Steirischer Herbst in Keller und Disco

"Time to get ready for love": Das Theater im Bahnhof widmet sich dem<br />
Popsong als Charakterzug
Foto: steirischer herbst

Im Hotelzimmer, im Keller: Das Festival nähert sich an ungewöhnlichen Orten seinem Thema "Zweite Welten".

Allerlei Gefühlsoptionen bieten sich demjenigen, der allein im Hotelzimmer sitzt: Das kann fad sein oder ärgerlich teuer (beim Plündern der Minibar), und nicht zuletzt auch melancholischer Anlass zu hinterfragen, warum man denn eben gerade alleine ist. In einem Zimmer in Graz aber kommt derzeit noch eine Möglichkeit hinzu: Man kann sich fürchten.
Denn im Zimmer 113 im Festivaldistrikt des "steirischen herbsts" (bis 16.10.) wäre man lieber alleine, ist es aber nicht ganz. Wüst knarrt der Boden, deutlich sind Schritte vernehmbar. Und eine Stimme, ganz nah am Ohr, erzählt davon, sich in den eigenen Gehörgang bohren zu wollen. Nur: Es ist niemand da. Für den unkörperlichen Audiogrusel im Kopfhörer sorgt die Installation "Blindsight" von Hans Rosenström.

Und das Hotelzimmer ist nicht der einzige ungewöhnliche Ort für Kunst, den man im Rahmen des am Wochenende gestarteten Avantgarde-Festivals aufsuchen kann. "Zweite Welten" ist heuer das Motto, jene Welten also, die man nicht auf den ersten Blick sieht. Und das trifft durchaus auch auf so manche Ausstellung zu.

Keller

"Gasschleuse" steht auf der Tür, auf der anderen: "Schutzraum 1". Geht man (zögerlich) durch, steht man im Keller, Modergeruch liegt in der Luft. Die zentrale Festival-Ausstellung "Zweite Welt" der Galerie Zimmermann Kratochwill, kuratiert vom kroatischen Kollektiv "What, How & For Whom", findet zum Gutteil unterirdisch statt. Sie dreht sich um ersehnte politische Welten, zeigt etwa die von Lüge, Übervorteilung, falschen Versprechungen geleiteten Wege von Migranten in das jeweils erträumte Land.

Zwischen rohen Ziegelwänden, im schummrigen Licht steht man dann im Keller und dreht an einer Spieluhr. Die spielt eine politische Melodie - die "Internationale". Wirkungslos, sollte man denken. Wäre da nicht ein Mikrofon auf die Spieluhr gerichtet. So folgt man dem Mikrofonkabel. Taucht aus dem Keller wieder auf. Und sieht, was man mit dem kleinen Dreh ausgelöst hat: Das Kabel mündet in einen riesigen Lautsprecher-Turm, der aussieht, als könnte er den Galerien-Hof erschüttern. Schnell weg, bevor jemand anderer an der Spieluhr dreht.

Hinein in den Kunstverein Medienturm, wo wieder Grusel angesagt ist: die Schau "Hauntings" beschäftigt sich mit medialen Zugängen zum Unheimlichen. Geisterstimmen im Radio-Äther, Voodoo-Zauber gegen George Bush, Rattenklänge gibt es zu hören. Und einen fantastischen Film von Cannes-Preisträger Apichatpong Weerasethakul, "Phantoms of Nabua", zu sehen. Aberglaube und Politik, Religion und digitales Leben: Auf vielfältige Weise nähert sich die Kunst den zweiten Welten. Im Festival-Distrikt kann man sich einen Albtraumfänger basteln lassen. Im "Artelier Contemporary" den Künstler Peter Weibel als "Datenpaket" anschauen. Im Kulturzentrum bei den Minoriten sinnieren, was Autowerkstätten und religiöse Kunst verbindet.

Pop

"Time to get ready for love": Das Theater im Bahnhof widmet sich dem<br />
Popsong als Charakterzug Foto: steirischer herbst &quot;Time to get ready for love&quot;: Das Theater im Bahnhof widmet sich dem
Popsong als Charakterzug

Die abendlichen Performances legen dann eine recht simple, aber nicht unbedingt falsche Idee nahe: Sind wir nicht alle "zweite Welten", verstrickt in einen Gefühlskosmos, der niemand anderem zugänglich ist? Selbst dort, wo man sich am individuellsten wähnt, in der politischen Meinung, im Kunstgeschmack - man bleibt banal, wie die humorige,
melancholische Performance "Potato Country" der schwedischen Choreografin Gunilla Heilborn im Dom am Berg zeigt. Pflichtschuldig vollziehen darin die Menschen die großen Emotionen des Pop, pflegen ihre mehr oder minder großen Talente, machen sich zum Leben ihre kleinen Gedanken.

Und das Theater im Bahnhof zeigt dann im Orpheum eine Musikshow der anderen Art. Im blauen Glanzanzug tragen vier Männer ihre Lieblingssongs vor, etwa das "beste Lied, um eine Frau zu beleidigen", und gleich darauf das beste Lied dafür, das wieder glattzubügeln. Nur: Musik gibt es keine zu hören. Vielmehr werden nur die Texte der Songs, die die Performer im Kopfhörer haben, nachgesprochen. Das ist irgendwie unterhaltsam und erhellend: Zu zwei Songs wird wild getanzt. Und ganz ohne Musik betrachtet, ist dieser überraschend intime Moment eine Lektion in Demut. Denn man ist nicht annähernd so unlächerlich, wie man sich vorkommt.

(kurier) Erstellt am
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