Udo Jürgens starb im Alter von 80 Jahren in der Schweiz.

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1934 - 2014
12/22/2014

Merci, Udo

Österreichs größter Entertainer starb bei einem Spaziergang. Sein Tod ist ein schrecklicher Verlust. Ein Nachruf.

von Barbara Mader

Udo Jürgens ist tot. Selten war das Wort erschütternd so passend wie hier. Mit Udo Jürgens, Österreichs größtem Sänger und Entertainer, ist ein Stück von uns allen gestorben. Der Künstler, der erst vor knapp drei Wochen den Auftakt seiner Österreich-Tournee "Mitten im Leben" in der Salzburgarena gefeiert hatte, ist am Sonntag völlig unerwartet bei einem Spaziergang in Gottlieben im Schweizer Kanton Thurgau bewusstlos zusammengebrochen. Trotz sofortiger Wiederbelebungsversuche starb Jürgens um 16.25 Uhr im Krankenhaus von Münsterlingen an Herzversagen (mehr dazu hier).

Einzigartige Karriere

Udo Jürgens' Siegeszug als Solo-Künstler in der deutschsprachigen Musiklandschaft begann in den 1960er Jahren. Nach einigen kleineren Erfolgen fuhr er 1966 als Song-Contest-Sieger nach Hause. "Merci Cherie" macht ihn über Nacht zum Star. Zeitlebens hat Jürgens rund 1000 Lieder komponiert und an die 100 Millionen Tonträger verkauft. Damit ist er der erfolgreichste deutschsprachige Interpret der Geschichte. Am 30. September 1934 in Klagenfurt geboren, lebte Jürgens seit 1977 in Zürich. Auch aus steuerlichen Gründen. 2007 nahm er parallel die Schweizer Staatsbürgerschaft an (mehr zu Udo Jürgens Privatleben).

Udo Jürgens schrieb Welthits für Frank Sinatra und Sammy Davis Jr., hatte Nummer-1-Hits in Frankreich und Japan. Als vor wenigen Wochenim Fernsehen sein 80. Geburtstag gefeiertwurde, gab es tatsächlich noch einen dieser so selten gewordenen großen TV-Momente: die ganze Familie, Generationen waren versammelt.

Die meisten Österreicher hatten seine Karriere miterlebt, waren mit seinen Lieder aufgewachsen oder hatten sie in dritter und vierter Fan-Generation neu entdeckt. Auch das Feuilleton zollte ihm Respekt. Lieder wie "Das ehrenwerte Haus" oder "Griechischer Wein" sind Klassiker.

2011 bekam er die KURIER-Romy für das Lebenswerk.

Letztes Album

Udo Jürgens war 60 Jahre im Musikgeschäft. Die Frage, wie lange er noch arbeiten werde, hatte er zuletzt schon satt, wie er vor wenigen Monaten im Interview mit dem KURIER bekannte: "Das hat man mich schon vor 30 Jahren gefragt. Ich weiß nicht, wann ich mich zurückziehe. Das Leben setzt uns rechtzeitig Schranken, das Schicksal sorgt für die Richtung", sagt er anlässlich der Präsentation seines letzten Albums.

Er wirkte zuletzt abgeklärt, selbstkritisch und trotzdem zuversichtlich. Bäume wolle er keine mehr ausreißen, aber durchaus noch welche pflanzen, heißt es auf der CD. Es gebe auch mit 80 noch so viel zu entdecken.

Sein Lieblingslied unter alle seinen Songs sei "Ich weiß, was ich will", das in den späten 70er-Jahren entstand. "Damals war ich allerdings weit davon entfernt, das zu wissen", sagte Jürgens. Er wird schrecklich fehlen.

Reaktionen: Die Welt trauert um großen Entertainer.

Udo Jürgens: Krisen, Ängste & Gefühle

Was ich mir vorwerfe? Ich habe privat versagt

Freitag, 5. Dezember, Wiener Stadthalle. 10.000 Menschen wollen ihn sehen, ihn spüren, ihn liebhaben. Udo- Sprechchöre, minutenlanger Auftrittsapplaus, Getrampel. Später verrät er: "Ich blinzle jeden Abend durch den Vorhang in Ihre Gesichter, wenn Sie in den Saal strömen und ich frage mich jeden Abend: Warum kommt grad der oder die zu mir?" Und als sich kurz nach der Pause die ersten vor der Bühne einfinden, um ihn zu berühren, sagt er: "Warten Sie bitte noch zwei, drei Lieder. Wenn ich jedem die Hand schüttle, dauert das eine lange Weile. Und ich hasse Langeweile. Wissen Sie, so ein Konzert ist eine physische und psychische Herausforderung – selbst für einen so jungen Menschen wie mich." Schließlich, als seine größten Erfolge eingefordert wurden, gibt er zu denken: "Ich weiß, Sie wollen die alten Sachen, aber ich singe lieber die neuen, weil sonst glauben Sie ja, der denkt über nichts Neues mehr nach ..."

