Turku: Zwischenbilanz der Kulturhauptstadt

Große Blumen schmücken die finnische Kulturhaupstadt Turku. Eine Arbeit der Künstler Ani Raettyae und Antti Stoeckell.

Die finnische Küstenstadt Turku zieht nach acht Monaten als Kulturhauptstadt eine zufriedene Zwischenbilanz.

Man kann sagen, wir liegen im Plan", sagt Suvi Innilä. Die Programm-Managerin der finnischen Kulturhauptstadt Turku ist mit der bisherigen Performance scheinbar zufrieden. Auch die Großprojekte klappen gut. Dazu gehören der "Tall Ships Race" mit großen Segelschiffen aus aller Herren Ländern, eine neue Opern-Produktion, eine Serie von Gala-Veranstaltungen und das als Multi-Spektakel angekündigte Arena-Event "Taistelu" (Kampf), bei dem sich unter anderem Akkordeon-Star Kimmo Pohjonen und finnische Alt-Ringer nach Gladiatorenart messen sollen.

In den ersten sechs Monaten zählte die Turku-2011-Stiftung 729.000 Besuche von Ausstellungen, Konzerten und Open-Air-Events. Die tatsächliche Anzahl von Kulturhauptstadt-Besuchern sei daraus schwer zu errechnen, erklärt Innilä. Die bis Jahresende erhoffte Zahl von zwei Millionen Besuchen hält sie unter Hinweis auf die statistisch noch nicht erfassten Sommerwochen und das derzeit stattfindende Programm jedenfalls für erreichbar.

Freikarten

Auch die Geschäftsführerin der Kulturhauptstadt-Organisation, Cay Semon, ist nach wie vor Feuer und Flamme für das sowohl auf finanzielle wie auch soziale Nachhaltigkeit ausgelegte Kulturhauptstadt-Projekt. 53 Millionen Euro Gesamtbudget standen Turku zur Verfügung. "So wie es aussieht, dürfte uns sogar etwas übrig bleiben", so die Turku-2011-Chefin. Dies könnten "ein paar Millionen" sein, die in den kommenden Jahren für weitere oder bisher nicht umgesetzte Projekte eingesetzt werden könnten. Geplant ist eine Folgelaufzeit bis ins Jahr 2015.

Obwohl 70 Prozent der insgesamt 5.000 Einzelaktivitäten in den 155 Programmpunkten gratis sind, scheinen sich die Bemühungen für die Stadt und ihre zahlreichen Privatsponsoren zu rechnen. Allein den Marketingwert der inländischen Berichterstattung in den finnischen Medien beziffern die Veranstalter mit 12 Millionen Euro. Dazu komme eine sichtbare Präsenz von Turku in zahlreichen internationalen Medien. Die meisten ausländischen Besucher habe man aus Schweden, Russland, Großbritannien und Deutschland verzeichnet.

Als Erfolg verbuchen Innilä und Sevon auch das - wie sie immer wieder beteuern - ihnen besonders am Herzen liegende Thema "Kultur und Wohlbefinden". Innilä verweist auf besonders gut aufgenommene Projekte wie die 5.000 Freikarten, die Turkuer Ärzte im Laufe des Jahres Patienten zusätzlich zu Medikamenten aushändigen und so den Genuss von Kultur "verschreiben" können. Diverse Programmpunkte involvierten insgesamt Tausende Stadtbewohner - Chöre, Laternenprozessionen, von Schülern gestaltete öffentliche Räume, soziale Projekte für Pensionisten, Kranke und Häftlinge.

Die Erfahrungen damit sollen in der Folge auch im Rahmen von akademischen Studien verarbeitet werden. Die Soziologie-Professorin Maija-Liisa Honkasalo von der Universität Turku etwa will untersuchen, inwieweit die ihnen angedeihte Kultur des Jahres 2011 die mentale und physische Gesundheit der Stadtbewohner tatsächlich verbessert hat. Einen Zeitrahmen für den Abschluss der Studie und die Form der Publikation kann Honkasalo allerdings noch nicht konkretisieren.

Im Dunkeln

Dass nicht alles hundertprozentig rund lief, erfährt man in Turku nur am Rande. So wurde etwa der Siegerentwurf eines österreichischen Architektenteams im Designwettbewerb für einen innovativen Pavillon im Aura-Fluss nicht realisiert. Die Gründe dafür, warum nun der zweitplatzierte Pavillon eines finnischen Teams eine Baugenehmigung hat, aber auch dieser frühestens nächstes Jahr realisiert werden soll, liegen bisher weitgehend im Dunkeln.

Info: 2011 heißen die europäischen Kulturhauptstädte Turku (Finnland) und Tallinn (Estland). Die beiden nordischen Zentren, die nur 200 Kilometer auseinanderliegen, haben den Titel von der Ruhrmetropole Essen, dem ungarischen Pecs und der türkischen Megapolis Istanbul übernommen. Dank der räumlichen und sprachlichen Nähe setzen die beiden neuen Kulturmetropolen eher auf Kooperation denn auf Konkurrenz: Ein gutes Dutzend größerer Projekte will man gemeinsam realisieren. Eine Zwischenbilanz aus Tallinn liegt noch nicht vor.

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(apa / mawe) Erstellt am
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