Kultur
04.01.2012

TV-Drama: Ein Albtraum auf einem Traumschiff

Die Mona-Film zeigt "Die lange Welle hinterm Kiel" (4. 1., 20.15, ORF 2) nach Pavel Kohout. Als alte Feinde stehen einander Christiane Hörbiger und Mario Adorf gegenüber.

Es ist ein mutiges Buch von Pavel Kohout, ergo ein mutiger Film, über die deutsch-tschechische Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg. Im KURIER-Gespräch spricht der in Prag und in Wien lebende Autor auch über die Beneš-Dekrete und über den kürzlich verstorbenen tschechischen Staatsmann Vaclav Havel. Weiter unten lesen Sie Kurzinterviews mit Mario Adorf und Veronica Ferres.

KURIER: Herr Kohout, Sie mussten in Ihrem Leben zwei Terrorregime miterleben ...
Pavel Kohout:
Mein Leben war von zwei Massengewaltversuchen geprägt: Vom gescheiterten Versuch der Nazis, nach den Juden auch die Slawenauszurotten, und vom Prager Aufstand, während dem ich als Siebzehnjähriger erst Augenzeuge von Heldentaten und dann von Schandtaten wurde, als der Mob nach dem Ende der Kämpfe Emotionen an schuldlosen Zivilisten auslebte.

Wann haben Sie sich zum ersten Mal frei gefühlt?
Schon längst. Frei kann man auch in einer unfreien Gesellschaft sein, wenn man bereit ist, den Preis dafür zu zahlen. Wir haben 1968 versucht, das System zumindest zu reformieren. Seit ich in Prag die russischen Panzer sah, wusste ich definitiv, dass der „reale“ Sozialismus sowjetischer Prägung nur noch eine Farce bleibt und versuchte es zum Ausdruck zu bringen, weshalb mich Dramaturgen an deutschen und österreichischen Theatern als einen Verräter am Sozialismus zu boykottieren begannen. Fast eine ganze Schriftsteller-Generation wurde zu Unpersonen gestempelt und lebte eigentlich in einer Belagerung. Aber gerade deswegen fühlte ich mich freier als diejenigen, die sich mit dem Regime des Unrechts arrangierten. Eigentlich schrieben wir die für uns besten Bücher und Stücke in der Zeit der größten Unfreiheit.

Kohout über die Beneš-Dekrete und Vaclav Havel

Warum haben Sie sich mit „Die lange Welle hinterm Kiel“ dem immer noch schwelenden Konflikt zwischen Sudetendeutschen und Tschechen vorgenommen?
Es hätte andere zeithistorische Themen gegeben, das Heydrich-Attentat zum Beispiel. Das habe ich bereits in der „Sternstunde der Mörder“ getan. Es ist ein Teil meiner persönlichen Geschichte, weil mein Vater einer der Männer war, die die Attentäter mit Nahrungsmitteln versorgt hatten, und einer der wenigen, die das große Schlachten überlebten. Für mich war für „Die lange Welle hinterm Kiel“ interessant, wie die am meisten betroffene Generation immer noch an den Folgen des Krieges leidet und manchmal sogar versucht, ihn auch weiter zu führen. Auslöser für beide Bücher war die neue Terrorwelle auf dem Balkan in den neunziger Jahren. Die hat mich in meine Jugend zurückversetzt, da haben wieder Menschen erlebt, was ich erlebt habe, da wurden wieder Kehlen durchgeschnitten, nur weil einer eine andere Sprache, eine andere Religion hatte.

Die Diskussion entzündet sich auch immer wieder an den Beneš-Dekreten. Was sagen Sie dazu?
Das ist eine zu komplizierte Frage. 1945/1946 war wie eine Stunde Null für Europa. Die Deutschen waren von allen verhasst, auch ihre Musik und Literatur. Damit ist zu erklären, was dann passierte: das Abschieben fast aller Sudetendeutschen aus der Tschechoslowakei. Vaclav Havel hat sich bei seiner ersten Neujahrsrede für die begleitenden Verbrechen entschuldigt, leider wurde seine entgegen gestreckte Hand nicht angenommen. Ich habe fünfzig Jahre gebraucht, um dieses Buch zu schreiben, weil ich so lange nicht wusste, wie ich die Geschichte erzählen soll, damit keine der beiden Seiten einen Heimvorteil hätte. Vielleicht wird auch so mancher Leser und Zuschauer beklagen, dass die Schicksale nicht bis zum letzten Ende geklärt werden. Aber das Leben hat seine Geheimnisse, und gerade die zwingen uns zum Nachdenken.

