Kultur
26.02.2018

Stefan Redelsteiner: "Mich interessiert Austropop nicht"

Der Wiener Musikmanager und -verleger über Neider, seine Trennung von Wanda und neu Pläne.

Stefan Redelsteiner hat einen guten Riecher. Der aus Wien-Floridsdorf stammende Mittdreißiger förderte bereits Künstler wie Der Nino aus Wien, Stefanie Sargnagel, Voodoo Jürgens und Wanda. Mit diesen Acts und seinem 2007 gegründeten Label Problembär brachte er in wenigen Jahren die an Konzept- wie Erfolglosigkeit leidende heimische Popmusik wieder auf "ein normales Level".

Der KURIER hat den Manager und Musikverleger zum Interview getroffen, und mit ihm über die Zeit nach Wanda, neue Projekte, seinen Lauf, sein Gespür und die österreichische Musikszene gesprochen.

KURIER: Sie haben 2014 das Label Problembär an Ilias Dahimène und Seayou Records übergeben und konzentrieren sich seither darauf, Künstler zu managen. Wie kam es dazu? Stefan Redelsteiner: Ich hatte eigentlich von der Label-Arbeit genug. Ich habe Problembär Records auch deswegen abgegeben, weil ich nicht länger primär fade Büroarbeiten wollte. Im Management-Bereich hat man viel mehr Möglichkeiten, kann Bands aufbauen, Images gestalten und ganz eng mit Künstlern zusammenarbeiten. Seit 2014 hat sich auch einiges getan – erst kürzlich habe ich die Redelsteiner-Agentur neu aufgestellt und mit Herwig Zamernik die Lotter GmbH gegründet. Dazu zählt einerseits das Lotter Label, auf dem zum Beispiel das Album von Voodoo Jürgens veröffentlicht wurde. Und andererseits haben wir soeben mit San Tropez ein Zweitlabel gegründet, auf dem wir kommerziellere Musik veröffentlichen möchten.

Gehört da auch Schlager dazu? Wir wollen uns keine stilistischen Grenzen setzen. Wir wollen das Ganze bewusst offenhalten und schauen, was passiert. Wir wollen mit dem Label San Tropez einfach den 70er-Jahre-Rock-and-Roll-Traum leben. Das reicht dann vom trashigen Schlager bin hin zum zeitgemäßen Mainstream-Pop. Alles ist möglich. Wir sind zum Beispiel gerade dabei, eine Band, mit der ich schon seit zwei Jahren zusammenarbeite, neu aufzustellen und damit mehr in Richtung Schlager zu gehen.

So mit heiler Welt und Hüttengaudi? Nein, wir denken, dass es auch anders gehen kann. Es müssen nicht immer Videos vor einem Bergsee sein. In England ist das ja auch möglich. Wir wollen das Publikum ernst nehmen. Das war auch bei Wanda so, als ich sie zum ersten Mal live gesehen habe – bei einem Konzert in einem Keller mit 20 Besuchern. Schon damals wusste ich, dass sie in zwei Jahren Stadien füllen können. Mein Ziel war es, dass sie im Happel Stadion spielen, geworden ist es dann zwar nur eine ausverkaufte Stadthalle. Aber auch das ist okay (lacht). Vielleicht kommt das Stadion ja noch.

Sie und Wanda gehen seit geraumer Zeit getrennte Wege. Wann kam es zur Trennung? Wanda zu managen war dann lange Zeit meine einzige Aufgabe. Zwischen dem zweiten und dritten Album haben sich unsere Wege dann getrennt. Ich bin nicht mehr der Manager von Wanda und hatte mit der Produktion des dritten Albums auch nichts mehr zu tun.

Was waren die Gründe für diesen Schritt? Ich werde nicht bei meinem Goldesel gekündigt haben, weil alles so super für mich war. Aber ich werde jetzt auch kein schlechtes Wort über die Band, über die Zusammenarbeit mit den Jungs verlieren. Sagen wir es diplomatisch: Es hat mir keinen Spaß mehr gemacht. Die Atmosphäre hat für mich einfach nicht mehr gepasst. Beide Seiten sind sich ein bisschen auf die Nerven gegangen. Daher habe ich die Konsequenzen für mich gezogen und den Hut drauf geschmissen.

Für immer? Ich habe kein Interesse, jemals wieder mit Wanda etwas zu machen. Aber ich wünsche Ihnen an dieser Stelle alles Gute für die Zukunft.

Der Nino aus Wien, Wanda und Stefanie Sargnagel. Sie machen Künstler groß und werden dann von ihnen verlassen… Im Musikbereich bin ich immer von selbst gegangen.

