihr lassen. Chris Pine in seiner Rolle als britischer Spion und amouröser Kumpel namens Steve, setzt ihr einmal sogar eine Brille auf, um von ihrer Herrlichkeit abzulenken.

Völlig umsonst, versteht sich. Und natürlich entspricht Gal Gadot mit ihrer Super-Figur und ihrem süßen Gesicht jeder Männerfantasie von der Traumfrau. Aber auch die männlichen Superhelden-Kollegen sind zumeist recht ansehnlich; Ryan Reynolds, zum Beispiel, hat als "Deadpool" gefühlte hundert Mal seinen knackigen Hintern nackt in die Kamera gehalten. Und Wonder Woman ist nicht nur aufregender Blickfang, sondern kompetente Kämpferin und resolute Freundin. Und vor allem ist sie angefüllt mit Mitleid für die Menschen.

Schützengraben

Diana will als Wonder Woman nämlich nicht nur "die Welt" retten – es tobt gerade der Erste Weltkrieg –, sondern wenn möglich die Frau und das Kind, die gerade vor ihr sitzen und ihre Hilfe brauchen. Insofern fühlen sich die Action-Szenen, die Jenkins stilsicher inszeniert, immer auch intim und bedeutungsvoll an – jenseits ihrer explosiven Schauwerte.

Gleichzeitig wechselt die Regisseurin auch trefflich die Tonart zwischen aufrichtig empfundener Trauer im Angesicht der Schützengräben und spritziger Komik.

Als Diana als Amazonen-Prinzessin erstmals im grauen London ankommt, muss sie flugs ihr kombattantes Mini-Röckchen gegen ein strenges Kostüm tauschen; der Ausblick auf ihre nackten Beine geziemt sich nicht. Auch Schwert und Schild passen nicht ganz zur gängigen Mode – von ihrem glühenden Lasso ganz zu schweigen.

Giftgas

Um den Krieg zu beenden, sucht Steve nach einer deutschen Chemikerin, die an einer Giftgasbombe für die Deutschen bastelt. Und Diana sucht nach Ares, dem Gott des Krieges: Ihrer Meinung nach ist nur er an allem Bösen schuld. Dass die Menschheit auch ohne göttliche Hilfe böse ist, gehört zu den harten Lektionen, die sie lernen muss.

INFO: USA/CHN/HK 2017. 141 Min. Von Patty Jenkins. Mit Gal Gadot, Chris Pine, Danny Huston.

KURIER-Wertung: