Nikolaus Harnoncourt sorgte (wieder) für ein radikales Hörerlebnis

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Gnadenlos, bis an die Schmerzgrenze
03/07/2014

Gnadenlos, bis an die Schmerzgrenze

Auftakt zum konzertanten Mozart/Da-Ponte-Zyklus mit Nikolaus Harnoncourt im Theater an der Wien.

von Peter Jarolin

Er wolle etwas "Unerhörtes" schaffen, ließ Dirigent Harnoncourt im Vorfeld verlauten. Und tatsächlich: Was der Dirigent zum Auftakt seines Mozart/Da-Ponte-Zyklus im Theater an der Wien bei "Le nozze di Figaro" bot, war unerhört. Unerhört aber im Sinne von: So noch nie gehört.

Auf der Bühne ein paar Notenpulte, eine mit Porträts der Protagonisten gespickte "Ahnengalerie" samt Spiegeln, ein erhöhter Orchestergraben – das ist das Umfeld für Mozarts "Nozze", die bei Nikolaus Harnoncourt und dem Concentus Musicus in seltener Radikalität erklingt.

Denn der Dirigent wählt teils extreme Tempi, buchstabiert dieses Werk gnadenlos und auch spannend durch, lässt die Rezitative sprechen, nicht singen, macht aus dem "Figaro" ein psychologisches Kammerspiel. Und selbstverständlich sind auch alle gängigen Striche geöffnet, werden alle Arien interpretiert.

Die Betonung liegt hier wirklich auf "interpretiert", weniger auf gesungen. Denn Harnoncourt erteilt jeder Art von purem Schöngesang eine klare Absage; sein Mozart hat Ecken, Kanten, schmerzt und erfreut zugleich. Hinreißend etwa die Idee, Cherubino bei seinem ersten Auftritt einen Stimmbruch erleiden zu lassen. Sehr gut auch die Überlegung, Graf Almaviva immer wieder zu Sprechgesang zu nötigen. Harnoncourt und der hervorragende Concentus Musicus Wien charakterisieren alle Protagonisten aus der Musik heraus. Man kann viele Einwände haben; aber kalt lässt einen dieser "Figaro" sicher nicht.

Zumal einige der Interpreten exzellent agieren: An der Spitze Elisabeth Kulman als vokal wie darstellerisch fabelhafter Cherubino. Die Mezzosopranistin singt Mozart mit einer Leichtigkeit, ja spielerischen Intensität, die in den Bann zieht. Aber auch Bo Skovhus (er benötigt keine Notenblätter) zeichnet einen auch stimmlich getriebenen Grafen, und Marie Eriksmoen setzt als Susanna ihren nicht allzu großen Sopran sicher ein. Sehr gut auch Ildikó Raimondi als Marcellina, Peter Kálmán (Bartolo und Antonio) und Mauro Peter (Basilio/Don Curzio).

André Schuen bleibt als Figaro hingegen sehr blass; eine einzige Enttäuschung ist Christine Schäfer als unsichere, viele falsche Töne produzierende Gräfin. Christina Gansch (Barbarina) und der gewohnt tadellose Arnold Schoenberg Chor wirken bei einem Projekt mit, das in mancher Hinsicht jedenfalls noch ausbaufähig ist.

KURIER-Wertung:

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