Opinion-Lieder

Als wir einander nach diesem – jetzt weiß man’s – letzten Auftritt in kleiner Runde zum letzten Mal auf ein (1!) Glas Sekt und eine (1!) Zigarette begegnen, da fasse ich mir ein Herz und gleich auch seine Schultern: "Du warst dein ganzes Leben anständig. Und zwar kein Gutmensch, wie Miesmenschen gerne sagen, sondern ein guter Mensch."

Er schmunzelt, die gemeißelten Züge werden weich – hart an der Grenze zur Verlegenheit – und er antwortet: "Danke. Aber es gibt genug, was ich mir vorwerfe." Was? "Ich habe privat versagt."

Zwei Ehen, tausend Affären, vier Kinder. Als Familienvater hatte er in der Tat keine nennenswerten "Hits". In der Eiszeit mit Panja zogen sie in der Mitte ihrer Zürcher Villa sogar eine Demarkationslinie. "Ich wollte immer nur grenzenlose Liebe und Leidenschaft. Ich war wie süchtig danach. Das war leider der falsche Weg."

Aber was er sang, waren von Anfang an Opinion-Lieder. Gegen den Fremdenhass ("Griechischer Wein"), gegen die das Pillenverbot des Papstes ("Gehet hin und vermehret euch"), gegen Drogen ("Rot blüht der Mohn"), gegen Mobbing ("Das ehrenwerte Haus"). Angesichts der Todesursache dachte ich: Das erste Mal in 80 Jahren, dass dein Herz versagt. Merci, Freund.

Die schönsten Hits von Udo Jürgens

Adieu, Adieu, Adieu

Die deutschsprachigen Medien haben am Montag den überraschend verstorbenen Musiker und Entertainer Udo Jürgens noch einmal hochleben lassen. "Merci, Udo", "Vielen Dank für die Blumen", "Adieu, Adieu, Adieu", heißt es in Anspielung an Lieder und Liedtexte des Stars.

In der Schweiz und in Deutschland dominiert auf den Titelblättern und Nachrichten-Websites ein Mann: Udo Jürgens, der am Sonntagnachmittag im Alter von 80 Jahren überraschend auf einem Spaziergang im Schweizer Kanton Thurgau zusammengebrochen und im Spital an Herzversagen gestorben ist.

Schweiz

"Merci, Udo", titelt die Schweizer Boulevardzeitung Blick und räumte die Frontseite für ein ganzseitiges Bild des populären Musikers. "Die Welt muss Abschied nehmen von einem der letzten großen Entertainer".

"Mitten aus dem Leben gerissen", heißt die Schlagzeile beim Schweizr Tages-Anzeiger. Anspielungen auf den Titel seiner gerade abgeschlossenen Tournee "Mitten im Leben" machen viele Zeitungen und Websites.

"Abschied von einer Musiklegende", verkündet die Neue Zürcher Zeitung nüchtern auf ihrer Titelseite. "Das Ende einer unaufhörlichen Melodie", schreibt die Basler Zeitung. "Seine Lieder bleiben", heißt es auf SRF.ch. Das Schweizer Fernsehen SRF sendete am Sonntagabend einen Dokumentarfilm zu Udo Jürgens anstelle eines Best of-Zusammenschnitts der Satieresendung "Giacobbo/Müller".

Udo Jürgens lebte im Kanton Zürich, kam in Österreich als Sohn deutschstämmiger Eltern auf die Welt und hatte sowohl die schweizerische wie auch die österreichische Staatsbürgerschaft - entsprechend überspannt sein Tod die Medien in den drei Ländern.

Deutschland

"Keiner beherrschte die Kunst besser, dem deutschen Schlager Tiefgang zu geben. Keiner stand zugleich so über diesem Genre. Udo Jürgens war die Größe in der Branche, die doch sonst so von Oberflächlichkeit lebt", schreibt Spiegel online.

"Merci dem Mann am Klavier", titelt Welt.de. Eine stilbildende Art Lied habe er entwickelt, das Udo-Jürgens-Lied. "Er sang über unsere Hoffnungen, weil er sie teilte", hieß es auf Sueddeutsche.de.

Ebenfalls ein omnipräsentes Thema: Udo Jürgens und die Frauen. "Treue war was für die Anderen", fasste die deutsche Bild-Zeitung zusammen.

Nicht fehlen auf den Onlineseiten dürfen die zahlreichen Reaktionen aus Showbusiness, Medien und Politik. In Tweets und anderen Kurzzitaten kommen Weggefährten, Bewunderer und Familienmitglieder zu Wort.

Weltweit

Nüchterner, weil unbekannter behandelt die Onlineausgabe der New York Times den Tod von Jürgens und schreibt "Deutschsprachiger Pop-Superstar Udo Jürgens gestorben".

Die britische BBC.com schreibt "Udo Jürgens, einer der bekanntesten Komponisten und Interpreten der deutschsprachigen Welt, starb im Alter von 80."

Auch in Japan wird über den Tod berichtet, ebenfalls nüchtern und mit Distanz. So schreibt die englischsprachige Japan Times "Österreichischer Schlagersänger Udo Jürgens, 80, starb in der Schweiz".

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