Kampfpilot Lars Koch (Florian David Fitz) steht vor Gericht.

© ORF/Julia Terjung

Justizdrama "Terror"
10/16/2016

Soll man 164 Menschen töten, um Tausende zu retten?

Das erste TV-Voting über Terrorabwehr. Am Montag wird auf ORF 2 abgestimmt.

von Marco Weise

Nicht schuldig. Der Bundeswehrpilot Lars Koch, der einen Airbus mit 164 Menschen abgeschossen hat, um damit 70.000 Menschen zu retten, wurde freigesprochen. 23 der geladenen Medienvertreter stimmten nach der Pressevorführung von " Terror – Ihr Urteil" in einem Hotel in Hamburg für einen Freispruch. 17 waren für eine Verurteilung. Das Gerichtsdrama, von dem hier die Rede ist, sorgte im Theater bereits für volle Ränge und Furore, weil es das Publikum einbezieht, zu Geschworenen macht und sie am Ende in eine moralische Zwickmühle bringt.

Nun wurde das Theaterstück des deutschen Bestseller-Autors Ferdinand von Schirach für das Fernsehen adaptiert. Am Montag, 17. Oktober, um 20.14 Uhr auf ORF 2 wird eines der spannendsten Experimente der jüngsten TV-Geschichte in Österreich, der Schweiz und Deutschland zeitgleich ausgestrahlt. An Bord sind auch noch Slowenien und Tschechien, die nachträglich aufgesprungen sind.

Das Besondere daran: Die TV-Zuseher werden nach den Schlussplädoyers länderübergreifend in die Pflicht genommen: Ist der Angeklagte schuldig? Oder nicht schuldig? Abgestimmt wird per Televoting. Bevor der Richter (Burghart Klaußner) das Urteil der TV-Zuseher verkündet, wird der Fall ausführlich aufgerollt.

Abschuss

In einer kammerspielartigen Inszenierung von Regisseur Lars Kraume werden Zeugen befragt und Fakten überprüft. Angeklagt ist Major Lars Koch (Florian David Fitz), der sich vor Justitia für folgende Tat verantworten muss: Ein Terrorist kapert eine Maschine der Lufthansa und zwingt die Piloten, Kurs auf ein vollbesetztes Stadion in München zu nehmen, wo Fußballfans das Spiel zwischen Deutschland und England verfolgen. Um 20.53 Uhr wird die Flugzeugentführung an den Luftwaffenstützpunkt weitergeleitet. Kampfjets steigen auf. Einer der Piloten ist Major Lars Koch, der minutenlang den Airbus begleitet, versucht ihn abzudrängen und sogar einen Warnschuss abgibt. Aber auf beide Manöver reagiert die Maschine nicht. Der Befehl zum Abschuss wird auf Nachfrage des Piloten nicht erteilt. Schließlich entscheidet er eigenmächtig, den Flieger abzuschießen: "Wenn ich jetzt nicht schieße, werden Zehntausende sterben." Mit einer Rakete holt er das entführte Passagierflugzeug vom Himmel – alle Insassen sterben. Koch wird nach der Landung festgenommen – die Anklage der Staatsanwältin (Martina Gedeck) lautet: 164-facher Mord. Sie fußt auf einer Entscheidung des deutschen Bundesverfassungsgerichts, wonach Leben nicht gegen Leben abgewogen werden kann. "Recht und Moral sind streng voneinander zu trennen", sagt die Staatsanwältin. Dagegen plädiert der Verteidiger (Lars Eidinger) von Lars Koch – seine Forderung: Freispruch! Sein Mandant sei kein Mörder, sondern ein Held, der Tausende vor einem Terroranschlag gerettet hat.

Der TV-Zuseher verfolgt das Geschehen aus der Perspektive eines Geschworenen. Während des Films ist man mehrmals hin- und hergerissen. Kaum hat man eine Tendenz zu einem Urteil, ändert sich die Stimmungslage. Sein persönliches Urteil behält Florian David Fitz im KURIER-Interview für sich: "Ich will nichts vorwegnehmen. Die Entscheidung überlasse ich jedem Zuschauer selbst. Ich war mir bei der Entscheidung auch lange nicht sicher, war immer wieder hin- und hergerissen. Ein bisschen bin ich das immer noch."

Innere Konflikte

Das Tolle am Schirach-Stück ist, dass es die Menschen unmittelbar anspricht. Zuseher werden sensibilisiert, wie schwierig es ist, juristische Entscheidungen zu treffen. "Spannend wird es während oder nach dem Film. Dann, wenn die Menschen miteinander über das mögliche Urteil diskutieren, die Gründe für eine oder gegen eine Verurteilung debattieren. Der Film löst innere Konflikte aus und bringt einen in moralische Schwierigkeiten", sagt Fitz. "Das ist dem TV-Publikum zumutbar", ist die ORF-Fernsehdirektorin Kathrin Zechner überzeugt und fügt hinzu: "Wir wollen mit diesem multimedialen TV-Event einen Diskurs auslösen und bewusst machen, was es heißt, Verantwortung zu übernehmen."

