TV-Experiment "Dreileben" auf ARD

Ein Verbrecher, drei Regisseure: Schauspieler Stefan Kurt  wurde von Christoph Hochhäusler, Dominik Graf und Christian Petzold  in Szene gesetzt. Erst am Ende ihrer drei Filme erklärt sich der Anfang.
Foto: wdr

Drei hochkarätige Regisseure, eine Idee, drei Filme: Die ARD wagt mit "Dreileben" (ab 20.15 Uhr) ein Fernsehexperiment.

Man braucht Geduld und Köpfchen, um das durchzustehen. Und Sitzfleisch. Oder einen Videorekorder. Die ARD lädt zur Mörderjagd. Obwohl - als Beschreibung wird das diesem Projekt in keiner Weise gerecht. "Dreileben" heißt es, dauert drei Mal 90 Minuten, wurde bei der diesjährigen Berlinale präsentiert und von der New York Times bis zur Welt als eine Art Fernsehphänomen gepriesen.

Erdacht haben es die Regisseure Dominik Graf, Christoph Hochhäusler und Christian Petzold. Und ihre Idee lautete: drei Männer, drei Filme, aber ein roter Faden. Heißt: Dieselbe Story aus drei Perspektiven betrachtet. Obwohl auch diese Definition dem Projekt nicht gerecht wird. Es ist schwierig.

Der Plot

Am Anfang gab es jedenfalls einen Plot von Petzold. Ein (tatsächlicher oder vermeintlicher) Mörder wird in ein Kaff namens Dreileben gebracht, um sich im dortigen Hospiz von seiner sterbenden Mutter zu verabschieden. Wegen der Unachtsamkeit beziehungsweise Ahnungslosigkeit eines als Pfleger arbeitenden Zivildieners gelingt ihm die Flucht. Der Mann versteckt sich in den Wäldern. Zur Suche holt man auch eine Polizeipsychologin aus der Stadt, die allerdings ein paar eigene Dinge im Städtchen zu erledigen hat ...

In "Dreileben - Etwas Besseres als den Tod" (20.15 Uhr) erzählt nun Petzold die Geschichte aus der Perspektive des Zivildieners. Dominik Graf schließt in "Dreileben - Komm mir nicht nach" (21.45 Uhr) mit den Erlebnissen der Polizeipsychologin an. Und in "Dreileben - Eine Minute Dunkel" (23.30 Uhr) schildert Hochhäusler, was der Verbrecher währenddessen im Wald erlebt.

"Die Drehbücher entstanden autonom, in Abstimmung und hie und da auch in bewusster Nichtabstimmung", erklärt Graf. "Wir wollten keinen dramaturgisch nahtlosen Zusammenhang", ergänzt Hochhäusler. "Eher ging es uns um ,Nachbarschaft ohne Jägerzaun'". "Und", so Petzold, "um die Frage: Wie filmen die beiden anderen diese Tankstelle, dieses Zimmer, diesen Flur? Und, dass es ein Vergnügen für den Zuschauer sein soll, eben diese Orte so verschieden betrachtet sehen zu können."

Auch stilistisch sind die Filme also höchst unterschiedlich; es gibt nicht einmal einen einheitlichen Vorspann. Keinen Look. "Um Gottes willen", stöhnt Graf. "Ich mag schon das Wort ,Look' nicht. Es kommt aus der Werbung und ist eine ästhetische Übereinkunft von Kameraleuten, Producern und Auftraggebern. Ein völlig Regie-fremder Begriff." "Das hat uns überhaupt nicht interessiert", sagt auch Petzold. "Mir gehen langsam diese durchgestylten Serien auf den Nerv. Ganz ProSieben ist ja im Jerry-Bruckheimer-Licht illuminiert."

Die Filme

Ergo drehte Petzold - im typischen Petzoldmodus elegisch-kühl - einen Film noir über eine Amour fou (der Zivi liebt eine bosnische Asylwerberin), eine romantische Tragödie über ein junges Paar, das einem Gewalttäter über den Weg läuft.

Graf zog das Tempo an. Er verdichtet mit der ihm eigenen 70er-Jahre-Bildsprache die aufgebaute Spannung zum Sittenbild einer Kleinstadt: Die Polizistin wohnt bei alten Freunden, was bald zum Problem wird. Hochhäusler wiederum entschied sich für ein Märchen - der große böse Wolf streift unter kathedralenartigen Baumwipfeln umher. Malerisch!

"Eine Temperamentsfrage", lacht Hochhäusler, der gesteht, durchaus überrascht gewesen zu sein, wie "der stilistische und erzählerische Kontrast die Zusammenhänge erst lebendig machte".

Nicht zuletzt, weil er dem fantastischen Schauspieler Stefan Kurt als Mörder breiten Raum lässt, ist dieser Teil der spannendste. Er führt auch aus, was vorher nur angedeutet war: In Teil eins stirbt ein Mädchen durch ein Messerattentat, in Teil drei erfährt man, wie's dazu kam. In Teil zwei tappt der Kriminelle in die Falle, wird verhaftet; warum ihm das passiert, erklärt sich ebenfalls in Teil drei.
Wie gesagt: schwierig.

Doch wer dranbleibt und für Quote sorgt, wird vielleicht mit Fortsetzung belohnt. "Ich würde das gerne noch mal mit den beiden machen", meint Petzold. "Allein zu dritt oder zu dritt allein sozusagen", schließt Graf.

(kurier) Erstellt am
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