Udo Jürgens: „Udo 80“, „Hautnah“ und „Das blaue Album“ sind seine vielleicht stärksten Arbeiten.

© APA/KEYSTONE/STEFFEN SCHMIDT

Udo Jürgens
12/23/2014

Alles außer dem Metal-Album

In seiner langen Karriere ließ er kaum einen Stil aus – das sind seine besten Alben.

von Guido Tartarotti, Brigitte Schokarth

Schlager? Pop? Chanson? Jazz? Vielleicht sogar Rock? Wie bei allen ganz Großen ist es unmöglich, Udo Jürgens auf einen Stil festzulegen. Es war und ist: Udo-Jürgens-Musik. Ein Genre, das nur von ihm selbst bewohnt wurde.

In den Fünfzigerjahren war er ein Jazz- und Bar-Pianist. In den Sechzigerjahren schrieb er Chansons. In den Siebzigern sicherte er seinen Erfolg durch mehrheitsfähigen Schlager ab. In den Achtzigern flirtete er mit Pop, danach auch mit Rock. Plötzlich durfte auch der Gitarrist in seiner Band mit verzerrter Gitarre fingerflinke Soli spielen. Dass zu dieser Zeit eine neue Generation von Party- und Apres-Ski-Hit-Konsumenten die Mitgröhlkompatibilität seiner Erfolgsmelodien entdeckte, störte Jürgens ausdrücklich nicht.

In den Neunzigerjahren gab ihm seine Plattenfirma Ariola die volle künstlerische Freiheit: Er konnte ab sofort abliefern, was er wollte. In einem Interview mit dem Autor dieser Zeilen äußerte Jürgens Interesse für die Hardrock-Szene. Ich schlug ihm scherzhaft vor, doch ein Heavy-Metal-Album aufzunehmen, die Plattenfirma müsse es sowieso veröffentlichen. Er dachte kurz nach und meinte dann, das könne er dem Label nicht antun.

Alben

Mit dem 1979 erschienenen Album "Udo 80" verblüffte er erstmals. Mit "Wort" versuchte er sich am Symphonic-Rock, "Ich weiß, was ich will" ist ein vor Energie vibrierendes Bekenntnis zum Lebens-Hunger, "1000 Jahre sind ein Tag" (aus der TV-Serie "Es war einmal der Mensch") ist ein unwiderstehlicher Rocksong.

1984 kam "Hautnah" heraus: Prallvoll mit starken Melodien und guten Arrangements, dazu kritische Texte ("Rot blüht der Mohn", "Am Tag davor"). Großer Herzensbrecher: Das Duett mit Tochter Jenny ("Liebe ohne Leiden").

Im Jahr 1988 brachte er seinen letzten Klassiker heraus: "Das blaue Album". Mit "Gehet hin und vermehret euch", einem Stück zum Thema Überbevölkerung, legte er sich mit der Kirche an und kam in Bayern auf den Index. Aber auch der Rest des Albums ist stark: Lieder voller Kraft, zum Teil weidwund und verzweifelt klingend. Irrelevant wurde Jürgens danach zwar nicht, aber die Melodien wurden ein wenig schmal, die Texte ein wenig kurzatmig.

Dennoch wurde er nie belanglos. Seine Lieder waren harmonisch und rhythmisch anspruchsvoll und verlangten dem Interpreten große Melodiebögen ab. Man beobachte einmal, wie Karaoke-Sänger am Tonartwechsel in "17 Jahr, blondes Haar" scheitern, oder eine Party-Runde am Groove von "Griechischer Wein". Und "Merci Cherie" ist für Sänger ein Monster von einem Lied...

Udo Jürgens privat

Rote Rosen für Johann Strauß

Erinnerung. Irgendwann in den 90er-Jahren Backstage im Wiener Austria Center. Udo Jürgens hat gerade ein umjubeltes Konzert gegeben. Jetzt ist noch eine Presse-Konferenz angesetzt. Die PR-Agentin seiner Plattenfirma hat mich gebeten, da auch hinzukommen. Es seien viele unerfahrene Journalisten dabei, hat sie gesagt. Deshalb wäre es ihr lieb, wenn ich das Gespräch in Gang bringen könnte. Gerne! Ich habe ohnehin noch nie mit Udo gesprochen, immer nur gehört, dass er ein toller Interview-Partner sein soll. Tatsächlich ist Udo – auch kurz vor Mitternacht und mit der Show in den Knochen – engagiert bei der Sache, widmet sich aufgeschlossen jeder Frage. So wird die „Pressekonferenz“ schnell zu einem angeregten Gedanken-Austausch. Vielleicht hat Udo deshalb jetzt noch einen Wunsch: Er bittet uns, ihm zu helfen. Es geht um die Blumen, die ihm die Fans während des Konzertes auf die Bühne gereicht haben. Bei seinem ersten Wien-Konzert, erzählt er, habe er eine einzige rote Rose bekommen. Die brachte er aus Dankbarkeit zum Johann-Strauß-Denkmal in den Stadtpark. Seither macht er das nach jedem Wien Konzert – mittlerweile mit Dutzenden dicken Pracht-Sträußen und längst nicht mehr alleine.

