Kultur
25.07.2017

Stefanie Sargnagel: "Naja, was ist schon Freiheit?"

Die Wiener Autorin hat das Trinken aufgegeben. Die Männer will sie dafür heimschicken.

Stefanie Sargnagel hat am Freitag ihr neues Buch ("Statusmeldungen", Rowohlt) vorgestellt. Mit dem KURIER führte Sargnagel aus diesem Anlass ein ausführliches Gespräch über Feminismus, Humor und die Frage, was Männer eigentlich in der Öffentlichkeit zu suchen haben (Spoiler: Gar nichts.) Eine streckenweise ironische Unterhaltung mit einer der polarisierendsten Entertainerinnen des Landes.

KURIER: Sie waren voriges Jahr beim Bachmann-Preis eingeladen. Die Jury schien mit ihrer Art zu schreiben nicht ganz einverstanden gewesen zu sein. Das Publikum hatten Sie hingegen gleich auf Ihrer Seite. Wie geht es Ihnen mit der Veranstaltung?
Stefanie Sargnagel: Es wirkt von außen betrachtet viel ernster und aufgeblasener, als es eigentlich ist. Es haben mich ja zwei Jury-Mitglieder eingeladen und deswegen dachte ich „Okay, zwei Leuten wird es eh gefallen und wenn den Text jemand zerreißt, ist es auch nicht das Schlimmste für mich.“

Heuer meinte ein Juror: „Wir müssen aufpassen, dass wir nicht hermeneutisches Gewichtheben betreiben“. Wird nicht wahnsinnig viel Bedeutung in jegliche Form von Wortäußerung gelegt?
Ich glaube schon, dass man manchmal unbewusst auch viel mehr Bedeutung in Dingen drinnen ist, als man im ersten Moment denkt. Aber ja, sicher ist es manchmal auch einfach irgendwas. Aber so wird halt umgegangen mit Kunst.

Höchst elitär wird mit Kunst umgegangen. Sie verkörpern ein bisschen die Anti-These dazu, oder?
Ja, wobei man sagen muss, es ist jetzt auch nicht so, dass lauter Arbeiter zu meinen Lesungen kommen. Es sind schon eher Hipster und so Literatur-Leute.

Kann man als Künstlerin Ihrer Erfahrung nach überhaupt Arbeiter erreichen?
Ich glaube oft so im Nachhinein. Es sind oft gerade so in den Kommentaren online eh oft so normalere Leute oder eh Arbeiter, die dann sagen, ich bin so obszön.

Das Derbe ist ein Aspekt Ihrer Arbeit. Sie haben vor allem eine zutiefst humoristische Ader. Sind Sie in ihrer Eigenwahrnehmung mehr Humoristin als Enfant terrible?
Guter Humor sollte immer ein bisschen provozieren. Oft sage ich, ich sehe mich als Humoristin und dann meinen die Leute: „Naja, aber die Texte sind ja nicht nur Humor, die sind ja nicht nur lustig, die sind ja auch präzise.“

Gerade Humor muss ja sehr präzise sein.
Ja, da geht es ja auch um Pointen, um Beobachtungen. Und Humor ist ja auch nicht zwangsläufig nicht-literarisch. Kann ja beides sein. Das ist, glaube ich, auch so ein Problem im deutschsprachigen Raum. Das wird gerne so abgewertet, so Schenkelklopfer und so. Gute Humoristen finde ich künstlerisch auch super.

Beobachten Sie immer schon gerne oder ist das etwas, das Sie sich in Ihrer Arbeit angeeignet haben?
Ich habe immer schon gerne Witze gemacht. Ich glaube, das ist auch praktisch, um kreativ zu sein. In der Schule hat man oft das Gefühl, man ist unterfordert, mit Witzen und Beobachtungen hat man ein kreatives Ventil.

Sie waren in der Schule unterfordert?
In der Volksschule, im Gymnasium nicht mehr so. Meine Mutter hat gemeint, dass im Raum stand, ob ich eine Klasse überspringe in der Volksschule und dass die Lehrerin dann gesagt hat, das ist eigentlich nicht nötig, weil ich mich eh sehr gut selbst beschäftigen kann. Ich habe dann zum Beispiel Zeitschriften gegründet mit den anderen Kindern. Oder Theaterstücke gemacht.

Vor eineinhalb Jahren führten wir ein Interview, da ging es sehr viel noch ums Trinken, auch in Ihren Texten. Den Alkohol haben Sie weitgehend aufgegeben. Dafür ist ein anderes Thema stärker in den Vordergrund gerückt. Das Verhältnis zwischen Mann und Frau. Was beschäftigt Sie daran?
Ich glaube, ich thematisiere Geschlechter mehr, weil bei mir das Geschlecht so stark thematisiert wurde und ich so viel von Männern angefeindet werde im Speziellen oder auch diese ganzen Drohungen im Internet meistens von Typen kommen.