Woher nimmt man die Größe, so etwas zu schreiben?
Ich bin nur 1,73 Meter groß. Es liegt wahrscheinlich weniger an der Größe als an der Länge des Lebens. Ich habe zu viel erlebt, zu viel erfahren, als dass es mir nicht als Gotteslästerung schiene, darüber zu schweigen. Deshalb habe ich auch meine Memoiren geschrieben, die deutsch unter dem passenden Titel "Mein tolles Leben mit Hitler, Stalin und Havel" erschienen sind.

Und wie kamen Sie auf die Idee, die Geschichte auf einer Kreuzfahrt zu erzählen?
Das Drama in einer exotischen Kulisse passieren zu lassen, war die erlösende Idee. In einer Kulisse, die überhaupt nicht dazu passte, führen zwei alte Menschen den Zweiten Weltkrieg zum bitteren Ende. Das Traumschiff wird zum Albtraumschiff, auf dem es kein Entrinnen gibt.

Zwischen den Protagonisten Ihres Romans gibt es keine Annäherung, keine Versöhnung. Haben Sie solche Menschen gekannt?
Margarete Kämmerer und Martin Burian sind ja meine Zeitgenossen, aber in diesem Werk fiktive Personen. Und wie die Geschichte mit den beiden wirklich ausgeht, wissen wir nicht, da sind wir nicht mehr dabei. Es gibt drei Möglichkeiten, im Roman als auch im Film. Und eine ist Versöhnung. Ab und zu muss eine Generation abtreten, damit auch das Problem stirbt, damit sich die nächste wieder zusammen finden könnte. Das passiert in der Geschichte immer wieder. Wer hätte gedacht, dass die Deutschen und die Franzosen, einmal die größten Verbündeten werden?

Apropos, Film: Wie gefällt er Ihnen?
Am Film bin ich voll mitschuldig, was immer gut oder schlecht ist, ist auch von mir. Ich bin selbst Theater- und Filmregisseur und weiß, da gibt es nur einen Chef. Buch ist Buch und Film ist Film; wenn ich selber inszeniere, ändere ich auch vieles nach Bedarf des jeweiligen Genres. Ich habe diesen Film akzeptiert, er hält sich auch sehr ans Buch; der Haupterzählstrang, der volle Konflikt ist da.

Sie sind mit Vaclav Havel der Miterfinder der Charta 77. Mit welcher Hoffnung verfassten sie diese Petition?
Mit einer Hoffnungslosigkeit. Wir haben so viele Briefe für verhaftete Freunde geschrieben, dass wir uns damals sagten, jetzt setzen wir eine Petition aller Petitionen für Menschenrechte auf. Seit damals bis heute habe ich keine andere mehr unterschrieben. Wir dachten an einen kleine Schrei als eine kleine Chance – und er wurde in der ganzen Welt erhört. Zum ersten Mal seit Gründung der Tschechoslowakei 1918 hatten alle geistigen und geistlichen Kräfte des Landes gemeinsam an einem Strang gezogen.

Ihr Verhältnis zu Vaclav Havel?
Wir sind uns bis zuletzt nahe geblieben. Ich habe in Prag im Herbst gerade erst mit seiner Frau Dagmar am Theater gearbeitet: Sie war die Roxana in meiner „Cyrano“- Fassung.

Wie beurteilen Sie die heutige Tschechische Republik?
Über den Weg, den die Tschechische Republik in der EU einnimmt, bin ich zufrieden. Er ist schwierig, vor allem jetzt, wo der Euro so geschwächt ist. Aber die Chance ist einzigartig; sollte sie zugrunde gehen, wäre es eine Katastrophe für Europa und die ganze Welt. Natürlich wollen Bürokraten immer so viel Macht wie möglich haben, um ihre Ziele umzusetzen, und haben oft blöde Ideen. Aber wenn jemand EU-pessimistisch ist, soll er sich die Europakarte aus meinem Geburtsjahr anschauen. Die EU kaputt zu machen wäre unverzeihlich. Ich glaube mit Churchill: die Demokratie ist das beste von allen schlechten Systemen; die Menschen, die sie verkörpern, sind keine Engel, also werden wir auch nie einen Engelsstaat haben. Es genügt doch vollkommen, dass es darin keinen Platz für die Teufel gäbe.