Wie war das bei Sargnagel? Stefanie Sargnagel hatte eventuell nie vor, Autorin zu werden und Bücher zu schreiben. Als ich mit Ilias Dahimène den Verlag Redelsteiner Dahimène gegründet habe, haben wir uns gefragt: Wen kennen wir in unserem Bekanntenkreis, der ein Buch schreiben könnte. Wir sind dann auf Stefanie Sargnagel gekommen, die wir beide vom Fortgehen kannten. Wir haben ihre Facebook-Einträge auch immer sehr lustig und interessant gefunden und haben Sie dann angeschrieben und gefragt, ob sie daraus ein Buch machen möchte. Sie stimmte zum Glück zu. Wir konnten sie noch für ein weiteres Buch an unseren Verlag binden. Aber uns war klar, dass wir uns nicht mit so großen Verlagen wie Rowohlt messen können, auf dem Stefanie nun veröffentlicht. Der Kontakt mit Stefanie ist immer noch aufrecht, Aktuell treffen wir uns bezüglich einer möglichen Verfilmung des ersten Buchs.

Sie haben schon bei mehreren Acts ein goldenes Händchen gehabt. Was machen Sie richtig? Keine Ahnung. Mir fallen schneller Sachen ein, die ich nicht gut kann. Aber ich glaube, ich bin ein guter Psychologe und in strategischen Bereichen top. Ich kann mir gut vorstellen, welche Musik bei welcher Zielgruppe gut ankommt, was die Leute hören und lesen möchten. Dafür setze mich mit Künstlern intensiv auseinander und versuche durch viele Gespräche und Treffen, sie künstlerisch voranzutreiben. Ein Vorteil ist vielleicht auch, dass ich gute Songs sofort erkenne. Wenn man so will, haben alle Künstler, mit denen ich zusammenarbeite oder gearbeitet habe eines gemeinsam: Sie schreiben gute Songs. Ich konnte mir im Laufe der Jahre einen guten Ruf aufbauen. Nicht unbedingt in Österreich, denn da halten mich viele im Musikbereich für einen Deppen, einen Autisten, der nur Glück hat. Aber so ist sie eben, die österreichische Neidgesellschaft.

Warum haben Sie in der österreichischen Musikbranche nicht so hohe Sympathiewerte? Vielleicht liegt das an meiner Meinung zum heimischen Musikmarkt, den ich immer als Micky-Maus-Markt bezeichne. Viele sagen, das ist arrogant und überheblich. Aber das ist einfach nur realistisch. Ich habe meinen Fokus immer auf Deutschland gelegt. Dafür wurde ich hierzulande aber immer belächelt.

Dabei gelten Sie als „Retter des Austropop“… Mich interessiert Austropop nicht. Ich wollte den Austropop niemals neu beleben. Ich arbeite einfach mit dem Material, was da ist. Wäre ich in Seattle, würde ich wohl etwas mit Grunge machen.

Lange lag der heimische Musikmarkt im Koma. Was war der Grund? Als ich 2007 das Label Problembär gegründet habe, gab es eine Vielzahl an heimischen Bands, die sich am von England ausgehenden Revival der Gitarrenmusik abgearbeitet haben und alle so klingen wollten, wie die Altvorderen, von denen ich selbst Fan war und bin: The Strokes, The Smiths, Oasis usw. Aber niemand wartet auf eine Band aus Floridsdorf, die im Schulenglisch singt. Ich brauchte für mein Label also einen Künstler, der anders ist. Als ich dann das Label im Rahmen einer Sendung auf FM4 vorgestellt habe, hat sich danach ein gewisser Nino Mandl bei mir gemeldet, den man heutzutage als Der Nino aus Wien kennt.

Warum wollen Sie viele Bands als Manager haben? Viele Bands finden es vielleicht sympathisch, dass ich nicht der businessorientierte Typ bin, der nur über Geld und Umsatzzahlen spricht. Natürlich will bzw. muss ich auch Geld verdienen, aber mein Weg ist ein anderer. Denn wenn was gut ist, stellt sich der Erfolg ohnehin irgendwann ein. Ich zerbreche mir keinen Kopf darüber, welche Zielgruppe wir ansprechen wollen, und ob wir Werbung auf Facebook schalten. Ich spreche vorab immer mit der Band darüber, was sie sein möchten, wie sie sich präsentieren möchten – in den Medien, auf der Bühne und auch abseits davon. Ich fasse das Ganze dann zu einem Konzept und Promotion-Paket zusammen, für welches ich meistens selbst die Pressetexte verfasse. Das macht mir Spaß.

