Ensemble: Jens Claßen, Emese Fáy, Raphael Nicholas, Julia Schranz, Georg Schubert und Elisabeth Veit

© /Anna Stöcher

TAG: Leistungsträgerin bleibt im Bett
10/09/2014

TAG: Leistungsträgerin bleibt im Bett

"Shut (Me) Down oder Der Weg ins Zentrum des Abseits" von Steffen Jäger im TAG uraufgeführt.

von Guido Tartarotti

Das TAG – Theater an der Gumpendorfer Straße – ist heuer zum dritten Mal in Folge für den Nestroy nominiert. Und womit? Mit Recht. Das kleine, chronisch untersubventionierte Haus bietet verlässlich intelligentes Off-Theater und große schauspielerische Leistungen.

Am Mittwoch startete die Bühne mit der ersten Premiere in die neue Saison: "Shut (Me) Down – oder Der Weg ins Zentrum des Abseits".

Die Geschichte ist – das ist typisch für den Stil von Intendant Gernot Plass – eine zeitgemäße Auseinandersetzung mit einem mythenumrankten Stoff: "Shut (Me) Down" ist inspiriert von Ivan Gontscharows Romanfigur "Oblomow" – dieser verkörpert den in Trägheit erstarrten russischen Altadeligen. Durch einen Unfall selbst bewegungslos gemacht, adaptierte der Regisseur Steffen Jäger bei seinem Debüt als Dramatiker das Motiv der Passivität für die Jetztzeit: Lilie ist Investmentbankerin, sie steht vor einem Karrieresprung. Doch als das Leben – draußen tobt die Krise und der Bankdirektor verschwindet spurlos – plötzlich unübersichtlich wird, bleibt sie einfach im Bett und steht nicht mehr auf.

Hemmungslos passiv

An ihrer hemmungslosen Passivität zerschellt die Außenwelt: Ihr schmieriger Politiker-Gatte, der 100 Prozent der Wählerstimmen bekommt, weil er als einziger noch wählen geht; die Freundin, die glaubt, ihr Namenswechsel von Helene auf Helen macht sie zur Schriftstellerin; der unterwürfige Bankangestellte; die blasse Schwester. Nur ihr Hund Brutus kommt Lilie noch nahe.

Das Stück ist immer dann am besten, wenn es sich selbst kommentiert: Wenn z. B. "der Anfang" als Figur auftritt und verzweifelt versucht, nicht vom Fortschreiten der Handlung verdrängt zu werden; wenn drei Obdachlose als herrliche Parodie eines griechischen Chores mit der Heuchelei der Gesellschaft abrechnen; oder wenn die Mona Lisa persönlich erklärt, wie sehr ihr das Dauerlächeln seit 500 Jahren auf die Nerven geht.

Dazwischen ist die Handlung manchmal ein bisschen wirr und gleichzeitig ein bisschen vorhersehbar kapitalismuskritisch. Doch das Ensemble – Jens Claßen, Emese Fáy, Raphael Nicholas, Julia Schranz, Georg Schubert und Elisabeth Veit – spielt hinreißend. Ein merkwürdiger, sehr sehenswerter Abend.

KURIER-Wertung:

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