Nina Hoss

© Patrick Orth © Schramm

Berlinale
02/11/2013

Starke Frauen auf Bärenjagd

Nina Hoss reitet, und in Chile gehen auch ältere Frauen alleine tanzen: "Gold" und "Gloria"

von Alexandra Seibel

Die Österreicher waren mit ihrem Wettbewerbsbeitrag bereits an der Reihe, jetzt sind die Deutschen dran. Am dritten Tag der Berlinale ging als erster und einziger deutscher Mitstreiter um den Goldenen Bären Thomas Arslan an den Start. Und zwar mit einem für deutsche Verhältnisse eher ungewöhnlichen Film: einem Western. Und nicht nur das: Es handelt sich dabei gewissermaßen auch um einen Frauenwestern. Denn in „Gold“ setzt der deutsch-türkische Regisseur Arslan – Vertreter der sogenannten Berliner Schule – so prominente deutsche Darsteller wie Nina Hoss und Uwe Bohm in den Sattel und schickt sie auf Goldsuche an den kanadischen Klondike River.

In die Bärenfalle werde Arslan mit seinem Film wohl nicht tappen, sprich: keinenGoldenen Bärengewinnen, ätzten bereits deutsche Kritiker, die an „Gold“ einiges herum zu meckern haben. Tatsächlich ist die deutsche Einwanderergruppe, die sich durch den Norden Kanadas quält, nicht übermäßig charismatisch – da kann auch Nina Hoss, die „Sphinx des deutschen Films“, wenig daran ändern. Zwar bemüht sich Arslan aufrichtig, die Schikanen der Migranten in der unwegsamen Natur deutlich zu machen. Doch obwohl Pferdeleichen und ein von einem Zweig hängender Selbstmörder den Weg der Trapper säumen, bleiben die Unwegsamkeiten der Natur doch zu äußerlich, die Schauspieler zu kostümiert. Immer wieder schafft Arslan schöne und dichte Momente der Anspannung und Verzweiflung, doch bleibt „Gold“ letztlich zu berechenbar – selbst in seiner Betonung von Nina Hoss als einer starken Frau unter oft schwächlichen Männern.

Bein ab

Immerhin kommt es zu der bisher krassesten Szene, die bis jetzt in einem Berlinale-Wettbewerbsfilm geboten wurde. Nachdem der arme Uwe Bohm in seiner Rolle als reisender Reporter versehentlich in eine Bärenfalle gestiegen ist, muss ihm schleunigst der Fuß amputiert werden. Und tatsächlich: Seine Kumpane schnappen sich eine Säge und schneiden – Ritzeratze! – dem brüllenden Bohm das Bein ab.

An dieser Stelle brach das Berlinale-Publikum in hysterisches Gelächter aus.

Stark

Bereits im Vorfeld der Berlinale hatte der viel umstrittene Festivaldirektor Dieter Kosslick ein Programm mit starken Frauen versprochen.

Stark wie „Gloria“, die Hauptfigur in einer hinreißenden Tragikomödie des chilenischen Regisseurs Sebastián Lelio. Gloria ist 58, Single und ausgesprochen unternehmungslustig. Man trifft sie immer wieder auf dem Tanzboden, wo sie den um einiges älteren Ex- Offizier Rodolfo kennenlernt und eine Affäre beginnt.

Lelio gestattet seinen Protagonisten eine Leidenschaft, die im Kino üblicherweise nur jungen Leuten vorbehalten bleibt. Er zeigt seine älteren Menschen und ihre Körper als erotisch, begehrenswert und begehrend, ohne dabei denunzierend oder sentimental zu werden. Gleichzeitig entfächert er die Erfahrungswelt einer urbanen, chilenischen (oberen) Bürgerschicht, in deren komfortables Leben auch immer wieder die Schatten der politischen Vergangenheit dringen. Die größte Stärke aber bezieht „Gloria“ aus der Hauptdarstellerin Paulina Garcia, die mit ihrer Brille zwar manchmal an Dustin Hoffman als „Tootsie“ erinnert, aber in ihrer Widerständigkeit gegen normierte Alters- und Geschlechterrollen immer wieder großartig aus der Rolle fällt. Die nach durchzechter Nacht barfuß ins Luxushotel zurückkehrt. Und schließlich, auch nach schwerer Niederlage in ihrem Liebesleben, zu Umberto Tozzis „Gloria“ tanzt. Das Publikum war begeistert.

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