© Nathalie Daoust

Tokyo Hotel Story
03/26/2013

Zu Besuch im SM-Hotel

Das "Alpha In" ist eines der bekanntesten Love Hotels in Tokio - Nathalie Daoust porträtierte es mit ihrer Kamera.

von Mathias Morscher

Im Land der aufgehenden Sonne ist vieles anders - auch das Geschäft mit der Liebe. Offiziell ist seit 1956 die käufliche Liebe verboten. Ein Verbot, das allerdings umgangen wird. Prostitution findet im Verborgenen statt. Eine Möglichkeit dazu sind die sogenannten "Love Hotels" - eine besondere Form von Stundenhotels, die nach dem Prostitutionsverbot als Alternative zu den Bordellen entstanden.

In Japan gilt es nicht als anrüchig, solche Etablissements zu besuchen. Ebenfalls werden sie nicht per se für die Prostitution verwendet, sondern geben auch jungen Pärchen den nötigen Rückzugsraum, um ihrer Liebe zu frönen, ohne von den Eltern oder Nachbarn gestört zu werden.

Eines der bekanntesten "Love Hotels" ist das "Alpha In" in Tokio. Ein Liebeshotel für Freunde des SM konzipiert, mit allerlei Räumen, Spielzeugen und Dominas, die die unterwürfigen, teils schmerzhaften Wünsche ihrer Kunden befriedigen. Die Fotografin Nathalie Daoust besuchte das "Alpha In" und porträtierte es mit ihrer Kamera.

Tokyo Hotel Story

Nathalie Daoust

KURIER: Was hat Sie zu der "Tokyo-Hotel"-Serie inspiriert?
Nathalie Daoust: Ich lebte damals gerade zwei Jahre in einem Kunst-Hotel in New York und beendete mein erstes Fotoprojekt - ein Bildband über das Hotel, bei dem jedes Zimmer von einem anderen Künstler dekoriert wurde - und erfuhr, dass es in Tokio so etwas ähnliches geben sollte – aber man die Zimmer nur für drei Stunden mieten kann und man sie „Love Hotels“ nennt. Ich habe mich dann dazu entschlossen, nach Japan zu ziehen und diese Hotels zu dokumentieren.

Und warum gerade das Alpha In?
Es war das größte und beeindruckendste Love Hotel. Der Besitzer war sehr nett, zeigte mir jedes Zimmer und erzählte mir alles – warum die Menschen hierher kommen, wer hier arbeitet, die Werk- und Spielzeuge und die Familiengeschichte des Hotels. Dieses Hotel hatte einen besonderen Charme und auch das Thema SM interessierte mich. Ich wusste nichts darüber, wollte aber den Sinn dahinter verstehen. Ich war neugierig, warum Menschen das tun.

War es schwierig eine Erlaubnis für die Fotos zu bekommen?
Bevor ich das Hotel besuchte, warnten mich einige befreundete Fotografen, dass der Besitzer des "Alpha In" es nicht erlauben würde. Für mein Projekt „Love Hotel“ besuchte ich es 2001 zum ersten Mal. Da sagte er zweimal nein. Als mein Buch „New York Hotel Story“ veröffentlicht wurde, ging ich erneut zu ihm und zeigte es ihm. Dann erlaubte er mir, einige Fotos für das „Love Hotel“-Projekt zu schießen. Aber dieses Hotel war so einzigartig, dass ich mich nur mit diesem Hotel beschäftigen wollte. Es dauerte dann acht Jahre, bis ich wieder zurück nach Japan ging und die „Tokyo Hotel Story“ machte.

Wie war die Reaktion der Frauen auf ihr Projekt?
Normalerweise unterhielten wir uns vor dem Shooting und es entstand eine gute und entspannte Atmosphäre. Niemand wurde zu den Fotos gezwungen und ich glaube, viele wollten es einmal versuchen. Nach dem Projekt hatten wir eine Ausstellung in Tokio und jedes der Mädchen kam in einem hübschen Kleid und freute sich, Teil der Ausstellung zu sein. Ich glaube, es war für sie eine gute Erfahrung.

Welche Art von Männern besuchen das Hotel?
Ich interessierte mich mehr für die Frauen, die dort arbeiteten und weniger für die Männer. Aber da ich sehr viel Zeit im Hotel verbrachte, lernte ich auch einige Kunden kennen. Zwar variierten diese, aber ich muss zugeben, dass sich das Klischee vom "starken Geschäftsmann" der zur Domina geht, sehr oft bestätigte.

