Ein grandioser Teufel: Bo Skovhus als Nick Shadow an der Wien.

© Herwig Prammer

Medien-Wahnsinn ohne Ablaufdatum
09/17/2013

Medien-Wahnsinn ohne Ablaufdatum

Kritik.Igor Strawinskys "The Rake’s Progress" überzeugt szenisch und musikalisch.

von Peter Jarolin

Vor fünf Jahren war Martin Kušejs Inszenierung noch ein Aufreger; aufgrund expliziter Sex-Szenen wurde die Produktion damals sogar mit Jugendverbot belegt.

Heute ist das anders. Kušejs mit Mediengeilheit, Sex, Gewalt und Wahnsinn virtuos jonglierende Interpretation von Igor Strawinskys „The Rake’ s Progress“ kann bei der Wiederaufnahme im Theater an der Wien ihre Qualitäten voll entfalten. Kušej und der für die Neu-Einstudierung zuständige Herbert Stöger haben (bei den Video-Clips) einiges aktualisiert – der Teufel lebt im Wien 2013.

Aus einem „Pizza Diavolo“-Karton klettert Nick Shadow heraus, um sein potenzielles Opfer Tom Rakewell aus der Spießerwelt erst in die Swingerclubs und dann ins mediale Rampenlicht zu entführen. Dass Tom sich – nach dem Genuss vieler Drogen – am Ende als Messias wähnt und bei Ansicht des „Villacher Faschings“ wahnsinnig wird, ist bei Kušej nur konsequent.

Idealer Vorbote

Eine dank des Bühnenbildes von Annette Murschetz und der Kostüme von Su Sigmund in sich stimmige, packende und nach wie vor zeitgemäße Deutung, die bereits Appetit auf die Fortsetzung „A Harlot’s Progress“ macht. Diese Oper des Briten Iain Bell feiert am 13. Oktober ihre Uraufführung und hat wie Strawinskys „Rake’s“ auch eine Kupferstichfolge von William Hogarth als Vorbild.

Vorerst aber darf man sich noch über Strawinsky freuen, denn dieser wird an der Wien auch musikalisch eindrucksvoll umgesetzt. Michael Boder (bei der Premiere 2008 war Nikolaus Harnoncourt der Dirigent ) leitet das ausgezeichnete ORF Radio-Symphonieorchester mit Verve und Umsicht. Boder lässt seinen Strawinsky auch swingen, arbeitet die zahlreichen musikalischen Zitate (vom Barock bis zur Gegenwart) schön heraus und ist den Sängern ein idealer Partner.

Die wissen das zu nützen. Wie bereits 2008 gibt der Tenor Toby Spence einen vokal glaubhaften, herrlich verlorenen Tom Rakewell, der in Bo Skovhus einen neuen, fabelhaften Nick Shadow findet. Beeindruckend ist auch die Dämonie des Baritons.

Wunderbar die traumhaft schön singende Anna Prohaska als Anne Trulove; immer ein Ereignis Anne Sofie von Otter als Baba the Turk. Carole Wilson, Manfred Hemm, Gerhard Siegel und der Arnold Schoenberg Chor lassen ebenfalls kaum Wünsche offen. Jubel!

KURIER-Wertung:

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