Nine Inch Nails Trent Reznor performs during the Bonnaroo Arts and Music Festival in Manchester, Tenn., Sunday, June 14, 2009. (AP Photo/Dave Martin)

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Nine Inch Nails
08/29/2013

Trent Reznor: Die Sehnsucht, der "Diktator" zu sein

CD- und Live-Comeback der Kult-Formation von Industrial-Pionier Trent Reznor.

von Brigitte Schokarth

Etwas in mir hatte Sehnsucht danach, wieder der Diktator zu sein!" Deshalb hat Trent Reznor sein Band-Projekt Nine Inch Nails wiederbelebt, hat unter diesem Qualitätssiegel das am Freitag erscheinende Album „Hesitation Marks“ aufgenommen. Das ist gleichermaßen typisch Nine Inch Nails als auch eine Weiterentwicklung. Da blubbern die Synthesizer, kreischen die Gitarren, bestimmen wie zu den Blütezeiten der Band Ängste und Psychosen Stimmung und Texte. Genauso hörbar aber ist, dass Reznor mittlerweile frei von Drogen und als glücklicher Familien-Vater lebt. „Deshalb“, erzählte er kürzlich dem britischen Mojo-Magazin, „ist das neue Album weniger brutal als alles, was ich bisher gemacht habe. Aber meine Persönlichkeit kommt hier absolut ungefiltert durch.“

Dass Reznor dafür seine „Band“ auferstehen ließ, ist kein Widerspruch. Immer schon war er der alleinige Songwriter und Produzent. Mit Alben wie „Pretty Hate Machine“, „The Downward Spiral“ und „The Fragile“ schuf der Industrial-Pionier von 1989 an Klassiker der Rockgeschichte, verabschiedete sich aber 2009 mit der „Wave Goodbye“-Tour.

Oscar

Er war unzufrieden mit den Bedingungen des Major-Label-Vertrages, rebellierte gegen die „Einmischung in mein geistiges Eigentum“. Vor allem aber wollte er künstlerisch Neues probieren. Er schrieb Soundtracks und gewann für die Musik zu David Finchers „The Social Network“ den Oscar. Außerdem formierte er mit seiner Frau Mariqueen Maandig die (echte) Band How To Destroy Angels: „In der Gruppe hatten wir eine Demokratie“, erklärt er. „Und beim Film ist man als Komponist auch ein Dienstleister. Deshalb ist in mir der Wunsch gereift, wieder etwas zu machen, bei dem meine eigene Kreativität im Vordergrund steht.“

Aber schon ein paar Wochen, nachdem er damit anfing, schaute Reznor sich doch wieder um einen Major-Label-Vertrag um. Aus ganz praktischen Gründen: „Ich hatte wochenlang jedes kleine Mikromolekül gemanagt – bis hin zu Details wie der Frage, ob ein bestimmter Shop in Polen das Album verkaufen wird. Das ist Scheiße, die ich mache, wenn ich muss, aber doch lieber abgebe, wenn ich kann.“

Die Nails tun immer noch weh

Es war eine der raren Stadion-Shows, die die Nine Inch Nails auf ihrer Europatour am Mittwochabend in Mailand gegeben haben.

Vor ausverkaufter Halle startet das Konzert beinahe unscheinbar. Bei voller Beleuchtung wird ein kleiner Synthesizer auf die Bühne geschoben. Es folgt Trent Reznor, der sich darüber beugt und „Copy Of A“ vom am Freitag erscheinenden Album „Hesitation Marks“ anstimmt. Erst nach und nach gesellt sich die vierköpfige Band dazu.

Zwei Songs nimmt sich Reznor Zeit, bis das Licht abgedreht wird und die Töne härter werden. Was dann folgt, ist eine leidenschaftliche, kompromisslose Show. Schweiß, Schmerz und Euphorie – auf und vor der Bühne. Die Band schickt brachiale Klanggewitter in die Halle, lässt nur hin und wieder mit sanfteren Songs wie „The Frail“ Zeit zum Durchatmen.

Reznor versprach bei seiner Comeback-Meldung das „ultimative Nine-Inch- Nails-Erlebnis“. Und das ist es auch, mit alten Stärken und neuen Tugenden.

Hightech-Show

Zersplittertes Equipment und blinde Zerstörungswut sind einer durchkomponierten Hightech-Show mit beweglichen Displays und starken Lichteffekten gewichen.
Ein audiovisuelles Gesamterlebnis.
Reznor selbst scheint nahbarer geworden zu sein, sucht die Nähe zu seinen Fans, redet mit ihnen und verheißt eine besondere Setlist.

Diese ist mit 25 Songs außergewöhnlich lang, bietet Platz für alte Klassiker wie „Closer“ und seltene Live-Stücke wie das David-Bowie-Cover „I’m Afraid of Americans“ oder „What If We Could?“ vom „The Girl with the Dragon Tattoo“-Soundtrack. Das Publikum dankt es Reznor lautstark, hängt an seinen Lippen und singt jedes Wort mit.

Nach fast zwei Stunden verabschiedet Reznor seine Fans mit dem selbstzerstörerischen wie fragilen „Hurt“ in die sternenklare Mailänder Nacht und man spürt: Die Nails tun noch immer weh – auf die schönste Art.

KURIER-Wertung: ***** von *****

Einblick in die aktuelle Tour: Die Nails live in Chicago

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