Ist für Sie das Hotel so etwas wie eine Fantasiewelt?
Ja. Ich wollte auch sehr viel über diese Art von Fantasieorten, und warum Menschen diese brauchen, lernen. Ich wollte SM nicht als gut, schlecht oder reißerisch darstellen. Ich wollte zeigen, wo es gemacht wird – eben in einem Hotel. das auf SM spezialisiert ist. Voll mit Dekorationen und Spielzeug. Und die Frauen, für die die Menschen (meistens Männer) zahlen, um in diese Fantasiewelt zu gelangen.

Hatten Sie Vorurteile gegenüber SM und Prostitution vor dem Besuch im "Alpha In"?
Der Hauptgrund, warum ich dieses Projekt machte, war, meine vorgefasste Ansicht und Vorstellung von SM und Frauen, die in diesem Bereich arbeiten, zu ändern. Ich kam mit einer bestimmten Meinung und verließ es fast mit der gegenteiligen. Ich freundete mich mit vielen Mädchen an. Wir sprachen über die Arbeit, wie sie leben und warum sie das tun. Ich mag keine Klischees – aber so wie jeder, hab' ich auch welche. Ich versuche zwar anders zu denken, aber sie stecken tief in einem drin. Bis man eben eine andere Seite kennenlernt. Manchmal bestätigen sie sich, manchmal nicht.
Mit „Tokyo Hotel Story“ hat sich vor allem meine Sicht auf die Dominas verändert. Sie sind gerade im Vergleich zum japanischen Stereotyp der passiven Frau ein starker Kontrast – obwohl sie oft auch sehr passiv sind. Zum Beispiel wenn sie vor dem Hotel auf ihre Kunden treffen. Dann sind sie sehr freundlich, neigen den Kopf und lachen über die schlechten Witze – alles sehr traditionell. Aber sobald das Zimmer bezahlt und die Tür geschlossen ist, wechseln die Rollen. Ich habe „härtere“ Frauen erwartet, aber während der Foto-Sessions habe ich sie als süße, herzliche Frauen kennengelernt.

Würden Sie sich selbst als Voyeurin bezeichnen? Oder als Teil der SM-Community?
Ich bin nicht Teil der SM-Community und bis zu diesem Projekt wusste ich eigentlich nichts darüber. Aber ja, ich würde mich selbst als Voyeurin bezeichnen. Aber nicht in dem Sinne, wie die meisten Menschen denken. Für mich hat Voyeurismus nicht zwangsläufig mit Sexualität zu tun, vielmehr mit einer Teilnahme an der Welt von jemand anderem. Hinter den Vorhang blicken, die Menschen im Alltag begleiten, ein intimes Gespräch führen. Mit ihnen zu interagieren und ihre Sicht auf die Geschichte zu erfahren.

Wie war die Reaktion auf das Projekt? Gab es Kontroversen?
Natürlich gibt es immer Leute, die schnell über andere urteilen oder jemanden blockieren, weil sie etwas nicht begreifen. Aber im Allgemeinen wird das Projekt gut angenommen und wurde bereits in vielen Galerien und auf Fotofestivals ausgestellt.

Sie haben auch ein Bordell in Brasilien besucht. Was war der größte Unterschied?
Brasilien ist eine ganz andere Welt. Ich habe dort eines der ärmsten Bordelle in einer der schlechtesten Gegenden von Rio de Janeiro besucht. Der Taxifahrer wollte mich dort eigentlich gar nicht aussteigen lassen. Ich kam mit Fragen an, wie sie mit ihrem Job umgehen und ob sie dazu gezwungen werden. Ich traf jedoch auf Prostituierte, die sich für eine Legalisierung einsetzten und nicht dazu gezwungen wurden. Jede von ihnen hatte ihre eigene Geschichte. Mein Anliegen war, ihre Entscheidung für diesen Job zu verstehen und zu respektieren und ihre Geschichte mittels Fotos zu dokumentieren.

Sie leben jetzt in Berlin. Was ist der große Unterschied zwischen diesen beiden Kulturen?
Ich lebte zwei Jahre in Japan, aber war hauptsächlich im Rotlichtviertel unterwegs. Was ich von der Kultur kenne, ist Japan bei Tag mit all seinen Traditionen und bei Nacht, wenn sich die Menschen gehen lassen und alles erlaubt ist. In Berlin kenne ich das Rotlichtviertel nicht. Dies macht es schwer den Unterschied zu beurteilen. Verallgemeinert würde ich sagen: Japan ist in sexueller Hinsicht sehr offen. Es gibt einfach alles. Egal ob Nackt-Theater, Höschen-Auktionen oder Unten-Ohne-Bars. Ob es das in Berlin auch alles gibt, weiß ich nicht. In Tokio sind sie aber definitiv sichtbarer und weit verbreiteter als in Berlin.

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