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Buskers
09/05/2014

Straßenkunst: Das Schweigen der Lärmer

Von 5.-7. September findet am Wiener Karlsplatz zum vierten Mal das Buskers Festival für Straßenkunst statt. Mit dabei: Der Jonglage-Künstler El Diabolero. Seine Geschichte sagt viel über den Umgang der Stadt Wien mit ihrer Straßenkunst aus.

von Julia Karzel

Abraham Thill versenkt das Gesicht in seiner Hand, resignierend, ja fast verzweifelnd. Er tigert in seinem mit Kreide gemalten Kreis auf der Kärtnerstraße herum. Setzt dann noch einmal an und erklärt die Aufgabe zum dritten Mal: Bei jedem seiner Schritte soll geklatscht werden. Er hebt einen Fuß und schon legt wieder ein eifriges Kind verfrüht los. Der Straßenkünstler kann sein spitzbübisches Grinsen nur schwer verstecken, doch dann schimpft er los, das Publikum kichert. Abraham Thill nennt sich bei seinen Auftritten El Diabolero und arbeitet beinahe eine Stunde auf den Höhepunkt seiner Show hin: Einen mehr als 30 Meter hohen Wurf mit dem Diabolo, einem Doppelkegel aus Plastik, den er auf einer Schnur tanzen lässt. Seine Darbietung dauert in etwa eine Dreiviertelstunde, den tatsächlichen Einsatz seiner Jonglage-Künste schätzt er auf sieben Minuten. Der Rest sind Faxen – Jux und Tollerei mit vollem Körpereinsatz, verschwitzt, verschmitzt und oft geradezu unverschämt frech.

Abraham Thill ist gute Dreißig, aber er ist einer dieser alterslosen, ewigen Lausbuben. Als ausgebildeter Schauspieler hat er schnell gelernt, dass es auf der Straße zwar durchaus zählt, wenn ein Künstler mit technischem Können brilliert. Viel wichtiger sind jedoch die Show und der Kontakt zu den Zusehern, das „liebevolle Verarschen“ des Publikums, wie er es nennt. Seit 1999 tritt El Diabolero auf der Straße auf. Mittlerweile ist Abraham Thill verheiratet und hat zwei kleine Kinder. Er kehrt zwar immer wieder zu seiner Familie nach Wien zurück, trat hier jedoch in den vergangenen zwei Jahren seltener auf. Stattdessen schleudert er auf internationalen Festivals und Pflastersteinen sein Diabolo in die Luft. Dort spricht er Englisch, genauso wie bei seinen Auftritten in Wien – ganz auf die zahlreichen und zahlwilligen Touristen abgestimmt.

Kritik an Wien

Die Kärntnerstraße ist voller Touristen, aber eigentlich nicht El Diaboleros ideale Bühne. Die Einkaufsmeile bietet zu wenig Platz für die zwei- bis dreihundert Menschen, die der Straßenkünstler mit seiner Show anzieht. Darum drängeln sich um den Kreidekreis, den El Diabolero rund um sich gezogen hat, Schultern an Schultern, kleine Kinder sitzen in der ersten Reihe, auf den Bänken hinter den Zusehern trippeln ein paar Teenager auf Zehenspitzen herum. Abraham Thill ist sehr penibel mit seiner Kreidelinie. Ragt ein Kinderfuß drüber, marschiert jemand am Rand quer durch, weist er sofort auf die Sicherheit hin. 2010 wurde der Künstler angezeigt. Zuerst hieß es, er habe den Abstand zu Kirchenaufgängen und Geschäftslokalen nicht richtig eingehalten. Man habe Fotos zum Beweis gemacht. Als diese Fotos ausgewertet wurden, war der Abstand doch richtig. Aber dafür habe er nun das Publikum gefährdet. Thill wunderte sich, schließlich trat er zum Zeitpunkt der Anzeige bereits seit gut zehn Jahren in Wien auf und war nie für gefährlich befunden worden. Dann wehrte er sich, schaltete einen Anwalt ein, schließlich wurden alle Vorwürfe gegen ihn fallen gelassen. Seitdem ist er aber besonders vorsichtig. In der Anzeige stand vermerkt, dass sie auf Druck der Bezirksvorstehung des ersten Wiener Gemeindebezirks durchgeführt wurde.

Thill veröffentlichte das Dokument auf Facebook, eine daraufhin von den Grünen initiierte Protestkundgebung, auf der auch Thill auftrat, wurde wieder von einem Polizisten unterbrochen. Ja, Abraham Thill war unbequem und kritisch. Ist es immer noch, aber leiser. Denn seiner Meinung nach läuft einiges falsch in der Stadtpolitik – die Änderung der Straßenkunstverordnung im Jahr 2012 ist da keine Ausnahme. Seit Juni 2012 sind die öffentlichen Orte, an denen Straßenkünstler in Wien auftreten dürfen, genau definiert und kategorisiert. Für die meisten Plätze und Straßen benötigt ein Straßenkünstler nun Platzkarten, mehr als die Hälfte der betreffenden Orte befinden sich im ersten Bezirk. Die Karten müssen am Magistrat abgeholt worden, kosten sechs Euro und vierundfünfzig Cent. Bar muss bezahlt werden, und am liebsten genau. Aus den Orten, an denen der Straßenkünstler damit auftreten darf, wird per Zufallsprinzip ausgewählt. Für Abraham Thill ist dieser Vorgang ungünstig. Viele Plätze eignen sich nicht für seine Diabolo-Show – zu eng, zu klein oder es ist Schlechtwetter, dann hat man Pech gehabt. Die Orte ohne Platzkarten befinden sich wiederum weitab vom Schuss, beispielsweise am Donaukanal, wo zwar viele Gassigeher, aber weniger Touristen unterwegs sind.