Adorf redet über die Geschichte

Es war, sagt Pavel Kohout, "die erlösende Idee" sein Drama in einer exotischen Umgebung passierenzulassen: "In einer Kulisse, die überhaupt nicht passt, führen zwei alte Menschen den Zweiten Weltkrieg zum bitteren Ende. Das Traumschiff wird zum Albtraumschiff, auf dem es kein Entrinnen gibt." Diese Protagonisten sind Margarete Kämmerer und Martin Burian, laut Kohout "meine Zeitgenossen, aber in diesem Werk fiktive Personen."

Christiane Hörbiger spielt Margarete Kämmerer, eine exzentrische Millionärin. Sie geht auf Kreuzfahrt – um an Bord ihrem Todfeind aus dem Zweiten Weltkrieg zu begegnen: Martin Burian, der als tschechischer Gardist ihren Mann exekutierte: "Keine angenehme Zeitgenossin", sagt Hörbiger. "Es hat mich gereizt jemand darzustellen, der es ,damals’ wunderbar fand. Sie rettet sich in Ausreden, die ich als junges Mädchen auchmiterlebt habe."

Mario Adorf spielt Prof. Burian. Margaretes Mann hatte nicht nur seinen Bruder ermordet, er war auch SA-Ortsgruppenleiter.

Adorf im KURIER-Gespräch:

KURIER: Herr Adorf, wie gefällt ihnen der fertige Film?
Mario Adorf: Ich habe den Film nun zum ersten Mal gesehen und entwickle gerade ein Hoffnungsdiagramm: Wie wird er ankommen? Werden die Leute verstehen, worauf es uns ankommt?

Wie war die Zusammenarbeit mit ihrer Film-Widersacherin Christiane Hörbiger?
Ich habe zum ersten Mal mit Frau Hörbiger gearbeitet und war sehr neugierig. Leider musste ich laut Drehbuch feststellen, dass wir wahnsinnig wenig vor der Kamera miteinander zu tun hatten. Das war für mich persönlich zwar eine Mangelerscheinung, aber eine geschickte dramaturgische Lösung, dass die Hauptfiguren nichtmiteinander reden können. Erst am Ende ... – aber das soll ja ein Geheimnis bleiben, ob und wie sie zueinander finden oder nicht.

Kannten Sie Pavel Kohout schon vor dieser Arbeit?
Kohout schätze und kenne ich auch als Theaterautor. Das Thema der "Langen Welle hinterm Kiel" ist eines der am wenigsten aufgearbeiteten in Deutschland. Die Problematik der Sudetendeutschen ist ein wenig liegen geblieben, obwohl es so wichtig wäre. Kohout ist auch ein bekannter, wichtiger Mann des Prager Frühlings, ein Begriff, eine Persönlichkeit durch seine Äußerungen. Wir haben uns sofort gut verstanden. Und ich habe entdeckt, dass er trotz seines komplizierten Lebens locker, leicht und lustig drauf ist. Kohout lehrt uns, dass jeder "-ismus" ein Ende hat. Und dass wir nie wieder so sorglos leben können,wie vor dem 20. Jahrhundert.

Wie muss ein Film sein, damit Sie Freude daran haben?
Ein Projekt, dem ich zusage, muss Spaß machen, mich interessieren, vielversprechend sein. Neulich habe ich einen Film abgesagt, da wurde in meiner ersten Szene gesagt, dass ich Prostatakrebs und Metastasen habe. Nur noch ein Kampf gegen das Ende? Das wollte ich nicht.

Aber den Prof. Burian wollten Sie ...
Die Rolle des Burian hat mich sofort fasziniert. Der Mann hatte nach dem Krieg, als junger Mann kein Bewusstsein von Schuld; er glaubt, was er gemacht hat, war rechtens. Er hat, da es damals keine Rechtsprechung, keine Gesetzgebung gab, nach dem einzigen existierenden Gesetz, dem des Alten Testaments gehandelt: Auge um Auge. Schuldgefühle hat er, wenn überhaupt, erst später entwickelt. Er findet es falsch zu sagen, dass er damals etwas Schlimmes getan hat. Nach seiner Meinung tat er das Richtige.