Sie haben ja auch Erfahrung als Musikjournalist. Ein Vorteil? Klar, denn ich kenne die andere Seite, weiß, wie langweilig und blöd Pressetexte von Bands sein können. Das versuche ich zu verhindern und schreibe nur solche Zeilen, wie sie mir als Musikjournalist gefallen hätten. Es ist die Wahrheit, nur ein bisschen aufregender erzählt. Man kann auch eine Band, die aus langweiligen Buchhaltern besteht, verkaufen. Aber man muss sie dann auch als solche vermarkten. Als Buchhalter, die Musik machen. Denen kann man dann keine Lederjacken anziehen und sie rauchend und trinkend abbilden.

Wie wichtig ist die bei der Musik die Verpackung? Der Künstler hat eine Vision. Mein Job ist es, diese gut zu verpacken, zu vermarkten und den Kern dieser Vision den Menschen mitzuteilen. In erster Linie schaue ich nicht darauf, ob das kommerziell erfolgreich ist oder nicht, wenn mir die Musik gefällt, mir die Arbeit mit dem Künstler Spaß macht, ist es mir auch egal, wenn wir schlussendlich nur 200 Stück von seinem Album verkaufen. Ich beschwere mich aber auch nicht, wenn Bands durch die Decke gehen.

In den Nullerjahren interessierte sich kein deutsches Musikmagazin für Rock und Popmusik aus Österreich. Jetzt füllen Wanda und Bilderbuch Coverstories. Was hat sich geändert? Ein wesentlicher Grundstein für das, was jetzt um Wanda und Bilderbuch passiert, wurde in den Jahren zwischen 2007 und 2012 gelegt. In dieser Zeit wurden sehr viele kleine Labels gegründet, die jene professionelle Infrastruktur aufgebaut haben, von der Bands heute noch profitieren. Siluh, Ink, Wohnzimmer, Fettkakao und so weiter und so fort. Das Niveau der Bands wurde besser und kam wieder auf ein normales Level. Mehr ist es nicht. Denn Österreich ist bei all der Euphorie keineswegs ein herausragendes Land im Musikzirkus, sondern hat einfach wieder international halbwegs angedockt, nachdem jahrelang im Alternative-Bereich überhaupt nichts passierte. Es mangelte einfach an guten Bands. Man muss sich in diesem Zusammenhang nur ein Beispiel vor Augen führen: Heinz galt lange Zeit als DIE Gitarrenrockband Österreichs.

Was kommt nach Wanda und Bilderbuch? Wenn der Hype und die Hysterie rund um Wanda und Bilderbuch abflaut, ist es auch kein Weltuntergang. Denn es ist dahinter einiges da. Und es kommt auch was nach. Die neuen Wanda oder Bilderbuch sehe ich aktuell aber nicht, aber solche Künstler, solche Glücksfälle tauchen auch nur alle heiligen Zeiten auf. Wobei man in diesem Zusammenhang auch einmal festhalten sollte, dass Wanda fünfmal so groß sind wie Bilderbuch, was die Plattenverkaufszahlen betrifft. Deshalb habe ich es auch immer komisch gefunden, dass die beiden Bands in punkto Erfolg miteinander in einen Topf geworfen wurden.

Wie beurteilen Sie das Potenzial von Voodoo Jürgens und was kommt aus dem Hause Redelsteiner nach? Voodoo Jürgens hat nicht den Massenappeal wie Wanda. Das Verkaufspotenzial wurde da meiner Meinung mit den 25.000 verkauften Alben bereits erreicht. In dieser Größenordnung sehe ich hierzulande schon einige Bands, die 2018 ihr Debüt veröffentlichen. Im März veröffentlichen wir die Debütsingle von Gutlauninger. Der hat das Zeug, mit seinen Songs ein größeres Publikum zu erreichen. Eines der kommerziellsten Nichtschlager-Projekte, die wir 2018 machen werden. Dann habe ich im Moment noch ein Projekt, das mir aktuell besonders viel Spaß macht. Pauls Jets. Der Paul ist neben dem Nino aus Wien einer der besten Songwriter, die ich kenne. Dann gibt es eine deutsche Band, deren Name ich noch nicht nennen möchte, weil ich ihn noch ändern möchte. Der aktuelle Bandname ist nämlich scheiße (inzwischen benannte sich die Band auf Redelsteiners Wunsch in Kaiserin um, Anm. d. Red.). Sie wollen die Berliner Antwort auf Wanda sein, was ihnen vielleicht sogar gelingen könnte. Aber nur dann, wenn sie sich umbenennen (lacht).