Das heißt, es ist eine Reaktion auf das, was Ihnen in der Öffentlichkeit begegnet?
Genau. Davor war’s mir nicht klar, dass mein Geschlecht anscheinend immer noch so wichtig ist für eine breite Bevölkerung.

Sie sind Teil der Burschenschaft „Hysteria“. Ein Frauenbund , der das goldene Matriarchat ausruft. Die Männer müssen in diesem Entwurf zu Hause bleiben.
Ja, genau, also der private Raum für den Mann. Aber „Hysteria“ ist immer ein schwieriges Thema. Ich bin ja nicht die Pressesprecherin.

Aber das heißt, wenn „Hysteria“ sich durchsetzt, dürfte ich unser Gespräch nicht mehr führen, sondern müsste zu Hause warten und die Kinder hüten?
Naja, man kann ja seine Kreativität auch im Privaten sehr gut ausleben. Es ist ja nicht weniger wert. Also Kindererziehung ist ja extrem wertvoll und wichtig.

Aber doch bitteschön mit der Freiheit, sich aussuchen zu können, ob ich es machen will, oder nicht.
Naja, was ist schon Freiheit? Was ist wirklich frei in unserer Welt? (grinst verschmitzt).

Verstehe. Klassenbewusstsein – ist das etwas, das Sie haben? Sind Sie mit Herz und Seele Proletarierin?
Ich weiß nicht. Würde ich jetzt nicht sagen. Ich würde schon sagen, ich bin eher ein Hipster oder Bohème oder sowas.

Das heißt so auf der Meta-Ebene alles irgendwie anfassen, aber nicht wirklich.
Ich glaube schon, dass es einen prägt, wo man herkommt. Wenn ich jetzt aus einem Künstlerhaushalt käme oder aus einem sehr bürgerlichen Haus, würde ich Dinge anders beobachten oder würde ich vielleicht eine andere Sprache benutzen. Oder manche Dinge würden mir gar nicht auffallen. Das kann man vielleicht doch als Klassenbewusstsein sehen. Wenn ich jetzt nur diesen Künstlerberuf hätte, hätte ich glaube ich wenig Kontakt zu Arbeitern. Durch die Familie weiß ich halt schon noch, was die Leute wirklich so reden.

Das heißt Sie sind weniger gefährdet als andere, in einer Wohlfühl-Blase zu enden?
Durch die Selbstständigkeit als Künstlerin komme ich schon immer mehr in so eine Blase, habe ich das Gefühl. Schon allein, dass ich nicht mehr in der Früh aufstehe, um in die Arbeit zu fahren. Das verändert meine Wahrnehmung der Welt schon stark.

Sie arbeiten nicht mehr im Call Center, nehme ich an.
Genau, ich bin selbstständig. Es ist etwas völlig anderes, ob du jeden Tag mit der U-Bahn fährst und mit allen Leuten in der Straßenbahn sitzt, die um sieben hackeln fahren. Heute ist die U-Bahn-Zeitung meistens schon aus, wenn ich aufstehe.

Wie darf man sich Ihren Alltag vorstellen? Vom Steuergeld leben, es sich gutgehen lassen und Babykatzen quälen?
Genau, so kann man das zusammenfassen. Und ich erhebe den moralischen Zeigefinger.

Gibt es etwas an arrivierten sogenannten Staatskünstlern, das Ihnen widerstrebt?
Ich kann das jetzt schwer sagen.

Wir sind ja jetzt im Scherz sehr schnell beim Klischee des moralischen Zeigefinger gelandet.
Verena Dengler ist eine Künstlerin, die ich ganz super finde. Sie hat in einen Text geschrieben, das sei halt die Aufgabe der Künstler: Vom Steuergeld leben. Ich glaube, das ist einfach die traditionelle Aufgabe von Künstlern ein bisschen.

Vom Steuergeld zu leben?
Ich weiß nicht, ich kann das jetzt schwer auf den Punkt bringen, die Frage ist mir jetzt… (denkt nach) …also ich finde das gut, wenn die abgehobenen Moralisten auch ein bisschen vom Steuergeld finanziert werden. Finde ich gut in einer Gesellschaft. Auf jeden Fall (grinst).

Sie sind mit der Skandalisierung eines Reisetagebuches durch die Krone in einen veritablen Shitstorm geraten, Stichwort: #babykatzengate. Ist es nicht so, dass Sie einen ziemlich großen Sieg nach Hause getragen haben?
Im Endeffekt war es nicht so schlimm. Aber ich finde schon noch immer arg, dass Leute das so gezielt machen. Dass die Krone mich in Zusammenarbeit mit der FPÖ fertigmachen wollte. So habe ich das empfunden. Ich habe nicht das Gefühl, dass es um den Text ging. Aber wäre ich jetzt so empfindlich, würde ich mich wahrscheinlich gar nicht in die Öffentlichkeit stellen. Und: Wenn mich jemand im echten Leben so angehen würde, dann würde mich das sehr treffen. Aber das ist nie passiert. Auf der Straße, auch in Kärnten, haben die Leute alle nur gesagt „Lass dich nicht unterkriegen!“.

