Oscar-Performance: Julianne Moore als Sprachwissenschaftlerin, die an Alzheimer leidet

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"Still Alice": Das langsame Verlöschen
03/12/2015

"Still Alice": Das langsame Verlöschen

Julianne Moore leidet überzeugend an Alzheimer und kämpft gegen das Vergessen. Dafür erhielt sie den Oscar. Weiters: "Leviathan", "Cinderella" und "Kingsman"

von Alexandra Seibel

Man kennt das aus dem eigenen Leben, diese Situation, in der einem partout ein bestimmtes Wort nicht einfallen will. Das berühmte ... Dings, dessen Namen vor unserem inneren Auge schwebt, den wir aber nicht lesen können. Meistens ist es nicht weiter schlimm, höchstens ein wenig peinlich, zumal wenn es vor versammelter Menge geschieht. So ergeht es Doktor Alice Howland, führender US-Sprachwissenschaftlerin, während eines Vortrags an der Uni. Plötzlich hat sie diesen Aussetzer: Mitten im Satz unterbricht der Redefluss, fehlt ein Wort, bricht das Sprachgebäude ein. Betretenes Schweigen angesichts einer Linguistin, der – ausgerechnet – der Begriff "Lexikon" nicht mehr einfallen will. "Ich hätte keinen Champagner trinken sollen", witzelt Alice, nachdem sie sich von ihrem kurzen Blackout erholt hat.

Doch es bleibt nicht bei dieser einen Irritation. Bei einer ihrer Jogging-Routen verliert Alice die Orientierung, weiß nicht mehr, wo sie hinwill. Drohend wird sie von der Kamera umkreist, als wollte diese sie völlig aus den Angeln heben. Der Besuch beim Arzt schließlich bringt die Diagnose: eine seltene Form von Alzheimer‚ vererbbar, unheilbar.

Es wurde bereits viel Aufhebens um Julianne Moores’ wunderbares Spiel als Alzheimer-Kranke gemacht. Die 54-jährige, scheinbar altersresistente Schauspielerin erhielt dafür ihren ersten Oscar, und das völlig zu Recht. Allein dieser fassungslose, entgeisterte Ausdruck, den sie wie einen Schleier vor ihrem Gesicht zuzieht, verlangt größtes, nuanciertes Können.

Upperclass

Die Fallhöhe der Protagonistin von "Still Alice" ist besonders hoch und manchmal beinahe über-pointiert. Alice lebt das perfekt ausgestattete Upperclass-Leben einer New Yorker Intellektuellen. Sie ist gerade 50, erfolgreich, wohlhabend, glücklich verheiratet, Mutter dreier erwachsener Kinder und an der Elite-Uni Columbia hoch geachtet.

Dass ihr Schicksal nicht nur in einem wohltemperierten Schöner-Wohnen-Krankheitsmelodram endet, verdankt sich Moores unglaublicher Fähigkeit, ihre Identität vor unseren Augen langsam auseinanderzunehmen. Auszuformulieren, was es bedeutet, den Faden zu sich selbst zu verlieren, die Erinnerung an die Vergangenheit einzubüßen und als Person langsam zu verlöschen.

Dabei verliert sich Moore niemals in Sentimentalität: Alice verfasst einen Brief an sich selbst, in dem sie sich ganz genaue Selbstmordanweisungen gibt. Dass sie sich später allerdings die einzelnen Schritte nicht merken kann, ist gleichermaßen komisch wie tragisch.

Das Regie-Duett Wash Westmoreland und sein Partner Richard Glatzer, dessen ALS-Erkrankung ihn während der Dreharbeiten bewegungsunfähig machte, beschränkt sich ganz aufs Familiäre: Alec Baldwin als Ehemann zieht die Karriere seiner dementen Frau vor; eine der Töchter zögert, ihr das neugeborene Baby in den Arm zu legen. Nur die Jüngste – hervorragend: Kristen Stewart – lässt sich auf den Verfall der Mutter ein und passt sich deren Rhythmus an.

Das letzte Wort, das Alice einfällt, ist "Liebe". Man kann davon ausgehen, dass dies kein Ende ist, wie es das Leben schrieb; sondern ein Trostwort aus dem Kino.

INFO: USA 2014. 99 Min. Von Richard Glatzer, Wash Westmoreland. Mit Julianne Moore, Alec Baldwin, Kristen Stewart.

KURIER-Wertung:

Böse Schwiegermutter mit Katze Luzifer

Shakespeare-Spezialist Kenneth Branagh reanimierte Walt Disneys Märchenklassiker "Cinderella" als prächtige Kitschorgie in knallbunten Farben und edler Star-Besetzung. In seiner kinderfreundlichen Neuversion liefert Cate Blanchett eine raffinierte Schwiegermutter-Performance ab und erinnert dabei ein wenig an eine komische Version ihrer Oscar-Rolle in Woody Allens "Blue Jasmine". Als neue Gemahlin von Cinderellas verwitwetem Vater tyrannisiert sie mit verhaltener Bosheit die arme Stieftochter, "Aschenputtel" Lily James – bekannt aus der Brit-Serie "Downton Abbey". Schon der Name von Blanchetts grauer Katze spricht Bände: Er heißt Luzifer und hat nichts Besseres zu tun, als Cinderellas liebste Mäusefamilie auf seinen Speiseplan zu setzen.

In Branaghs weichgespülter Märchenversion sorgen eher die älteren Schauspiel-Kaliber für zarte Humoreinschübe. So liefert Helena Bonham-Carter als tollpatschige, aber gute Fee solide Lacher, wenn sie einen überraschten Kürbis in eine prunkvolle Kutsche und die schnatternde Hausgans in den dazu gehörigen Kutscher verwandelt.

