Thomas Bayrle: Masse, Muster und Macht

MAK Thomas Bayrle…
Foto: /MAK/Georg Mayer "iPhone meets Japan" von Thomas Bayrle in der Säulenhalle des MAK

Ästhetisch und politisch hochaktuell: Die erste Museums-Werkschau von Thomas Bayrle in Österreich.

Es beginnt unanständig: "Fuck Canon" heißt das große Bild am Eingang von Thomas Bayrles Werkschau im Untergeschoß des MAK. Es dauert einige Zeit, um herauszufinden, dass es sich um ein pornografisches Motiv handelt, das über Abbildungen von Canon-Fotoapparaten gelegt wurde.

Wie durch Glaskörper schaut man also durch die kopulierenden Leiber hindurch auf verzerrte Kameras. Liegt der Voyeurismus im Fotografieren selbst, steht die Penetration durch Blicke am Pranger? Ist der Titel Unmutsäußerung über einen Kamerahersteller, oder lässt er sich auch anders lesen, im Sinne von "Zum Teufel mit dem (künstlerischen) Kanon"?

Verwoben

Es ist das Faszinosum der Ausstellung und generell von Thomas Bayrles Kunst, dass sie in so viele Richtungen denken lässt. Bilder und Texte, Logos und Buchstaben sind im Werk des 1937 geborenen Deutschen gleichwertige Elemente und als solche vielfach ineinander verwoben. Dass das Weben eine zentrale Rolle spielt, wird man im Kunstgewerbemuseum nicht müde zu betonen: Bayrle lernte in den 1950er-Jahren zunächst den Beruf des Webers und Musterzeichners und gestaltete für den Alltagsgebrauch, bevor er sich als Künstler definierte.

Thomas Bayrle, Ausstellung im MAK, Titel TBA, (c) … Foto: /MAK/Bildrecht, Wien Die Schau zeichnet seine Entwicklung nun schlüssig wie ästhetisch aufregend nach. In der MAK-Galerie und dem Design-Labor im Souterrain des Museums dominieren dabei zunächst Werke der 1960er- und ’70er-Jahre, in denen der Künstler die serielle Wiederholung von Motiven auslotete.

Was Bayrle dabei mit Porträts, Logos und aus Miniatur-Autobahnen gewebten Objekten zustande brachte, mutet komplexer und aufregender an, als vieles, was Andy Warhol etwa zur selben Zeit in seiner "Factory" produzierte. Vor allem verblüfft die Ästhetik, der man ihr Alter nicht ansieht: Die rhythmischen Wiederholungen und die variierten Endlosschleifen ("Loops") nehmen eine Ästhetik, die sich auch in der elektronischen Musik spätestens seit "Kraftwerk" (Autobahn!) findet, visuell vorweg. Dass eine "gebetsmühlenartige" Wiederholung auch ins Meditative und Spirituelle führt, zeigt sich in zahlreichen religiösen Bildmotiven – die aus Scheibenwischern und ähnlichen Elementen gebauten Wundermaschinen Bayrles bleiben in der MAK-Schau ausgespart.

Unübersehbar sind aber die politischen Verweise, die der Künstler wiederholt einbaute: So deuten Werke, die aus Kreuzen oder Totenköpfen gebaut und mit dem Titel "Verdun" versehen sind, auf die Massenvernichtung hin – in der Schlacht um Verdun (1916) forderte der Krieg Hunderttausende Opfer.

Massen-Schmuckstück

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Pieta&#768; World War I, 2017<br />
Tapisserie: Ateli… Foto: /Nicolas Roger/Bildrecht, Wien Im Dachgeschoß findet man schließlich die Werkgruppe der "Pietá" wie in einem Sakralraum arrangiert vor: Die von Michelangelo verewigte Szene der Trauer Marias um Jesus hat Bayrle einmal mit Totenköpfen, einmal mit iPhones adaptiert. Was besticht, ist die Einbettung dieser Bilder in die Räume der Sammlung "Wien um 1900": Die Liebe zum Ornament und zum Kunsthandwerk und das Bedürfnis, sich ästhetisch individuell darzustellen, koalierte damals bereits mit Massenfertigung, Industrialisierung und Fortschrittsgläubigkeit. Nun lässt Bayrle in diesem Grenzbereich eben die iPhones sprechen.

INFO: MAKs Mustermann

Der aus Berlin gebürtige Thomas Bayrle feiert am 7. November seinen 80. Geburtstag. Nach seiner Ausbildung zum Weber und Musterzeichner studierte er Grafik und wurde Verleger von Künstlerbüchern.  Von 1972 bis 2002  unterrichtete  er an der Frankfurter Städelschule. Bayrle war mehrfach bei der documenta vertreten, zuletzt 2012. Für die Werkschau "Wenn etwas zu lang ist - mach es länger", kuratiert vom Direktor der Kunsthalle Wien, Nicolaus Schafhausen, und MAK-Kustodin Bärbel Vischer, wurden Werke extra angefertigt, u. a. ein riesiges Bild am Boden der MAK-Säulenhalle. Die Ausstellung läuft bis zum 2. April 2018.

(kurier) Erstellt am
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