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Bayreuth: Regisseur, ein schwieriger Beruf
07/26/2015

Bayreuth: Regisseur, ein schwieriger Beruf

Katharina Wagner scheitert szenisch an "Tristan und Isolde", einige Buhs auch für Thielemann.

von Gert Korentschnig

Überraschendes ereignete sich beim Schlussapplaus (immerhin etwas Überraschendes nach der banalen, überraschungsfreien Inszenierung): Christian Thielemann, der neue Musikdirektor der Bayreuther Festspiele, wurde mit einigen Buhs bedacht. Dem Vernehmen nach setzt der CTFC e. V. ( Christian Thielemann-Fanclub) bereits eine Historikergruppe ein, die prüft, wann das zuletzt der Fall war.

Die Buhs waren nicht angemessen, zu scharf, weil vieles bei der Premiere von Richard Wagners " Tristan und Isolde" berückend schön gelang. Etwa das Vorspiel zum dritten Aufzug, intensiv musiziert, traurig, das tragische Finale mittels Englischhorn herbeisehnend. Oder die Einleitung zum Liebestod.

Begründbar ist die Publikumsreaktion aber schon: Thielemanns Tempi sind nicht nur erstaunlich schnell und seine stets gelobten Rubati nicht so packend wie sonst – das Orchester ist manchmal sogar derart laut, dass die Sänger im akustisch grandiosen Festspielhaus vor Probleme gestellt werden.

Bei Stephen Gould, dem Tristan, äußern sie sich so, dass er auch in der Mittellage fallweise forcieren muss, um hörbar zu bleiben, vermutlich dadurch aber bei den Spitzentönen oft um eine Nuance zu tief liegt. Sein Timbre, seine Phrasierungskunst, seine Kraft sind dennoch ideal für einen insgesamt famosen Marathonlauf.

Umbesetzungen

Aber bleiben wir noch kurz bei Thielemann: Vielleicht waren die Buhs ja auch eine Missfallensbekundung gegenüber Vorkommnissen im Vorfeld, etwa den Umbesetzungen. Immerhin waren zwei Isolden (Eva-Maria Westbroek, Anja Kampe) ausgetauscht worden, ehe Evelyn Herlitzius zum Zug kam.

Wenn man sich an Thielemanns letzte "Tristan"-Premiere, jene 2003 an der Wiener Staatsoper, erinnert, war diese jedenfalls um einiges zarter, sanfter, sensibler. Thomas Moser als Tristan hatte er wie auf einem fliegenden musikalischen Teppich durch die Rolle getragen.

Noch überraschender als die Buhs für Thielemann war nur noch, dass Katharina Wagner, die Festspielchefin-Komponisten-Urenkelin, vom Publikum nicht abgestraft wurde. Dabei ist ihre Inszenierung, was die Substanz betrifft, ein einziges Nichts. Regie ist und bleibt halt doch eine hohe Handwerkskunst.

Sie scheint zu versuchen, eine Geschichte über grundsätzliche Schwierigkeiten der Liebe zu erzählen (allein das schon unoriginell) und siedelt Wagners "Handlung" in furchtbar dunklem Ambiente an: den ersten Aufzug in einem riesigen Treppenhaus, das offenbar auch Innenleben eines Schiffes ist, den zweiten in einem Gefängnis, den dritten im intellektuellen Nebel mit als Traumbilder auftauchenden Isolden.

Im ersten Bild beruft sie sich auf den genialen Giovanni Battista Piranesi, was man auch als Anmaßung empfinden könnte. Im zweiten Aufzug verwendet sie recht ungeniert eine Idee von Bill Viola aus dessen Bühnenbild für die "Tristan"-Regie von Peter Sellars (Videos der Liebenden, die langsam aufs Publikum zuschreiten). Versatzstücke und Bilder statt Analyse.

Zentrale Stellen werden demontiert – ohne plausiblen Ersatz anzubieten. Der Liebestrank wird verschüttet. Das Duett "O sink hernieder..." müssen Tristan und Isolde allen Ernstes mit dem Rücken zum Publikum singen. Und auch den Liebestod verweigert Katharina Wagner den beiden und lässt Isolde stattdessen von Marke entführen.

Zwei Ansätze sind immerhin auszumachen: Tristan und Isolde sind gleich zu Beginn zueinander hingezogen (obwohl Tristan einst ihren Morold ermordete). Und König Marke ist ein Superböser, man denkt an Nazis oder bei manchen Torturen an den IS.

Idealbesetzung

Georg Zeppenfeld, dieser Marke, ist sängerisch fabelhaft, präzise in der Intonation, wortdeutlich, ideal. Evelyn Herlitzius hingegen agiert als Isolde sehr schrill, hat ein enormes Tremolo, nichts gelingt lyrisch oder gar berührend. Die Buhs gegen sie waren verständlich.

Iain Paterson, als Kurwenal der treue Begleiter des erstklassigen Tristan Stephen Gould, singt seine Partie ausdrucksstark, Christa Mayer die Brangäne ebenso gut. Auch Raimund Nolte ist als Melot (im Gegensatz zu Kay Stiefermann als Steuermann) tadellos besetzt.

Ob Herlitzius auch im kommenden Jahr die Isolde singt, steht noch nicht fest. Aber in Bayreuth ist ja überhaupt vieles im Unklaren.

KURIER-Wertung:

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