Die Jugend hingegen – Cinderella und ihr Märchenprinz ("Game of Thrones"-Star Richard Madden) – gibt sich völlig ironiefrei der schmalzig-romantischen Liebe hin.

INFO: USA 2015. 112 Min. Von Kenneth Branagh. Mit Lily James, Cate Blanchett, Richard Madden.

KURIER-Wertung:

Russische Präsidenten als Zielscheibe beim Wettschießen

Als Geburtstagsgeschenk gibt es einen Sauf- und Schießtag: Eine Gruppe russischer Freunde fährt ans Meer, trinkt dort Wodka wie Wasser und schießt auf leere Flaschen. Das Geburtstagskind selbst hat sich seine eigene Kalaschnikow mitgebracht und mäht mit einer einzigen Salve das Glas vom Felsen. Die anderen sind sauer: Worauf sollen sie jetzt zielen? Kein Problem, lacht das Geburtstagskind und zieht als neue Zielscheibe einen Stapel Bilder von ehemaligen russischen Staatspräsidenten hervor: Alle da, von Breschnew bis Gorbatschow. Wo ist der jetzige, will einer wissen. Dazu fehlt uns noch die historische Distanz, lautet die lakonische Antwort.

Der Name wird nicht ausgesprochen, dafür hängt ein Putin-Porträt groß und breit hinter dem Rücken eines korrupten Bürgermeisters, der das Geschick der Einwohner eines kleines Fischerdorfes an der Barentssee lenkt. Besonders hart trifft es Nikolay, auf dessen Grundstück es der Bürgermeister abgesehen hat. Nikolay holt einen alten Freund aus Moskau zu Hilfe, einen ausgefuchsten Anwalt, der allerdings zuerst einmal mit seiner Frau ins Bett steigt. Auch sonst kann er wenig ausrichten, und Nikolays Schicksal wendet sich zunehmend ins Tragische.

"Leviathan" nennt Regisseur Andrej Swjaginzew seine von staatlichen Geldern geförderte, bildmächtige Hiobs-Parabel, die für den Auslandsoscar nominiert war, im offiziellen Russland aber als "Anti-Putin"-Film gehandelt wurde. Swjaginzews Hiob wird weniger von Gott, als von einer korrupten Bande aus Politik und Kirche auf eine harte Probe gestellt. Wer es mit dem russischen Staat aufnehmen will, so erzählt es der Regisseur, hat schon verloren. Da hilft nur viel Wodka – und der schwarzhumorige Unterton, mit dem Swjaginzew seine tragische Geschichte unterfüttert.

INFO: RU 2014. 140 Min. Von Andrej Swjaginzew. Mit Aleksey Serebryakov, Elena Lyadova.

KURIER-Wertung:

Töten lernen wie ein echter britischer Gentleman-Spion

Ein Bösewicht, der lispelt, wird gerne unterschätzt. So wie Samuel L. Jackson als Internet-Millionär mit Weltvernichtungsplänen: Er kann Menschen so manipulieren, dass sie sich in Wutbürger verwandeln und einander zerfleischen. Damit würde sich das Problem der Überbevölkerung von selbst erledigen. Es sei denn, eine Gruppe britische Geheimagenten könnte ihn daran hindern: Mit Schirm, Charme und Melone, giftigen Füllfedern und explodierenden Feuerzeugen.

Klingt nach James Bond, ist es aber nicht. "Kingsman: The Secret Service" (Kinostart: 13. März) versteht sich als eine Art blutrünstige Spionage-Hommage in edler Star-Besetzung. Mit Colin Firth als Spion Harry Hart im eleganten Zweireiher – und Samuel L. Jackson als sein Widersacher im Gangster-Prolo-Outfit.

Warum er den Bösewicht als Lispler spiele, wurde Jackson in zahlreichen Interviews gefragt. Weil er als Kind ganz fürchterlich gestottert habe, antwortete Jackson freimütig. Und weil er dabei gelernt habe, immer schlauer zu sein als jene Leute, die damals auf ihn herabgesehen hätten.

Nun denn: Der Bösewicht lispelt nicht nur, er kann auch kein Blut sehen, ohne sich zu übergeben. Was Brit-Regisseur Matthew Vaughn ("Kick-Ass") aber keineswegs davon abhielt, die bizarrsten Gewaltorgien zu inszenieren. Köpfe explodieren wie überreife Kürbisse, Kirchenbesucher spalten einander die Leiber mit Spitzhacken – vielleicht liegt die seelenlose Nonchalance der Gewaltausbrüche ja auch daran, dass "Kingsman" auf einem Comic basiert.

Hamburger

"Die alten ,Bond-Filme sind immer so gut wie ihre Bösewichter", sagt Colin Firth einmal doppeldeutig zu seinem schwarzen Gegenspieler. Dieser hat ihm gerade Dinner serviert: Auf teurem Silbergeschirr einen – haha! – Big Mac von McDonald’s.

So einen Schmäh hätte man einem weißen Bösewicht nicht zugemutet, beschwerte sich der Filmkritiker vom New Yorker.

Aber auch Colin Firth als Harry Hart bleibt ziemlich alleingelassen als Gentleman-Spion, der sich im Angesicht zynischer Action um einen charmanten Tonfall bemüht. Er steht in der Schuld eines verstorbenen Ex-Kollegen und kümmert sich um dessen verwahrlosten Sohn. Dieser wird zum Top-Spion ausgebildet und ins Top-Spion-Internat gesteckt. Dort soll er seine proletarischen Manieren ablegen und Töten lernen wie ein Aristokrat.

Wem’s gefällt.

KURIER-Wertung:

INFO: "Kingsman: The Secret Service". Agentenfilm. GB/USA 2014. 129 Min. Von Matthew Vaughn. Mit Colin Firth, Samuel L. Jackson.

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