„Beim ersten Mal wird verwarnt, beim zweiten Mal gestraft“

Auch für internationale Straßenkünstler ist ein Auftritt in Wien kein einfaches Unterfangen. Eine Möglichkeit, spontan um eine Platzkarte anzusuchen, gibt es nicht. Die meisten Pflastergaukler aus der Ferne ahnen ohnehin nichts von der Regelung und sind perplex, wenn sie am Stephansplatz nach kürzester Zeit von Ordnungshütern verjagt werden. Ein Polizist ist auch auf der Kärnterstraße unterwegs und prüft die Platzkarten der Künstler. „Beim ersten Mal wird verwarnt, beim zweiten Mal gestraft“, sagt er und Thill erzählt, dass er, seitdem die Verordnung novelliert wurde, ein einziges Mal erlebt habe, dass seine Platzkarte nicht kontrolliert wurde.

Das sind keine Idealvoraussetzungen für Straßenkünstler, besonders für all jene, die den Job professionell betreiben. Deshalb sind bereits einige nach Salzburg abgewandert wie die Breakdance-Truppe Streetlife Surpreme. Der Abgang der Straßenkünstler fällt auf, vor allem innerhalb der Szene. Aber auch einige Passanten auf der Kärntnerstraße meinen, dass sie einen Rückgang der Gaukler spüren. Ein paar Journalisten schreiben darüber, 2012, 2013, aber nichts ändert sich. In eine Weiterentwicklung der Straßenkunstverordnung wurden die Straßenkünstler Wiens bis jetzt nicht mit einbezogen. Dabei hätten einige in der Szene Ideen, unter anderen auch Abraham Thill. Er schlägt vor, zwei bis drei Plätze für Showmacher zu definieren, zehn für Musikanten. Maximal eine Show pro Tag an einem dieser Plätze. Höchstens eine Stunde lang. Damit die Anrainer nicht überstrapaziert werden. Thill bot bereits 2010 an, bei einer Überarbeitung der Straßenkunstverordnung zu helfen, unter anderem direkt bei Ursula Stenzel – ein Vorschlag, der stillschweigend ignoriert wurde

Am Magistrat will man von solchen Unstimmigkeiten wenig wissen. Die neue Straßenkunstverordnung wird laut Alexander Broskwa von der MA36 „sehr gut aufgenommen“. Man gibt sich achtsam auf dem Magistrat, beinahe wortkarg. Zu Gesprächen mit einzelnen Straßenkünstlern könne man leider keine Auskunft geben. Ohnehin hat das Magistrat laut Broskwa wenig Einfluss auf die Entscheidungen zur Straßenkunst – die treffen die regierenden Parteien.

Buskers Verein: Zwischen den Stühlen

Mit seiner Kritik an der Stadt Wien und ihrem Umgang mit der Straßenkunst ist Thill nicht der einzige. Laut Richard Natiesta und Christian Dzwonkowski vom Buskers Verein für Straßenkunst treten so einige Straßenkünstler auf sie zu und machen ihren Unmut laut. Die Unzufriedenheit ist augenscheinlich groß. Doch weshalb regt sich niemand auf? Wo bleiben die Transparente, die Petitionen, ein offener Brief der Zunft an die Obrigkeiten?

Der Buskers Verein würde sich gerne als Sprachrohr der Straßenkunst sehen. Allerdings befindet sich der Verein genau wie das Magistrat zwischen den Stühlen: Einerseits sollen die Bedürfnisse der unterschiedlichen Straßenkünstler erfüllt werden, andererseits muss auf Gesetzmäßigkeiten, parteipolitische Ausrichtungen und Anrainer Rücksicht genommen werden. Die direkt betroffenen Straßenkünstler wiederum wandern aus Wien ab. Oder weichen auf ihr zweites Standbein als Künstler bei Shows und Festivals aus, wie Abraham Thill.

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Um dem noch weit verbreiteten Vorurteil der zwielichtigen und qualitativ minderwertigen Straßenkunst entgegenzuwirken, veranstaltet der Buskers Verein seit 2011 jährlich ein Festival am Karlsplatz. Internationale Gaukler treten drei Tage lang in Wien auf, der Eintritt ist gratis, das Publikum divers und von Jahr zu Jahr größer. Anrainerbeschwerden gab es bislang kaum. Hürden dafür umso häufiger. Mehr als die Auflagen, macht den Festivalinitiatoren das Förderungsgeflecht der Stadt zu schaffen. Für die diesjährige Ausgabe des Festivals sprang dem Buskers Verein zudem ein großer, und laut Aussage der Festivalgründer „sehr zufriedener“ Sponsor ab, aus Gründen, über die nur spekuliert werden kann. Frustrierend, finden Natiesta und Dzwonkowski. Vor allem, da das Interesse durchaus gegeben ist – jährlich steigt sowohl die Anzahl der Bewerbungen von Seiten internationaler Straßenkünstler als auch die der Besucher. Dieses Jahr sind neben 100 Künstlern eine Abschlussparty, ein Pop-Up-Store und ein Kinderprogramm geplant. Mit dabei: Diabolo-Jongleur Abraham Thill.

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