Tonwechsel bei John Cages Musikstück

Der US-amerikanische Komponist John Milton Cage starb 1992 in New York.
Foto: AP

Das 639 Jahre dauernde Musikstück "ORGAN2/ASLSP" wird am 5. August auf C und Des gewechselt. Diese Töne erklingen die kommenden 36 Jahre in der Kirche.

Seit 2001 wird in der Klosterkapelle im deutschen Halberstadt John Cages auf 639 Jahre ausgelegtes Musikstück gespielt. Nun steht ein Tonwechsel an. Am 5. August wird auf C und Des gewechselt, die beiden bisher tiefsten Töne des Cage-Stückes "ORGAN2/ASLSP". Insgesamt handelt es sich erst um den elften Klangwechsel seit Beginn des Stücks, das seit 2001 im sachsen-anhaltinischen Gotteshaus gespielt wird. Allerdings war beim Projektstart erst einmal nichts zu hören - schließlich beginnt die Orgelkomposition mit einer Pause. Und so erklang der erste Ton erst im Februar 2003.

Wer nun wegen des C und des Des nach Halberstadt reisen möchte, hat keine Eile: Das C erklingt 36 Jahre (bis zum 5. Oktober 2047), das Des 60 Jahre (bis zum 5. März 2071).

"ORGAN2/ASLSP": As slow as possible

Der US-amerikanische Komponist John Milton Cage starb 1992 in New York. Foto: AP Der US-amerikanische Komponist John Milton Cage starb 1992 in New York.

"ASLSP" steht für "as slow as possible" und ist eine Partitur für Klavier oder Orgel, die John Cage auf vier Seiten notierte.

Vor rund 13 Jahren vertrat der schwedische Organist Hans Ola Ericsson auf einer Tagung von Musikwissenschaftlern die Ansicht, "so langsam wie möglich" werde von der Physik begrenzt, auf dem Klavier durch das Anschlagen und Verklingen der Töne. Doch Orgeltöne verklingen nicht solange die Bälge getreten werden. Somit kam er zu dem Schluss, "so langsam wie möglich" bedeute die Lebensdauer einer Orgel. Aus einer Fachsimpelei unter Experten wurde ein Projekt. Der Berliner Komponist Jacob Ullmann begab sich auf die Suche nach einem geeigneten Raum und stieß dabei auf die Halberstädter Burchardikirche, die, seit sie 1808 von Nonnen aufgegeben worden war, ein trauriges Dasein fristete - zuletzt als Schweinestall.

Gleichzeitig kam er damit an den Geburtsort der Orgel zurück. 1361 soll hier die größte Blockwerkorgel der christlichen Welt fertig gestellt worden sein, die das Muster aller späteren Klaviaturen vorgibt. Dieses Jahr gibt denn auch die Zeitspanne für das Cage'sche Stück vor: 1361 bis 2000, dem Geburtsjahr des Halberstädter Projektes, entspricht 639 Jahre.

Am 5. September 2001, zum 89. Geburtstag von John Cage, begann dann das Stück. Allerdings war zu diesem Zeitpunkt noch nichts zu hören. Der Komponist hatte an den Anfang seiner Partitur eine Pause gesetzt. Diese dauerte bis zum 5. Februar 2003. Seitdem ertönen in der Burchardikirche aus sechs Orgelpfeifen die verschiedenen Akkorde. Für jeden neuen Ton werden neue Pfeifen installiert. Insgesamt soll die Orgel bis zu ihrer Fertigstellung 200.000 Euro kosten.

"Das Marathon-Projekt selbst ist der interessante Kern. Das Musikstück lässt vermuten, dass dieser Ort die Zeiten überdauert", meinte Kulturstaatsministerin Christina Weiss und bezeichnet das Halberstädter Unterfangen als kühnen Plan. "Der Politik täte der Mut, der zu so einem Projekt gehört, manchmal auch sehr gut", sagte die Ministerin. Das Konzert könne zum berühmtesten Konzert Deutschlands werden, da niemand das Ende erlebe.

"639 Jahre sind für einen Menschen eine unüberschaubare Zeit", betonte der Schriftsteller Alexander Kluge. Aber der Mensch löse durch sein Handeln ganz andere zeitliche Ereignisse aus, "Nach der Tschernobyl-Katastrophe haben wir es bei dem freigewordenen Strahlungen mit einer Halbwertzeit von 300.000 Jahren zu tun. Was sind da 639 Jahre?" fragte Kluge. Der Molekularbiologe Reich lehnt für das Projekt den Begriff Musikstück ab: "Ich erwarte von einem Kunstwerk ein Anfang und ein Ende. Ich muss die Komposition als Ganzen erfassen", sagt er. Trotzdem sei es eine philosophisch interessante Sache. Der moderne Zeitbegriff gehe schließlich auf die erst 325 Jahre alte Beschreibung des Physiker Newton zurück.

Mit dem John-Cage-Orgelprojekt hat Halberstadt weltweite Aufmerksamkeit erfahren. "Gott sei Dank, dass in Halberstadt mal jemand über die nächsten 639 Jahre nachdenkt", heißt es etwa in einem Anerkennungsschreiben eines Amerikaners.

(APA/dpa / moe) Erstellt am
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