Es geht bei "Terror – Ihr Urteil" also nicht nur um Unterhaltung zur Primetime, sondern auch darum, sich seine eigene Meinung zu bilden, Pro und Kontra abzuwägen, Debatten über Moral und Ethik zu führen. "Das Ziel ist es, dem Zuschauer die Entscheidung so schwer wie möglich zu machen", fasst Fitz zusammen. Das sei ein charmanter Trick des Autors. Es gelingt ihm, "ein sperriges, rechtsphilosophisches Thema anschaulich und dramaturgisch genial aufzubereiten. Er findet so einen völlig anderen Zugang zu Fragen wie Menschenwürde, wie sich Recht und Moral zueinander verhalten", sagt Peter Resetarits, der dem österreichischen TV-Publikum live die Frage stellen wird: schuldig oder nicht schuldig? Eingebettet in einem Themenabend (siehe unten) lädt der Jurist und ROMY-Preisträger anschließend zur Diskussion. Neben dem Urteil des TV-Publikums werden die rechtliche Situation in Österreich und die ethischen wie moralischen Grundlagen analysiert. Bestandteil dieses Eurovision-Abends sind auch Live-Schaltungen nach Deutschland und in die Schweiz.

Dilemma

Das Theaterstück von Ferdinand von Schirach wurde bereits weltweit aufgeführt. Die Abstimmungsergebnisse fallen dabei meist ident aus: Wie die Internetseite terror.theater auflistet, haben bislang 59,9 Prozent der 160.807 Theaterbesucher für einen Freispruch gestimmt. Während in Japan der Kampfpilot bei vier Vorstellungen schuldig gesprochen wurde, gab es in Österreich bei 17 von 18 Vorstellungen im Grazer theater@work Freisprüche. "Rein strafrechtlich wäre ich nach deutschem Gesetz zu verurteilen", sagt Fitz. Und äußert seine bedenken: "Ist es wirklich egal, ob ein Mensch oder Tausende sterben? Würde das bedeuten, dass ein Völkermord dasselbe ist wie ein einzelner Mord? Für mich bleibt es ein Dilemma."

Der Ablauf des Themenabends auf ORF 2

– 20.14 Uhr: „Terror – Ihr Urteil“ – mit einleitenden Worten von Peter Resetarits. Danach folgt die Verhandlung (deshalb 20.14 Uhr).

– 21.40 Uhr: Die Abstimmung. Peter Resetarits meldet sich zurück und fordert die Zuseher (also die Geschworenen) zur Stimmabgabe via Televoting auf (€ 0,50/SMS/Anruf).
Dazu wählen die Zuschauer
090105909 – 01 (für „schuldig“)
090105909 – 02 (für „nicht schuldig“)
oder stimmen online unter extra.orf.at ab.

– 21.48 Uhr: Das Urteil – Ausstrahlung des in Österreich gewählten Filmendes.

– 21.53 Uhr: Die Diskussion – unter der Leitung von Peter Resetarits diskutieren unter anderem Justizminister Wolfgang Brandstetter (ÖVP), Juristin und Philosophin Elisabeth Holzleithner und Verfassungsexperte Heinz Mayer, inklusive Live-Schaltungen nach Deutschland (ARD) und in die Schweiz (SRFzwei).

Der Spiegel nannte ihn einen „großartigen Erzähler“, die New York Times einen „außergewöhnlichen Stilisten“. Zweifelsohne ist Ferdinand von Schirach eine der markantesten Stimmen der europäischen Literatur. Seine Erzählungsbände „Verbrechen“ und „Schuld“ sowie seine Romane „Der Fall Collini“ und „Tabu“ sind Bestseller. Der in Berlin lebende Strafverteidiger und Schriftsteller wurde 1964 in München in eine Familie geboren, die auf eine durchwachsene Geschichte zurückblicken kann. Von Schirach ist Sohn des Münchner Kaufmanns Robert von Schirach und Enkel des NS-Reichsjugendführers und Gauleiters in Wien, Baldur von Schirach. Einer seiner Urgroßväter war der Hitler-Fotograf Heinrich Hoffmann, ein anderer Urgroßvater, Carl von Schirach, der Intendant des Nationaltheaters in Weimar und des Staatstheaters Wiesbaden.

Ferdinand von Schirach hat sich Zeit seines Lebens für die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit starkgemacht. In „Der Fall Collini“ widmet er sich den Skandalen der Nachkriegsjustiz bei der Aufarbeitung der NS-Taten. Am Ende stellt er darin die Frage, wie die Generation der Enkel mit der Schuld der Großväter umgehen kann. Seine Antwort: „Die Schuld meines Großvaters ist die Schuld meines Großvaters.“ „Terror“ ist sein erstes Theaterstück.