Gergijew als neuer Chef umstritten

RUSSIA MUSIC
Foto: APA/SERGEI ILNITSKY

Kritiker halten die Wahl von Waleri Gergijew als neuer Chef der Münchner Philharmoniker für eine Fehlbesetzung.

Der russische Pultstar Waleri Gergijew wird neuer Chefdirigent der Münchner Philharmoniker. Seine Wahl ist allerdings nicht unumstritten. Wie schon mit James Levine und dem aktuellen Interimschef Lorin Maazel haben Stadt und Orchester abermals auf einen großen Namen gesetzt. Ob der international viel beschäftigte Multi-Maestro Gergijew eine neue Ära einläutet, wie sie das Orchester einst unter Sergiu Celibidache erlebt hatte, ist ungewiss. An diesem Freitag unterzeichnet Gergijew seinen Vertrag in München.

Blick zurück

Celibidache galt zwar als schwierig, er hasste Schallplatten, bestand auf ausufernden Probenzeiten, ließ populäre Komponisten wie Gustav Mahler links liegen. Seine Berufung zum neuen Münchner Generalmusikdirektor und Chefdirigenten der Münchner Philharmoniker im Jahre 1979 war ein Wagnis. Doch der Mut, den genialischen Rumänen Celibidache an die Isar zu holen, wurde reich belohnt. Vom Ruhm seiner Ära zehren die Philharmoniker bis heute. Und viele Münchner erinnern sich mit Ehrfurcht an so manches unvergessliche Konzerterlebnis.

1996 starb der "Klangmagier", der Übervater. Seither geht man bei den Philis, wie das Orchester zuweilen salopp genannt wird, auf Nummer Sicher. Doch keiner von "Celis" Nachfolgern konnte bisher für sich reklamieren, eine neue Ära eingeleitet zu haben. Mit der Verpflichtung des weltweit präsenten russischen Multi-Maestros Waleri Gergijew, den Philharmoniker-Intendant Paul Müller schon vorab als "Lichtgestalt" pries, soll ab 2015 ein neuer Versuch gestartet werden.

Fehlbesetzung

Kritiker halten den vielbeschäftigten Künstler jedoch für eine Fehlbesetzung. Seine künstlerische Potenz steht zwar außer Zweifel. Doch ein Mann der Zukunft sei der 59-jährige nicht, rügten Kritiker. Wieder habe das Orchester eine Chance zur Erneuerung verpasst, wieder keinen Vertreter der jüngeren Generation an die Isar gelockt. Hochbegabte Künstler wie Andris Nelsons oder Teodor Currentzis etwa, mit denen das etwas behäbige Traditionsorchester gemeinsam in eine neue Richtung würde wachsen können.

Andere dagegen sprachen von einem "Glücksfall für München". Gergijew will zwar sein Amt als Chef des London Symphony Orchestra abgeben. Doch er bleibt Generaldirektor und Künstlerischer Leiter des St. Petersburger Mariinski-Theaters, neben dem Moskauer Bolschoi das wichtigste Opernhaus Russlands, was allein schon ein Vollzeitjob ist. Daneben zeichnet er weiter für das von Sir Georg Solti gegründete World Orchestra of Peace sowie diverse Festivals verantwortlich und wird sich wohl auch das eine oder andere Gastdirigat nicht nehmen lassen.

Zweifel entkräften

Münchens Kulturreferent Hans-Georg Küppers versuchte, etwaige Zweifel zu entkräften: "Wir gehen davon aus, dass, wenn einer bei uns Chefdirigent ist, er dann wirklich Chefdirigent ist." Das alles erinnert ein wenig an James Levine, Chef der New Yorker Metropolitan Opera, den sich das Orchester nach Celibidaches Tod an Land zog. Ein überragender Dirigent, ein großer Name, gewiss. Doch Levine hinterließ in seiner fünfjährigen Amtszeit am Pult der Philharmoniker kaum Spuren.

Nicht zuletzt krankheitsbedingt war der US-Star nicht viel mehr als ein gehobener Gastdirigent. Levines Nachfolger Christian Thielemann gab zunächst Anlass zu schönsten Hoffnungen. Doch schon nach einer Vertragslaufzeit von sieben Jahren zerbrach 2011 die Orchester-"Ehe" - formal an einem Streit um künstlerische Kompetenzen. Vorzeitiges Ende einer Ära, die gerade erst richtig begonnen hatte.

Die Verpflichtung des heute 82-jährigen US-Maestros Lorin Maazel als Nachfolger Thielemanns, auch er ein großer Name, war bewusst als dreijährige Interimsperiode angelegt. Nun also Gergijew, dem man als weiteres Manko ankreidet, dass er Spezialist fürs russische Repertoire ist, vor allem für das Schaffen von Dmitri Schostakowitsch. Der Zyklus sämtlicher Schostakowitsch-Symphonien, den er vergangenes Jahr mit großem Erfolg in München präsentierte, mag mit den Ausschlag für sein Engagement gegeben haben. Doch auf diesem Feld tummelt sich auch Mariss Jansons, Chefdirigent des BR-Symphonieorchesters, der als Lette in der Sowjetunion studierte. Und Kirill Petrenko, der künftige Musikchef der Bayerischen Staatsoper, stammt ebenfalls aus Russland.

(APA / moe) Erstellt am
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