Kultur
26.11.2017

Ulrich Seidl im Interview: "Mir ist kein Film missglückt"

Der österreichische Filmemacher Ulrich Seidl feiert seinen 65. Geburtstag und bringt sein Gesamtwerk als DVD-Box heraus. Ein Gespräch über sein Werk, Mittelmäßigkeit und den Tod.

KURIER: Herr Seidl, Sie feiern Ihren 65. Geburtstag, zeitgleich kommt eine 18-teilige DVD-Box mit all Ihren Werken auf den Markt. Wie geht es Ihnen dabei? Schwanken Sie zwischen Stolz und Melancholie?

Ulrich Seidl: Ich bin natürlich sehr stolz, weil wir uns diese Box über einen langen Zeitraum – eineinhalb Jahre – sehr mühsam erarbeitet haben. Manche meiner Filme, beispielsweise frühe Fernsehfilme, konnte man gar nicht mehr sehen. Insofern habe ich mir lange gewünscht, mein Werk international sichtbar zu machen. Und es ist geglückt und sehr schön geworden. Aber natürlich gibt es auch diesen Beigeschmack: Das ist jetzt das Werk. Allerdings muss man dazu sagen: Nur bis 2017 (lacht) – und dann geht es weiter. Und melancholisch bin ich nicht, nein.

Gar nicht?

Natürlich, wenn man in alte Filme hinein schaut, kommen Erinnerungen. Vor allem für das Booklet wurden Fotos ausgegraben, die ich längst vergessen hatte. Und da sieht man auch, wie die Jahre vergangen sind.

Und es sind ja auch enge Mitarbeiter von Ihnen gestorben.

Genau. Der Film "Krieg in Wien", den ich gemeinsam mit Michael Glawogger (langjähriger Mitstreiter, Kameramann und Regisseur, der 2014 verstarb, Anm.) gemacht habe, hat es bis jetzt nicht gegeben und wurde erstmals veröffentlicht.

Gibt es Filme, von denen Sie das Gefühl haben, dass Sie den "Test of Time" besser bestanden haben als andere?

Ich habe mir die Filme nicht angeschaut. (lacht) Aber ab und zu sehe ich auf Festivals immer wieder einmal einen älteren Film von mir – und natürlich gibt es da Dinge, wo man sagen könnte, die täte ich heute anders machen. Aber ich kann, glaube ich, mit Stolz sagen, dass mir kein Film missglückt ist. Und das ist schon recht viel. Jeder Film ist das geworden, was ich wollte, dass er wird.

Was können wir von Ihrem neuen Film "Böse Spiele", an dem Sie gerade arbeiten, erwarten?

Das Drehbuch habe ich mit Veronika Franz geschrieben und ging uns relativ leicht von der Hand. Es ist ein Film über zwei Brüder mittleren Alters (gespielt von Georg Friedrich und Michael Thomas, Anm.) . Wie meine "Paradies-Trilogie" über Frauen handelt, ist das vielleicht ein Männerfilm. Die beiden Brüder kommen nach vielen Jahren wieder zusammen, um die tote Mutter zu begraben und treffen ihren an Demenz erkrankten Vater wieder. Viel mehr möchte ich nicht erzählen, weil ich auch noch gar nicht weiß, wo sich der Film hinentwickelt. Ich tu’ mir schwer, über etwas zu sprechen, das noch nicht gedreht ist.

Hans-Michael Rehberg, der den Vater spielte, ist während der Dreharbeiten gestorben.

Ich wusste, dass er sterbenskrank war und habe mich bewusst auf das Risiko eingelassen. Er war einfach der beste, den ich für diese Rolle gefunden habe. Und er wollte es unbedingt machen. Er hat natürlich gespürt, dass sein Leben endlich ist – wir haben es beide gewusst. Es war wirklich ein Geschenk für mich. Ich habe auch – für mich unüblich und von seiner Krankheit wissend – nicht chronologisch gedreht. Es war für ihn auch ein letztes Geschenk. Er hat mir gesagt, dass das seit 25 Jahren die schönste Arbeit war, die er gemacht hat.

Sie haben gesagt, sein Umgang mit dem Tod hätte Sie sehr beeindruckt. Inwiefern?

Er war so diszipliniert, obwohl er ständig mit seinem Zustand konfrontiert war. Man weiß ja nie, wie es selber mit einem wird und wie man selbst reagieren würde – davor habe ich große Achtung. Ich bin ja, wie gesagt, in den letzten Jahren immer wieder mit dem Tod von mir nahestehenden Menschen konfrontiert worden. Und natürlich denkt man darüber nach. Auch der 65. Geburtstag ist etwas, wo man über den Tod nachdenkt – nicht speziell an diesem Tag vielleicht (lacht) – aber man weiß und spürt, dass das Leben endlich ist. Das wird einem bewusst gemacht. Würde man es nicht wissen, wäre es eigentlich besser, weil dann würde man sich so fühlen, wie man sich eben fühlt. Aber so ein Geburtsdatum wird einem von Außen übergestülpt. Und dann weiß man sein Alter. Aber dieser Geburtstag ist nicht der Punkt, der mich mit dem Tod beschäftigen lässt. Man ist eh damit beschäftigt – und das Thema Tod kommt immer wieder in meinen Filmen vor.