Aber es ist schon so, wenn man eine gewisse Prominenz erreicht hat, gibt es weniger Hemmungen für Attacken, oder?
Wenn Leute auf Prominente oder öffentliche Personen losgehen, dann ist das schon so zumindest ein bisschen nach oben treten. Die glauben wahrscheinlich, ich habe auch mehr Macht als sie. Ich finde es problematischer bei Flüchtlingen, wenn man weiß, diesen Leuten geht’s eh schon schlecht.

Wie sehen Sie eigentlich Ihre Arbeit in zehn Jahren?
Ich finde, das, was ich mache, kann ich eh in verschiedenen Formen machen. Viele Leute sagen mir: „Hast du nicht Angst, dass sich das totläuft?“ Aber warum sollte man sein Leben lang von Leuten lustig gefunden werden und dann plötzlich nicht mehr? Das fände ich irgendwie unwahrscheinlich.

Warum tragen Sie eigentlich die rote Kappe?
Ich weiß gar nicht. Meine Therapeutin will immer über das Rotkäppchen-Märchen reden, aber ich würge sie dann immer ein bisschen ab.

Wieso würgen Sie sie ab?
Weil ich so Tiefenpsychologie oder so Märchen deuten, wie nennt man das, ist das eher psychoanalytisch…

Das ist Ihnen zu platt?
…das ist nicht so meins, irgendwie.

War denn Rotkäppchen ein Märchen, das Ihnen irgendetwas bedeutet hat?
Ich weiß gar nicht, ich hab mir da nie so Gedanken darüber gemacht. Ich hatte immer ein Faible dafür, gewisse Kleidungsstücke ständig anzuhaben. Ich habe auch immer dieselben Schuhe, seit ich 16 bin.

Weil Uniform praktisch ist?
Ja und ich glaube, viele Kreative haben das, ein bisschen. Ich weiß nicht, woran das liegt, aber den Hang dazu, ein Markenzeichen zu haben.

Wie gefällt Ihnen der heurige Bachmann-Preisträger Ferdinand Schmalz eigentlich?
Optisch?

Von der Arbeit her.
Ich hab wirklich versucht, mir alle Texte anzuhören und habe mir keinen ganz angehört, nur so zehn Minuten, deswegen kann ich es echt nicht sagen. Ich finde ihn sympathisch, aber ich habe mir den Text halt noch nicht angehört und noch nicht gelesen. Er scheint jedenfalls vielen Leuten zu gefallen, die ich mag.

Der Blick durch die Spannerbrille

Statusmeldungen“ liest sich wie eine Chronik der Geschehnisse der letzten zwei Jahre – beobachtet durch die dunklen Gläser, hinter denen Stefanie Sargnagel zuweilen unbemerkt ihre Mitmenschen studiert: „Ich kauf mir die verspiegelten Brillen immer nur, um zu spannen.“

Das neue Buch ist – wie die Vorgänger – eine Sammlung von Alltagsepisoden und Beobachtungen, verpackt als derb-humoristische Facebook-Einträge. Sargnagel schreibt über ihre Leidenschaft fürs Flüchtlingeschleppen, schildert die dramatischen letzten Tage „ihrer“ Zielpunkt-Filiale und lässt prägende Erlebnisse in der Straßenbahnlinie 6 Revue passieren: „Vielleicht habe ich gar keine sozialen Ängste. Vielleicht sind die meisten Menschen einfach anstrengend.“ Neben übermäßigem Käse-Konsum und der ersten Steuererklärung („Wie kriegt ihr eigentlich euer Leben auf die Reihe ohne meine Mama?“) geht es auch um Richard Lugner: „Er strahlt in alle Richtungen wie eine Sonne.“

Sargnagels Meldungen sind gewohnt provokant, oft politisch, teils banal oder absurd, aber meist äußerst unterhaltsam: „Vom Zumba kommt man sicher frühzeitig in den Wechsel.“ Pointiert und selbstironisch beschreibt sie das Leben der Großstadt-Bobos, wobei man sich stellenweise durchaus ertappt fühlt. Amüsant ist auch das Glossar, das die deutschen Leser über österreichische Lebensrealitäten aufklären soll. Da werden bekannte Möbelhausketten, heimische Trash-TV-Shows und Austriazismen wie „Faschiertes“ treffend erklärt: „Zerhexelte und zerhackte, durch Pressen gedrückte Tiere in praktischer Darreichungsform.“

Stefanie Sargnagel: „ Statusmeldungen Rowohlt Verlag. 304 Seiten. 20,60 Euro.
(Von Nina Oberbucher/KURIER)