Kultur 13.01.2012

Tooles und die "Verschwörung der Idioten"

Der Autor hat sich umgebracht, weil in den 1960er-Jahren niemand seine "Verschwörung der Idioten" wollte.

Mr. Ignatius Reilly bittet seine Mutter, den Fernseher einzuschalten, damit er "warmlaufen" kann. Gleich kommt nämlich Yogi Bär, also was Heißes.

Mr. Reilly ist 31 und zu nichts zu gebrauchen. Ein Muttersöhnchen aus New Orleans, das man zunächst nur mit dem Kran aus dem Haus bringt. So dick ist er. Trägt immer eine grüne Jagdmütze mit Ohrenklappen (wegen der Erkältungsgefahr). Redet immer von seinem "Magenventil": Ist es – aus Zorn – verschlossen (z. B. wenn sich Mutter erdreistet, mit Freunden zum Bowling zu gehen anstatt zu kochen), dann geht’s ihm schlecht. Ist das Ventil hingegen offen, furzt er vergnügt und freut sich aufs Masturbieren.

Unkorrekt

John Kennedy Toole: "Die Verschwörung der Idioten" Übersetzt von Alex Capus. Klett-Cotta. 23,60 Euro.
© Bild: Klett-Cotta

John Kennedy Toole hat sich seinetwegen im Jahr 1969 umgebracht.

Toole hat diesen seltsamen Vogel – der ihm ein bisschen ähnlich war – erfunden. Er schrieb "Die Verschwörung der Idioten" 1963 während seines Militärdienstes. Der Amerikaner hoffte auf Geld, um seine Eltern mit ihrer kleinen Rente unterstützen zu können.

Aber es war einfach zu früh für einen derartig unkorrekten Roman, in dem alle, alle Idioten sind; die Reichen, die Armen, die Schwulen, die Schwarzen, die Juden, sogar die Polizisten.

1969 hat Toole Selbstmord begangen. Auspuffgase. Er war 32.

1980 veröffentlichte ein kleiner Universitätsverlag sein Manuskript. Tooles Mutter hatte es eingereicht. Und 1981 bekam der Autor posthum – den Pulitzerpreis zugesprochen. Das war sozusagen das Ende der Verschwörung der Idioten.

Es gibt ja sowieso wenig zu lachen und in der Literatur auch nicht viel. Deshalb ist Ignatius Reilly eine Goldgrube. Manchmal wiehert man beim Lesen. Der neue Übersetzer, Schriftsteller Alex Capus, verschleudert keine Pointe.

Und denkt man sich nach der Hälfte, okay, das war ein Spaß, aber jetzt braucht man etwas G’scheiteres ... hoppla, man merkt’s eh gleich: Das Schelmenstück funktioniert auch als intelligenter Gesellschaftsroman.

Ignatius Reilly ist ein kluger, studierter Kopf. Ein Philosoph. Er lebt nur anders. Als er den Job in einer Hosenfabrik annimmt, bastelt er dort ein Kreuz und züchtet Pflänzchen.

Und aus seinem privaten Bettleintuch – frage nicht, wie das ausschaut! – macht er eine Fahne, damit die schlecht bezahlten schwarzen Arbeiter gegen den Chef in den Krieg ziehen können. Auch als Hot-Dog-Verkäufer, der im Kostüm mit Ohrring und Säbel durch New Orleans ziehen muss, kann er nicht reüssieren.

Aber ehrlich: Ist der Polizist, der im öffentlichen WC tagelang nach irgendwas, das man verhaften kann, fahnden muss – etwa besser dran?

Oder das Mädchen in der Bar, das an seinem Auftritt feilt, bei dem ein Papagei ihr Kleidchen aufmacht?

Ignatius Reilly lässt sich am Schluss befreien. Wahrscheinlich sogar sexuell. Selber schuld, haha.

Peter Pisa

KURIER-Wertung: ***** von *****

Dietmar Schönherr – "Liberté"

Dietmar Schönherr: "Liberté und die Wölfe" Ephelant Verlag. 192 Seiten. 22,99 Euro.
© Bild: Ephelant Verlag

Dass der Tiroler Schauspieler und ehemalige Fernseh-Showmaster Romane schreibt, ist viel zu wenig bekannt. Dietmar Schönherr hat etwas zu sagen. Und er kann es eindrucksvoll wiedergeben.