Ihre Filme sind auch international sehr bekannt und tragen viel zum hohen Status des österreichischen Films in der Welt bei. Wie wichtig ist Ihrer Meinung nach die Rolle der kulturellen Filmförderung?

Ich hätte meine Filme nicht machen können, wenn es diese Filmförderung nicht gegeben hätte. Wäre die Filmförderung in Österreich nach rein wirtschaftlichen Gründen ausgerichtet, hätte ich die Filme nicht gemacht. Und Michael Haneke auch nicht. Insofern sind wir da sehr privilegiert, und das Fördersystem hat Früchte getragen. Der österreichische Film hat immerhalb von Europa ein besonderes Renommee erarbeitet. Aber ich befürchte ein bisschen, dass er jetzt in die Mittelmäßigkeit abrutscht und Autorenfilme mehr zu Fernsehfilmen und zur "leichten Kost" verkommen. Die Mittelmäßigkeit ist der Tod. Wenn ein Film beliebiger wird, bekommt er für mich weniger Wert. Beliebigkeit ist nicht die Aufgabe einer kulturellen Filmförderung. Warum ist der österreichische Film das geworden, was er ist? Weil er über das Mittelmaß hinaus gegangen ist. Wenn man das heute nicht mehr will, wird es eine Rückentwicklung geben.

Wie kommt es dazu? Beobachten Sie das als Trend?

Das fängt bei den Autoren an, und es fängt bei den Auftraggebern an. Es hat auch mit dem Fernsehen zu tun, und möglicherweise mit Filmproduzenten und Erwartungshaltungen: Dass man sich als junger Regisseur sagt, wenn ich meine Geschichte so und so mache, dann habe ich eine größere Chance auf ein größeres Publikum. Und ich brauche das Publikum, damit ich Filme machen kann. Die Selbstzensur setzt schon ein, bevor der Film gemacht wird. Das Fernsehen beeinflusst natürlich. Die Verträglichkeit eines Films für das sogenannte Hauptabendprogramm ist etwas anderes als ein Kinofilm. Natürlich mache ich meine Filme auch für ein möglichst großes Publikum und möglichst große Verbreitung. Aber ich ziehe keine Register, um mich beim Publikum anzubiedern.

Wie stehen Sie zur Einführung der Frauenquote in der Filmförderung? Bei großen Budgets werden zu 80 Prozent immer noch Männer gefördert.

Ich finde, die sogenannte Quote sollte es in der Kunst nicht geben. Ich beurteile ein Drehbuch oder eine künstlerische Leistung nie nach dem Geschlecht.

Schon, aber manche Dinge erlernt man auch durch Übung. Wenn man öfter drankommt, kann man es auch besser.

Wir kommen alle nicht oft dran. An den Filmschulen gibt es mittlerweile mindestens eine gleich große Anzahl an Frauen wie an Männern. Und jeder soll dieselbe Chance haben, sein Projekt zu realisieren. Aber ich persönlich kann immer nur nach Qualität beurteilen.

Sie sind auch als Produzent tätig. Wie stehen Sie zu Streamingdiensten und den Erfolg von Serien?

Im Moment habe ich noch nichts damit zu tun, aber ich werde mich dem nicht verschließen. Ich habe auch selbst schon darüber nachgedacht, eine Serie zu machen. Seit langem gibt es die Idee zu einem historischen Film über den Räuberhauptmann Grasel. Das ist ein großer Stoff, der dafür geeignet wäre. Aber die Frage ist, wie sich so ein Projekt finanzieren ließe. Bei mir müssten die Leute, die mitspielen, unter den Bedingungen des 18. Jahrhunderts leben – und zwar ohne Strom und so weiter. Es geht mir um das physische Erleben – und das ist weit weg von einer normalen Filmproduktion.

Zur Person:

Ulrich Seidl, geboren am 24. November 1952 in Wien, zählt zu den renommiertesten Filmregisseuren Österreichs. Neben zahlreichen international ausgezeichneten Dokus – darunter „Good News“ (1990) und „Mit Verlust ist zu rechnen“ (1992) – wurde seinem ersten Spielfilm „Hundstage“ (2001) der Große Preis der Jury in Venedig verliehen. Seine Film-Trilogie „Paradies: Liebe“, „Glaube“ und „Hoffnung“ wurde 2012 jeweils in Cannes, Venedig und Berlin gezeigt. Zuletzt lief sein Film „Safari“ in den Kinos.