Zehn ehrenwerte junge Herren ohne Ehre: Der "Riot Club" trifft sich zur Orgie und singt dazu "God save the Queen"

© Thimfilm

Neu im Kino
10/09/2014

Dekadente Tischgesellschaft aus versnobbten Studenten

Kritik: Lone Scherfigs britisches Oberklassen-Drama zeigt einen elitären Zirkel mit realem Vorbild. Ab 9. Oktober im Kino.

von Peter Temel

Dass sich die junge britische Upper Class nicht nur zum Nachmittagstee trifft, diesen Verdacht hatte man schon länger. Der elitäre Kreis, der sich hier zu geheimen Orgien trifft, ist aber an Dekadenz und Überheblichkeit kaum zu überbieten. „Riot Club“ nennt sich die studentische Verbindung an der University of Oxford. Die Spitzen der Gesellschaft waren seit Jahrhunderten Teil des auf zehn Mitgliedern limitierten Burschenzirkels. Reales Vorbild soll die Dining Society „Bullingdon Club“ sein.

Nachdem wieder einmal zwei Frischlinge das derbe Aufnahmeritual - verwüstete Zimmer und Ekel-Cocktails - bewältigt haben, findet das traditionelle Dinner statt, um dem Gründer Lord Ryot aus dem 18. Jahrhundert zu huldigen. In einem Landgasthaus trifft die verdorbene, versnobbte Runde auf das so verachtete rechtschaffene Kleinbürgertum. Der explosive Cocktail aus Völlerei, Alkohol, Kokain, Hass und Geld lässt die Situation schließlich gewaltsam eskalieren.

Kammerspiel

Die Dänin Lone Scherfig ("Italienisch für Anfänger", "An Education") inszenierte das teils kammerspielartige Sittenbild nach der Theatervorlage "Posh" von Laura Wade. Die britischen Jungstars wie Sam Claflin ("Die Tribute von Panem - Catching Fire"), Douglas Booth ("Noah") und Max Irons ("Seelen") wirken wie adrette Mitglieder eines „Club der toten Dichter“, der keine Humanität kennt. Enttäuschend kurz ist der Auftritt von „Game of Thrones“-Star Natalie Dormer als Edelprostituierte, die zu der Orgie bestellt wird.

Scherfig vermag mit der erschreckend dargestellten Gruppendynamik durchaus einen Sog zu entwickeln, letztlich bietet die Handlung aber keine allzu großen Überraschungen. „The Riot Club“ bietet immerhin starkes Schauspielerkino, das gekonnt zwischen Mainstream und Arthouse zu vermitteln weiß.

INFO: "The Riot Club". Thriller. GB 2014. 106 Min. Von: Lone Scherfig. Mit: Sam Claflin, Douglas Booth, Max Irons

KURIER-Wertung:

Der echte "Riot Club": Spaßvögel aus dem Elfenbeinturm

Ich kann arme Leute auf den Tod nicht ausstehen", verkündet ein Hauptdarsteller in einem der britischen Kino-Hits dieses Herbsts, ehe er und seine wohlbetuchten Freunde nach einem Abend kulinarischer Exzesse und sexueller Ausritte ein Landgasthaus verwüsten und dessen Wirt halb tot schlagen.

Für Großbritanniens Konservative, deren letzte Parteikonferenz vor den nächsten Unterhauswahlen gerade in Birmingham über die Bühne ging, bedeutet diese nachhallende Zeile ein ausgemachtes PR-Desaster. Schließlich ist jener Film "The Riot Club" ein kaum verfremdetes Porträt des für Umtriebe solcher Art berüchtigten Bullingdon Clubs, bis hin zu den Details seiner Uniform: dunkelblauer Frack mit elfenbeinfarbenem Seidenrevers und Monogramm-Messingknöpfen.