Würden Sie selbst je eine Kreuzfahrtmachen?
Nie! Ich reise von Berufs wegen, das macht Urlaub unnötig. Ich habe das immer vorgezogen,weil ich von meinem Naturell her kein Tourist bin. Als Tourist hat man ein fehlgeleitetes Auge, will nur das Schöne sehen. Als Arbeiter lernt man Land und Leute ganz anders kennen.

Veronica Ferres über die "Lange Welle hinter dem Kiel"

Veronica Ferres spielt  Sylva Burian. Sie wurde von ihrem Mann, Prof. Burians (Mario Adorf) Sohn, verlassen und begleitet ihren Schwiegervater auf das Kreuzfahrtschiff mit nur einem Ziel: Siewill ihrem Leben in der "Langen Welle hinterm Kiel" ein Ende setzen. Dass die Wirklichkeit aber oft nicht weniger aufregend ist, als ein Buch oder ein Film erzählt Veronica Ferres im KURIER-Gespräch.

Der Reeder, dem die „MS Delphin“, auf der gedreht wurde, gehörte, ging nämlich während der Dreharbeiten pleite. Und die Gläubiger wollten das Schiff mit Hilfe der Wasserpolizei in den nächsten Hafen schleppen lassen.

KURIER: Das war sicher Nervenkitzel pur?
Veronica Ferres:
Ja, der aufregendsteMoment bei den Dreharbeiten war die Flucht Richtung Afrika auf offener See. Das ist etwas, das ich nie vergessen werde. Bekanntlich ging ja der griechische Reeder in Konkurs und der Besitzer wollte sein Schiff wiederhaben, also, dass wir einen griechischen Hafen anlaufen. Das hätte aber unseren ganzen Dreh umgeworfen. So ist der Zusammenhalt im Team noch größer geworden. Ach ja, ein aufregender Moment fällt mir noch ein: Der versuchte Selbstmord von Sylva Burian, gedreht morgens um fünf, in Schiunterwäsche und festgekettet am Stuhl, damit ich nicht wirklich in die „Lange Welle hinterm Kiel“ falle.

Da Sie von Ihrer Rolle sprechen: Die ist keine typische Ferres-Figur...
Ich finde es toll, dass ich diesmal nicht die starke, kämpferische Frau sein muss, sondern eine am Leben verzweifelte. Dass ich noch dazu in einer Literaturverfilmung von Pavel Kohout, der bei uns Schulstoff war, mitwirken darf, ist der Ritterschlag. Wie er mit der Frage von Schuld und Vergebung umgeht, hat mit persönlicher Größe zu tun. Was mich an der Figur Sylva Burian reizte, war ihre Zerrissenheit. Sie hat nach dem Scheitern ihrer Ehe kaum mehr die Kraft leben zu können und lebt mit der Schuld, ihr Ungeborenes getötet zu haben. Sie war nämlich von ihrem Mann schwanger, doch da sie wusste, dass er schon eine andere hat, und das Kind nicht wil, ließ sie es abtreiben ...

Sylva lernt Margarete Kämmerers Neffen Sigi kennen. Die beiden verkörpern bei Kohout die Generation, für die es Hoffnung auf Versöhnung gibt.Und für die Alten?
Die große Auseinandersetzung ist ja auf einem Traumschiff zu sein – und dort in einem Albtraum gefangen. Sylva muss sich ihrem Fehlverhalten stellen und dadurch zu sich selbst finden. Die Älteren können das nicht mehr und lernen dadurch auch die Verletztheit des anderen nicht mehr zu verstehen.

Wie ist es eigentlich auf einem Schiff zu drehen, auf dem auch wirkliche Passagiere sind. Kommen die Stars schauen?
Zuschauer, also die „richtigen“ Passagiere an Bord, kamen zu Anfang. Nach zwei, drei Tagen waren wir nicht mehr interessant, vor allem als die Menschen merkten, wie anstrengend und windig und kalt Drehen ist. Es gab aber einige sehr, sehr nette Begegnungen, manche die auch als Statistenmitwirkten und dann ein T-Shirt bekamen.

Ihr nettestes Erlebnis?
Die Leseprobe. Sie fand bei mir daheim in München statt. Da war mein Vater dabei, der der gleiche Jahrgang wie Mario Adorf ist. Mein Vater hat mit uns immer über diese Zeit gesprochen und seine Erinnerungen für die Enkelkinder aufgeschrieben. Es ist wichtig, dass wir Filme zu diesen Themen machen; so, im Drama, ist die Aufarbeitung vielleicht greifbarer, emotionaler als im Geschichtsbuch.