Kultur 05.04.2012

Tsiolkas: Eine Ohrfeige als Bestseller

Was eine Watsch’n alles bewirken kann, davon erzählt Christos Tsiolkas im international gefeierten Roman.

Nein, gesund ist sie nicht. Dazu hat die Ohrfeige für ein (in diesem Fall fremdes) Kind zu gravierende Nebenwirkungen: eine dicke, brennende Wange, großes Geheul, bröckelnde Freundschaften.

Die Ohrfeige, die Christos Tsiolkas’ zweifelhafter Held Harry dem dreijährigen Balg Hugo gibt, hat ungeahnte Folgen. Alte Ressentiments brechen auf, Lebensanschauungen prallen aufeinander – nichts ist nach der Ohrfeige mehr so, wie es vor dem Barbecue war.

Der Australier mit griechischen Wurzeln schildert die Folgen des Ausrasters – der übrigens auf einem gezielten Schienbeintritt des Knirpses beruhte – mit Humor, Einfühlungsvermögen und sprachlicher Brillanz.

"Nur eine Ohrfeige", im englischen Raum bisher mehrfach ausgezeichnet, überzeugt jetzt auch auf Deutsch.

Der KURIER traf den Shootingstar der australischen Literaturszene in Wien.

Christos Tsiolkas: "Nur eine Ohrfeige". Übersetzt von Nicolai Schweder-Schreiner. Klett-Cotta. 25,70 Euro.
© Bild: Klett-Cotta

KURIER: Herr Tsiolkas, Sie sind offen homosexuell und haben keine Kinder. Wie sind Sie denn auf dieses Thema gekommen?
Christos Tsiolkas:
Eigentlich durch meine Mutter. Sie lud vor einigen Jahren Familie und Freunde zu einem Barbecue und kochte groß auf dafür. Als sie gerade in der Küche werkte, kam der kleine Bub von Freunden zu ihr und führte sich furchtbar auf. Er warf ihr alles runter, schüttete Soßen um. Sie schimpfte mit ihm und gab ihm einen harmlosen Klaps. Der Kleine regte sich ganz furchtbar darüber auf: "Das darfst du nicht. Keiner hat das Recht, mich anzugreifen. Das sag’ ich gleich meinen Eltern." Meine Mutter war schockiert. Als sie sich wieder gefangen hatte, sagte sie zu ihm: "Wenn du schlimm bist, dann bestrafe ich dich. So einfach ist das."

Diese Welten, die Ihre Mutter und das kleine Kind trennten, ließen Sie nicht mehr in Ruhe ...
Ja. Weil für sie war es ganz normal, was sie tat. Und es war ihr völlig unverständlich, dass der Kleine da etwas von seinen Rechten faselte.

Sie lassen Ihren Roman im Milieu der Mittelschicht spielen, aus der Harry, der Täter, herausfällt. Er ist aus der Unterschicht, hat sich durchgesetzt. Ist Gewalt für Sie eine Klassenfrage?
Harry kommt aus einer ganz anderen Welt als die anderen. Er hat selbst Gewalt erlebt als Kind. Ich mag ihn trotzdem, weil er sich selber so genau kennt. Generell finde ich den Klassengedanken in der Neuen Welt bei Weitem nicht so ausgeprägt wie in Europa. Das liegt wohl an der Natur der kolonialen Gesellschaft, die verspricht: Du kannst die Klassengrenzen überschreiten, über dich hinauswachsen. Du hast die Möglichkeit.

Sie haben den Roman in Kapitel gegliedert, in denen die am Watsch’n-Vorfall Beteiligten jeweils ihre Sicht der Dinge schildern. Warum diese Vielstimmigkeit?
Ich habe dadurch eine bestimmte Freiheit in meinem Schreiben gefunden. Ich habe mich in andere Menschen, in andere Charaktere hineinversetzt und mich damit gezwungen, die Welt nicht nur aus meinem eigenen, beschränkten Blick zu sehen. All meine Erfahrungen, all mein Können als Autor stecken da drin. Und natürlich verbirgt sich auch ein ordentliches Stück von mir selbst in jedem Charakter. Das Buch ist für mich wie ein innerer Dialog – es sind Konversationen, die ich in meinem Inneren geführt habe.

( Kurier ) Erstellt am 05.04.2012