Amüsiert

So haben wir alle die Arme voll Blumen, als wir den Ausgang aus dem Austria Center suchen. Wir müssen lange suchen, denn es ist spät geworden, die Türen sind schon abgeschlossen. Udo amüsiert der Irrgang. Auch, dass es schließlich ein Lastenaufzug ist, in den ein Lkw passen würde, der uns ins Freie zu den Autos bringt. Es ist schon zwei Uhr morgens, als wir in den Stadtpark kommen. Kichernd und unsicher, ob das verboten ist, krabbeln wir auf dem Denkmal rum und platzieren unter Udos Anleitung Nelken und Lilien auf der Geige und den Armen der goldenen Statue. Das letzte Bouquet Rosen legt Udo Johann Strauß selbst zu Füßen. Und für eine Minute an diesem Abend weicht seine Fröhlichkeit ehrfürchtiger Nachdenklichkeit.

Udo Jürgens verfügte Einäscherung

Es waren weiße Chrysanthemen, die ich zum Abschied dir gesandt. Es war ein stilles Abschiednehmen, denn ich ging in ein fernes Land ...", sang Udo Jürgens im Song "Es waren weiße Chrysanthemen" (1956).

Nach dem unerwarteten Tod des Entertainers revanchieren sich nun die Fans bei ihrem Idol: Vor dem Eingangsbereich des Krankenhaus Münsterlingen (Schweiz), in dem Jürgens am Sonntag um 16.25 Uhr für tot erklärt wurde, werden Blumen niedergelegt. Zu seinem Haus in Gottlieben am Bodensee pilgern Menschen und zünden Kerzen an. Und das Internet ist voller persönlicher Anteilnahme: "Lieber Udo, Sie waren der Größte. Danke für alles, Sie werden unendlich fehlen", schreibt etwa der Leser Oskar Blum auf KURIER.at.

Immer mehr Details zum Tod von Udo Jürgens werden bekannt gegeben. So hat dem Sänger auch die schnelle Verfügbarkeit eines Defibrillators nicht mehr das Leben retten können. Das medizinische Gerät hing nur wenige Hundert Meter von der Seepromenade entfernt am Gemeindehaus in Gottlieben. Von dort holte es Jürgens Begleiter, sein langjähriger Chauffeur, Bühnenmusiker und Assistent Billy Todzo, und versuchte den ohnmächtigen Jürgens wieder ins Leben zurückzuholen. Erfolglos.

Beerdigung

Eine öffentliche Trauerfeier für Udo Jürgens soll frühestens Mitte Jänner stattfinden. Dies kündigte sein Sprecher Thomas Weber am Dienstag an. "Das muss alles ohne Hektik vorbereitet werden", sagte Weber. Der Künstler habe eine Feuerbestattung verfügt, sagte Weber.

Sie solle im engsten Familienkreis unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden. Dieser Wunsch möge respektiert werden, sagte Weber. Es gibt Spekulationen, dass Jürgens ein Ehrengrab am Zentralfriedhof in Wien erhalten könnte. "Das ist eine Option", sagte Weber dazu.

Abschied

Nach dem Ableben herrschen allerorts Fassungslosigkeit und tiefe Trauer. Nationale Medien sagten "Merci!" und auch deutschsprachige Tageszeitungen ehrten den Sänger, Komponisten und Menschen Udo Jürgens: "Deutschland ist schockiert. Und stumm. Udo Jürgens schien alterslos – in unseren bewundernden Augen", schrieb etwa die Bild.

Von Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ) bis Conchita Wurst: Tausende haben nach dem Tod Udo Jürgens’ ihre Trauer zum Ausdruck gebracht. Sein Ableben hat auch auf präsidialer Ebene Wirkung gezeigt. "Ein plötzlicher Tod hat einen großen Künstler mitten aus dem Leben gerissen und uns fassungslos zurückgelassen", sagte Bundespräsident Heinz Fischer am Montag. Jürgens habe den Gefühlen und Hoffnungen von Millionen Menschen Ausdruck verliehen. "Er war ein großer Österreicher und hat Musikgeschichte geschrieben." Der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck schrieb in seinem Kondolenzbrief an Jürgens' Tochter Jenny, dass mit dem Sänger "ein Großer des deutschen Chansons gestorben" sei. "Seine Lieder haben uns alle begleitet und erfreut, manchmal auch getröstet und nachdenklich gemacht."Apropos Kondolenzbrief: Im Wiener Wachsfigurenkabinett Madame Tussauds, in dem Udo Jürgens 2013 sein wächsernes Ebenbild feierlich enthüllte, liegt in den kommenden Tagen ein Kondolenzbuch auf. Indes übertreffen sich Kärntner Politiker mit ihren Ideen: Die Vizebürgermeisterin von Klagenfurt, Maria-Luise Mathiaschitz (SPÖ), möchte den Klagenfurter Flughafen nach Udo Jürgens benennen. Landesrat Gerhard Köfer (Team Stronach) konterte mit dem Vorschlag, die Wiener Gasse in der Klagenfurter Innenstadt umzubenennen. Dort befand sich nämlich einst das "Tanz-Café Lerch", in dem Jürgens in den 50er-Jahren als Swing- und Jazzmusiker auftrat.

Udo Jürgens im Porträt

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