Tom Odell, 25, wurde 2013 mit dem Hit "Another Love" bekannt.

© /Sony Music

Interview
06/17/2016

Tom Odell: Twitter-Kunst als Selbstschutz

Der Sänger spricht über sein Album "Wrong Crowd", Filmprojekte und Mentor Elton John.

von Brigitte Schokarth

"Die Texte der Songs meines ersten Albums hätten buchstäblich Einträge aus meinem Tagebuch sein können. Aber so nackt präsentiere ich mich jetzt nicht mehr."

Soeben hat Tom Odell sein zweites Album "Wrong Crowd" veröffentlicht. Aber um "mich selbst zu schützen", bleibt er dabei distanzierter als bei dem Debüt "Long Way Down" von 2013. "Ich verarbeite jetzt zwar weiterhin die eigenen Gefühle", erzählt der 25-jährige Brite im Interview mit dem KURIER. "Ich habe sie aber ausgeschmückt und in eine fiktive Erzählung verpackt, die sich durch das ganze Album zieht."

Musikalisch ist das Album eine Abkehr vom leisen, introvertierten Singer/Songwriter-Sound des Debüts. Die Arrangements sind dichter, lauter und wuchtiger, nehmen Elemente aus Pop und Rock auf. Manchmal auf Kosten des berührenden Charmes und der Eindringlichkeit, die das ins Österreich mit Gold ausgezeichnete Debüt geprägt hat.

Die Idee zu der Story hatte Odell in New York. Als er dort im Vorprogramm von Billy Joel im Madison Square Garden auftrat, blieb er für ein paar Monate, mietete sich eine Wohnung samt Piano, um Songs zu schreiben.

Isolation

"Ich kannte in New York niemanden und wurde deshalb dort immer wieder an dieses Gefühl der Isolation erinnert, das ich oft hatte, während ich aufwuchs. Das war mein Ausgangspunkt. Aber um die Story dazu zu entwickeln, habe ich dann meiner Fantasie freien Lauf gelassen."

Hauptfigur von "Wrong Crowd" ist ein Typ, der "eine Geisel seiner Kindheit" ist und einer zerbrochenen Liebe nachhängt. Zu Beginn des Albums geht er auf eine Party, weil die Ex auch dort ist, will aber eigentlich nicht Teil dieser Clique sein. In ,Magnetised‘ realisiert er, dass er nach wie vor süchtig nach der Verflossenen ist, und kommt danach mehr und mehr drauf, wie sehr er sich nach der Natur und der Unbeschwertheit seiner Kindheit sehnt.

Inspiriert wurde Odell dafür von Filmen von Wong Kar-Wai, Wim Wenders und Terrence Malick, die er in New York sah, weil es dort an den Abenden nichts anderes zu tun gab.

Gegensatz

"Speziell ,Der schmale Grat‘ von Malick hatte es mir angetan", erzählt Odell. "Denn wie er dabei das Militär und die Zerstörung durch den Krieg in direkten Gegensatz zur Natur setzt, die für mich Unschuld repräsentiert, fand ich faszinierend."

Weil das Album ohnehin von Filmen beeinflusst wurde, arbeitet Odell jetzt an einem Langvideo zu "Wrong Crowd": "Wir drehen zu jedem Song einen Clip, der die Story weitertreibt, wo das Ende immer der Anfang des nächsten Videos ist. Die hängen wir dann zusammen und haben einen 50-minütigen Film." Begonnen hat Odell damit, weil er Filme liebt und sich immer schon als Regisseur und Drehbuchautor ausprobieren wollte.

Gesamtkunstwerk

Der Film zu "Wrong Crowd" ist aber nicht das einzige Kunstwerk, das der Musiker, der mit fünf Jahren begann, klassisches Klavier zu lernen, mit dem zweiten Album mitliefert. Mit dem Grafik-Künstler Fraser Muggeridge hat Odell diverse Darstellungen und Bilder rund um das Thema "Wrong Crowd" entworfen.

Die will er jetzt nach und nach auf Twitter veröffentlichen: "Vielleicht halten mich die Fans deshalb für verrückt. Aber ich finde, das ist viel interessanter, als wenn ich ein Foto von meinem Frühstück poste. Und es hilft mir dabei, in der Öffentlichkeit Distanz zu wahren und mich zu schützen."

Aber wovor muss er sich schützen? Waren die Erfahrungen mit dem ersten Album so schlecht? "Nein. Aber ich habe jetzt das Gefühl, dass ich in meinen Songs nicht alles von mir preisgeben kann. Der einzige Grund, warum ich das früher konnte, ist, dass mir damals noch keiner zugehört hat. Und selbst wenn ich mir hätte denken können, dass sich das ändert – ich hätte nicht gewusst, wie es sich anfühlt."

Vielleicht ist Elton John deshalb vom Odell-Fan zum Mentor geworden. "Er ist wunderbar", sagt Odell. "Er ruft mich alle paar Monate an, um zu fragen, wie es mir geht und mir Beistand zu geben. Und als ich in London bei ihm im Vorprogramm auftrat, gab er mir eine Platte mit einer entzückenden Widmung. Er schrieb in etwa: ,Von einem Künstler, dessen Karriere zu Ende geht, zu einem, der noch so viel vor sich hat: Greif nach den Sternen und es wird für dich keine Grenzen geben.‘ Diese Widmung steht jetzt in meinem Studio und wird gehegt wie ein Goldschatz. Denn Elton ist der Grund, warum ich begann, Songs zu schreiben."

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