Was ist mit Grant. Die wurden von Ihnen ja als das nächste große Ding bezeichnet? Grant sind leider ein wenig zu sperrig. Mal schauen wie sich das noch entwickelt; wie gesagt solang ich künstlerisch dahinter stehen kann, sind die Verkaufszahlen auch nicht ausschlaggebend für mich.

Würden Sie auch Bands aus anderen Ländern übernehmen? Wenn sich eine finnische, chinesische oder russische Band bei mir melden würden und ich von denen und deren Musik überzeugt bin, das Gesamtkonzept passt, dann würde ich sie auch unter Vertrag nehmen. Ich habe null Austropop-Chauvinismus. Wenn eine Band aus Wien Indierock mit englischen Texten macht, muss die extrem gut sein. Herausstechen. Da sehe ich im Moment aber neben At Pavillon – deren Management ich so eben übernommen habe - nichts.

Wollen Sie als Manager einer Band auch den Weg vorgeben? Mitspracherecht ist mir sehr wichtig. Ich will mitbestimmen. Das sage ich den Bands dann auch gleich immer. Ich bin ein sehr aktiver Mensch, habe meine Vorstellungen. Ich will nicht nur der Buchhalter einer Band sein. Wenn ein Künstler das nicht will, dann ist das natürlich okay. Aber dann will ich auch nicht mit ihm arbeiten.

Sind sie sehr kritisch? Wenn mich was stört, mir Songs nicht gefallen, begründe ich das natürlich. Ich spiele mich dabei nicht als großer Macker auf, der alles besser weiß und einer Band erklärt, wie sie Gitarre spielen soll, Mir geht es einfach nur darum: das Optimum herauszuholen. Wenn mich was stört, sage ich es. Die Bands, mit denen ich mich auf eine Zusammenarbeit einige, können das dann auch richtig einordnen. Es ist wie in einer Beziehung. Man muss einfach ehrlich über Probleme reden können, Dinge, die einem stören auch ansprechen dürfen. Bei der Musik ist es wie beim Fußball: Wenn Musiker nicht an ihrem Talent arbeiten, reicht es eben oft nur für die Landesliga.

Wurde Ihnen schon einmal eine Band, ein Künstler, den Sie gerne betreut hätten, vor der Nase weggeschnappt? Das gab es bislang eigentlich nicht. Aber vor kurzem habe ich Hannes Eder getroffen, den ehemaligen Österreich-Chef des Majorlabels Universal. Der ist gerade dabei, ein Label zu gründen und hat als ersten Act einen Künstler am Start, um den ich ihn durchaus beneide. Aber egal, ich habe ihm zu seinem Fang, zu seiner Entdeckung gratuliert und gesagt: Endlich hast du mal einen tollen Künstler entdeckt (lacht).

Wie heißt er? Felix Kramer. Ein toller Singer-Songwriter, der lyrische Achtminutensongs auf Deutsch schreibt und mich an den jungen Bob Dylan erinnert.

Wie beurteilen Sie die heimische Radiolandschaft und die immer wiederkehrende Kritik an Ö3 bezüglich Österreicher-Quote? Ö3 braucht man einfach keine Indiepop-Platte schicken, denn das interessiert sie nicht. Das ist auch nicht deren Auftrag, so eine Musik ins Programm zu nehmen. Deshalb stimme ich auch nicht in den Ö3-Abgesang der Indie-Krieger ein, die immer wieder über den Sender schimpfen. Aber die Ö3-Hörer wollen einfach keinen Nino aus Wien hören, sie wollen unaufdringliche leicht hörbare Kost. Das bedient Ö3 einfach. Selbst bei FM4 muss es schon sehr radiotauglich sein, damit das der Sender überhaupt spielt.

Was sollte ein Band, ein Künstler keineswegs machen, wenn er mit Ihnen zusammenarbeiten will? Ich mag es nicht, wenn Bands zu mir kommen und mir gleich beim ersten Treffen ihren Business- und Karriereplan vorlegen. Das ist total unsympathisch. Wo bleibt da die Magie der Musik? Auch wenn die Band gut ist, würde ich mit dieser nicht zusammenarbeiten wollen. Grundsätzlich gilt: Gute Songs sind die Eintrittskarte, mit mir ins Gespräch zu kommen. Danach versuche ich herauszufinden, ob es sich um interessante Persönlichkeiten handelt. Das ist mir wichtig, denn ich will nur mit charismatischen Typen zusammenarbeiten.