Dem ultra-elitären, rein männlichen Studentenbund an der Oxford University gehörten Ende der Achtziger nicht nur Premier David Cameron, sondern auch der Londoner Bürgermeister Boris Johnson und Schatzkanzler George Osborne an. Ein Gruppenbild in voller Montur kursiert online, auch wenn es – offiziell auf Verlangen des Fotografen – nicht mehr gedruckt werden darf.

Als Cameron und Osborne nun vergangene Woche auf dem konservativen Parteitag ihr Programm des Einfrierens aller Sozialhilfen für Menschen im arbeitsfähigen Alter bei gleichzeitiger Aussicht auf künftige Steuersenkungen für Besserverdienende präsentierten, kam einem zwangsläufig das in "The Riot Club" verewigte Bild der rabiaten Aristokraten-Gang vor Augen.

Verwandter der Queen

Der Premierminister, Spross einer adeligen Broker-Familie, ist ein entfernter Verwandter der Queen (seine Urururururgroßmutter trug als dessen Mätresse ein Kind von König Wilhelm IV. aus). Der Stammbaum seines Schatzkanzlers Osborne, der im Bullingdon gehänselt wurde, weil er "nur" die Privatschule St. Paul’s und nicht Eton besucht hatte, geht wiederum über 23 Generationen auf König Heinrich III. zurück. Als die beiden gleich nach ihrem Studium direkt in die Partei überwechselten, war mit Margaret Thatcher noch die Tochter eines Lebensmittelhändlers am Ruder. Auch ihr Nachfolger John Major, Sohn eines Zirkusartisten und Gartenzwergherstellers, kannte die Welt der kleinen Leute aus erster Hand. In ihren Kabinetten waren die Abgänger Englands exklusivster Eliteschulen damals zwar genauso überrepräsentiert wie heute, aber die Tories waren immerhin klug genug, volksverbundene Figuren ins Rampenlicht zu stellen. Heute haben sie einen Chef, der mit einem Millionenerbe im Rücken aufwuchs.

Elitärer Labour-Chef

Labour kann diesen wunden Punkt kaum ausnützen. Ihr Chef, Ed Miliband, der sich so wie Cameron in Oxford sein Politikerdiplom in PPE (Politics, Philosophy and Economics) abholte, entstammt nämlich dem der Aristokratie in puncto Abgehobenheit ebenbürtigen linksintellektuellen Bildungsbürgertum. Miliband gilt weithin als "nicht normal". Die Boulevardpresse konnte vom Spott über sein Scheitern am tropffreien Verzehr eines Bratspeck-Sandwiches in einer Londoner Imbiss-Stube nicht genug kriegen. Wobei da auch ein Deut unausgesprochener Antisemitismus mitschwingen mag.

In das zwischen Cameron und Miliband entstandene Vakuum an Volksverbundenheit dringt die rechtspopulistische UK Independence Party (UKIP) ein. Beiden Großparteien entgleiten ihre kleinbürgerlichen und proletarischen Kernwählerschichten in Richtung der als Europagegner großgewordenen Partei.

Den Tories liefen zuletzt die eigenen Politiker in dieselbe Richtung davon. Erst letzte Woche trat mit Mark Reckless bereits ein zweiter konservativer Unterhausabgeordneter zu UKIP über. In einem Pub in seinem Wahlkreis Rochester am ärmeren Ende der Grafschaft Kent zeigte der Abgeordnete sich in durstiger Einigkeit mit Biervernichter und UKIP-Chef Nigel Farage.

Reckless, der im Jahr 2010 wegen Alkoholisierung eine Budget-Abstimmung versäumte, beschränkte sich diesmal auf Orangensaft.

Worüber bei dem kumpelhaften Pressetermin niemand sprach: Ganz wie Cameron, Miliband & Co. durchlief auch Reckless Ende der Achtziger die Politikerschmiede in Oxford. Wie fasst es doch einer der Oberschicht-Fädenzieher in "The Riot Club" zusammen: Die Elite verliert nie. "Wir passen uns an."

(Robert Rotifer, London)

Trailer: "The Riot Club"

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