Kultur
10.04.2012

Theaterintendant Ivan Nagel gestorben

Der frühere Theaterintendant Ivan Nagel starb am Montag im Alter von 80 Jahren in Berlin.

Der frühere Theaterintendant Ivan Nagel ist tot. Nagel starb am Montag im Alter von 80 Jahren in Berlin, wie der Suhrkamp Verlag am Dienstag mitteilte. Nagel war Intendant des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg und leitete das Württembergische Staatsschauspiel in Stuttgart. Er bot Regisseuren und Schauspielern wie Rudolf Noelte, Claus Peymann, Peter Zadek, Will Quadflieg, Ute Lemper und Barbara Sukowa ein Podium. Als Schauspielchef der Salzburger Festspiele war er 1998 nur eine Saison tätig und hinterließ doch - etwa mit der Reihe "Dichter zu Gast" - bleibende programmatische Spuren.

Zuletzt war Nagel Professor für Geschichte und Ästhetik der Darstellenden Künste an der Universität der Künste in Berlin. Nagel schrieb zahlreiche Bücher, darunter "Autonomie und Gnade - Über Mozarts Opern" und "Der Künstler als Kuppler - Goyas Nackte und Bekleidete Maja". Seit 2010 erscheint sein Gesamtwerk im Suhrkamp Verlag. Nagel war ein großer Ermöglicher und galt als "graue Eminenz des deutschen Theaters", ohne sich dabei selbst in den Vordergrund zu spielen. Nagel war am 28. Juni 1931 in Budapest geboren worden. Wegen seiner jüdischen Herkunft musste er 1944 mit seiner Familie untertauchen.

"Nie maßte ich mir an, Künstler zu sein"

Ivan Nagel war Theaterintendant und -kritiker, Dramaturg und Hochschullehrer, vor allem aber ein Mensch, der in der Qualität seiner intellektuellen Auseinandersetzung Maßstäbe gesetzt hat. Nagel wurde am 28. Juni 1931 in Budapest geboren. Wegen seiner jüdischen Herkunft musste er 1944 mit seiner Familie untertauchen, als Angehöriger des Bürgertums verwehrte ihm der kommunistische Staat das Studium. 1948 flüchtete Nagel in die Schweiz. Er studierte Philosophie in Paris und Zürich, ab 1954 bei Theodor W. Adorno in Frankfurt. Zunächst Theater- und Musikkritiker, arbeitete er danach als Chefdramaturg der Münchner Kammerspiele.

1972-79 leitete er das Hamburger Schauspielhaus, seine Intendanz endete mit dem von ihm organisierten Festival "Theater der Nationen", das später zur Gründung der Festspiele "Theater der Welt" führte. 1985-88 leitete er das Württembergische Staatsschauspiel in Stuttgart, danach lehrte er als Professor für Ästhetik und Geschichte der Darstellenden Künste an der Berliner Hochschule der Künste.

Nagel, der zuletzt in Berlin lebte, gehört zu jenen, die Ende der 60er Jahre auf den Bühnen der Bundesrepublik personell und inhaltlich einen Generationswechsel durchzusetzen begannen - wobei er als kritischer Theaterliebhaber immer wieder die "Fronten" zwischen Theorie und Praxis wechselte. Als Berater der Berliner Kulturpolitik war er mitverantwortlich für die Übernahme der Berliner Volksbühne durch Frank Castorf, die Berufung Thomas Langhoffs ans Deutsche Theater und für die rasch gescheiterte Fünfer-Intendanz am Berliner Ensemble.

Als Schauspielchef der Salzburger Festspiele war er 1998 nur eine Saison tätig und hinterließ doch - etwa mit der Reihe "Dichter zu Gast" - bleibende programmatische Spuren. Als Autor hat Ivan Nagel eine Vielzahl von Büchern publiziert, darunter seine in viele Sprachen übersetzte Studie zu Mozart-Opern "Autonomie und Gnade" und der Essay "Kortner Zadek Stein". Zu Nagels Auszeichnungen gehören der Johann-Heinrich-Merck-Preis, der Fritz-Kortner-Preis, der Moses-Mendelssohn-Preis, der Ernst-Bloch-Preis und der Heinrich-Mann-Preis.

"Mit und im Theater verbrachte ich alles in allem fünfzig Jahre. (...) Ich spielte nicht, inszenierte nicht, dichtete kein Stück. Nie maßte ich mir an, Künstler zu sein", schrieb Ivan Nagel in seinem Buch "Drama und Theater" aus 2006. Er habe jedoch das Glück gehabt, für wesentliche Künstler arbeiten zu dürfen. "Erfahrungen mit ihnen erklären, warum der Kern meiner Beziehung zum Theater weder Theorie noch Kritik, sondern Dank ist."