In "Begrabt mein Herz am Fuße des Berges" hat er, was mit großem Interesse im KURIER festgestellt wurde, von einer dänischen Insel erzählt, auf welcher der Zweite Weltkrieg einfach nicht stattgefunden hatte.

"Liberté", sein persönliches Lieblingsbuch, hat eine ähnliche Botschaft und ist jenen Österreichern gewidmet, "die fahnenflüchtig wurden, die der Schandfahne des 1000-jährigen Reiches mutig den Rücken gekehrt haben und die bis heute nicht rehabilitiert sind."

In einem kleinen Königreich wächst ein Bub, dessen arme Eltern verhungert sind, als Schafhirte auf. Als er sieht, wie ein Wolf Schafe reißt und auch seinen kleinen Hund tötet, weiß er, dass er zu den Schafen gehören will.

Der König macht Krieg, der Schafhirte macht nicht mir. Sein starker Wille macht ihn unbesiegbar. Man kann ihn zur Strafe nicht einmal köpfen. Da macht ihn der König zum Minister und er schafft die Armee ab. Er schafft die Waffenproduktion ab. Das gesparte Geld sorgt für Wohlstand im Land. Alle Schafe helfen einander – eine Herde, die sich aneinanderkuschelt.

Eine naive Geschichte? Wäre gar kein Fehler. Aber Dietmar Schönherr ist schon allein durch seine Projekte in Nicaragua mit Ernesto Cardenal zu sehr Realist. Die Wölfe geben nicht so schnell auf. Es gibt kein Happy End. Noch nicht. Es gibt nur die Gewissheit, dass der Weg des Schafes der richtige ist. Trotzdem.

Das lässt man sich von dem 85-Jährigen gern sagen; und feuchte Augen sind ja keine Schande.

Peter Pisa

KURIER-Wertung: **** von *****

Elena Gorokhova – "Goodbye Leningrad"

Elena Gorokhova: "Goodbye Leningrad" Übersetzt von Saskia Bontjes van Beek. dtv. 15,40 Euro.
© Bild: dtv

Es ist eine Geschichte über das Aufwachsen mit Propaganda und Selbsttäuschung. Elena Gorokhova, geboren 1955 in Leningrad, beschreibt in „ Goodbye, Lenigrad “ ihren Alltag in der Sowjetunion der 60er und 70er. Ein ungeschickter Titel, er klingt, als hätte man ihn schon tausend Mal gehört. Das möchte man dem Buch nicht vorwerfen.

"A Mountain of Crumbs" heißt das Buch im Original, ein "Berg aus Brotkrümeln". Lenas Oma hat das Brotkrümelspiel erfunden, um ihrem Jüngsten in der bitteren Hungersnot vorzugaukeln, er habe nicht bloß einen Zuckerwürfel und ein Stück Brot zu essen. Zerbröselte man beides mit den Fingern, hatte man einen „richtigen Berg“ vor sich.

Im Englischkurs stößt Lena auf das Wort "Privacy". Das steht aber nicht im englisch-russischen Wörterbuch. "Ob dieses mysteriöse ,privacy‘ eine Erfindung des kapitalistischen Westens ist, etwas, das wir, das einzige Volk, dem eine lichte Zukunft vorherbestimmt ist, entbehren?" Dass es in Russland keine Privatsphäre gibt, wird sie noch öfters erleben. Ihr Onkel wird festgenommen und nach jahrelanger Haft erschossen, weil er im Gasthaus einen Witz erzählt hat.

Gorokhova schreibt ohne Bitterkeit. Genaue Beobachterin, ortet sie selbst in der Mangelversorgung Situationskomik. Wenn sie der Mutter beim Baden zuschaut – statt im Badeanzug in Unterwäsche – und sich fragt, ob die Mama, eine regimetreue Medizinerin, eine Intellektuelle ist. Und als Kevin aus England mit ihr einen Kaffee trinken möchte: "Ich habe keine Ahnung, wie er darauf kommt, hier einen Kaffee auftreiben zu können."

Bevor Lena Robert kennenlernt, der ihr Ticket für den Westen wird, hat sie "noch nie einen leibhaftigen Amerikaner gesehen."

1980 wird sie selbst Amerikanerin. Ihre Mutter ist nie eine geworden. Die lebt mittlerweile in New Jersey, doch Russland hat sie im Blut. Sie hortet noch immer Papierservietten und Plastiksackerln aus der Obstabteilung im Supermarkt.

Barbara Mader

KURIER-Wertung: **** von *****

( Kurier ) Erstellt am 13.01.2012