Kultur
20.02.2012

"Telemaco": Wenn Liebe Wunden schlägt

Christoph Willibald Glucks "Telemaco" wird im Theater an der Wien zu einem Triumph für alle Beteiligten.

Wenn es mehr als 250 Jahre dauert, ehe eine Oper nach ihrer Uraufführung wieder zu szenischen Ehren kommt, bedeutet das im Normalfall eher nichts Gutes. So geschehen bei "Telemaco", jenem "Dramma per musica", das Christoph Willibald Gluck 1765 zur Hochzeit von Kaiser Joseph II. mit Maria Josepha von Bayern komponierte und das gleich bei der Uraufführung auf Ablehnung stieß. "Telemaco" hat natürlich Schwächen. Denn Gluck steht hier musikalisch noch zwischen der Operia seria und den Anfängen der von ihm begonnenen Opernreform. Auch die Handlung – Telemaco ist auf der Suche nach seinem Vater Ulisse, der von der Zauberin Circe auf ihrer Insel gefangen gehalten wird – ist nicht allzu originell. Aber dem Theater an der Wien gelingt durch diverse Kunst- und Eingriffe die sprichwörtliche Quadratur des Kreises. An der Wien wird "Telemaco" zum packenden, heutigen, musikalisch grandiosen Musiktheater. Und das hat mehrere Gründe.

Etwa die Inszenierung von Torsten Fischer und das Bühnenbild von Vasilis Triantafillopoulos und Herbert Schäfer, das der eigentliche Star der Produktion ist. Triantafillopoulos und Schäfer haben eine riesige Scheibe auf die Bühne gestellt, die drehbar, verschiebbar und versenkbar ist, die in allen möglichen Schräglagen den Blick auf Ober,- Unter,- oder Inselwelt freigibt. Kontrastiert wird das Ganze mit einem überdimensionalen, an der Decke angebrachten Spiegel – Ausdruck psychologischer Tiefenschärfe.

Denn darum geht es Fischer: Er hat (als Sprechrolle) die Figur der Penelope (sehr präsent: Anna Franziska Srna), also Ulisses Frau, hinzugefügt – diese ist Circes Widerpart. Ein Mann zwischen zwei Frauen, ein Sohn zwischen Mutter, Vater und seiner eigenen Liebessehnsucht: Fischers Familienaufstellung ist perfekt. Auch für Ulisses Gefolge und Circes Nymphen (grandios der Arnold Schoenberg Chor) findet Fischer beeindruckende, zeitlos schöne Bilder.

Galerie

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Valentina Farcas (liegend) als "Asteria", Rainer Trost als "Ulisse" und Anett Fritsch als "Merione"

(v.l.n.r.) Bejun Mehta als "Telemaco", Anett Fritsch als "Merione", Alexandrina Pendatchanska in der Rolle der "Circe" und Valentina Farcas als "Asteria"

Bejun Mehta als "Telemaco"

An "Telemacos" seiner Seite: Valentina Farcas als "Asteria"

bühnenbild

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Alexandrina Pendatchanska in der Rolle der "Circe" und Rainer Trost als "Ulisse".

Sogwirkung

Auch die musikalische Seite lässt keine Wünsche offen. Dirigent René Jacobs am Pult der Akademie für Alte Musik Berlin legt ein dynamisches, fein strukturiertes Dirigat vor, setzt auf orchestrale Hochspannung und ist den Sängern ein exzellenter Begleiter. Selbst die Rezitative entfalten hier eine ganz eigene Sogwirkung.Und die Sänger wissen das zu nützen. An der Spitze Alexandrina Pendatchanska als Circe. Pendatchanska verfügt über alles nötigen Koloraturen, ihr schöner, dramatischer Sopran ist auch allen vokalen Ausbrüchen der Circe gewachsen. Darstellerisch ist Pendatchanska ohnehin eine Klasse für sich. Nicht minder eindrucksvoll agiert Bejun Mehta in der diffizilen Rolle des Telemaco; Mehtas herrlicher Countertenor ist purer Luxus. Absolute Entdeckungen sind dagegen die Sopranistinnen Anett Fritsch (in der Hosenrolle des Merione) sowie Valentina Farcas in der Partie von Telemacos geliebter Asteria. Beide Künstlerinnen sind exzellente Singschauspielerinnen. Und als tragischer Ulisse verströmt Rainer Trost feinsten Tenorklang. Der einhellige, frenetische Jubel für alle Beteiligten geht absolut in Ordnung.

Fazit: So sieht tolles Musiktheater aus

Werk: Glucks "Telemaco" wurde 1765 uraufgeführt, stieß aber auf wenig Gegenliebe. Erst 2003 wurde die Oper wieder szenisch gegeben.

Regie: Zeitlos modern; psychologisch motiviert. Toll die Personenführung. Star ist aber das grandiose Bühnenbild.

Dirigat: Dynamisch und gut.

Gesang: Alle Protagonisten singen und spielen exzellent.

KURIER-Wertung: ***** von (*****)