Kultur
09.02.2018

Städte auf Zeit: Zwischen Aus-Lagerung und Utopie

Essay: Was Oktoberfest, Flüchtlingslager und Christkindlmarkt gemeinsam haben.

Das Münchner Oktoberfest, ein Flüchtlingslager und ein Straßenmarkt in Mexiko City haben auf den ersten Blick wenig gemeinsam. Was sie jedoch verbindet, ist der Umstand, dass alle drei "Städte auf Zeit" sind, Ansammlungen von Unterkünften, Geschäften und Verkehrswegen, die "ephemer", also nicht auf Dauer angelegt, sind – und doch eine Struktur bilden, die einer Stadt ähnlich ist.

Es lohnt sich, diese flüchtigen Siedlungen zu analysieren, wie es derzeit das Architekturmuseum der TU München mit der Ausstellung "Ephemeral Urbanism" (bis 18.3.) und deren begleitender Publikation tut.

Denn der Blick auf Zelte, Hütten und andere nicht-permanente Gebilde führt direkt zu Kernproblemen unserer Gesellschaft: Angesichts von Flüchtlingsströmen und Umweltkatastrophen sind temporäre Behausungen nicht nur eine Frage von Architektur und Design, sondern eine des Umgangs mit Menschen.

Wenn einzelne Politiker fordern, Asylwerber an einem Ort zu "konzentrieren", wird das mangelnde Problembewusstsein zwar schlagartig offensichtlich – doch dieses wurzelt nicht nur in einer mangelnden Sensibilität für die Gräuel der Geschichte.

Utopien

Die Initiatoren des Münchner Ausstellungsprojekts, Rahul Mehrotra und Felipe Vera, unterscheiden mehrere Typen ephemerer Städte: Zum einen entstehen bei festlichen Anlässen oft innerhalb kurzer Zeit urbane Strukturen für hunderttausende Menschen, etwa beim Karneval in Rio, dem genannten Oktoberfest oder bei Mega-Rockfestivals.

Mitunter, so die Autoren, realisieren sich dabei städteplanerische Utopien, die in einer "realen" Stadt nie umgesetzt werden konnten: Königsbeispiel ist das "Burning Man"-Festival, bei dem alljährlich eine Zeltstadt in einer Arena konzentrischer Kreise in der Wüste Nevadas entsteht. Doch auch Karnevalsumzüge oder Straßenmärkte schaffen einen "Ausnahmezustand", der im Idealfall auch innerhalb einer fest gebauten Stadt zu neuen Situationen, Begegnungen und in der Folge zu neuen Wegen der Stadtentwicklung führen kann, schreibt das Autoren-Duo. Die Erkenntnis ist nicht neu, bereits Architekt Rem Koolhaas führte in seiner legendären Studie "Delirious New York" (1978) aus, wie der Vergnügungspark Coney Island die Architektur Manhattans inspirierte. Doch autoritärer Politik ist buntes Treiben meist ein Dorn im Auge, nicht zufällig wird der "Verhüttelung" gern der Kampf angesagt.

Das Lager ist der ideologische Gegenpol eines solchen karnevalesk inspirierten Urbanismus: Nicht nur für Flüchtlinge und Katastrophenopfer wurden solche Zelt-, Container- oder Barackensiedlungen immer wieder gebaut, auch Behausungen für Soldaten oder für Arbeiter, die zur Hebung von Bodenschätzen eingesetzt werden, folgten meist dem – einförmigen – Muster.

Das Problem von Lagern besteht nicht bloß darin, dass sie oft über ihre vorgesehene Lebensdauer hinaus Bestand haben, weil Alternativen fehlen: Das Flüchtlingslager Zaatari in Jordanien nahe der syrischen Grenze etwa beherbergt rund 79.000 Menschen, von denen viele schon seit Jahren hier leben (zu Spitzenzeiten 2013 hatte das Camp über 200.000 Bewohner). Auch wenn sich viele Lager mit der Zeit "verfestigen", sind seine Bewohner nicht verwurzelt, ihre Menschenwürde ist auf den Status des bloßen Überlebens hinuntergeschraubt.

Dass mangelnde Verwurzelung und Mittellosigkeit mit einem solchen Statusverlust einhergehe, sei aber nicht zwingend, wie der Anthropologe Arjun Appadurai mit Blick auf die Armenpopulation in seinem Herkunftsland Indien schreibt: Erst durch die moderne Demografie seien Arme als eine "statistische Abweichung, eine Wucherung der Zahlen" begriffen worden.

Die Aus-Lagerung selektierter Bevölkerungsgruppen fand oft unter dem Vorwand des Wohlwollens statt: Die "Konzentrationslager", die die Briten ab 1900 für die Buren-Siedler in Südafrika errichteten, wurden anfangs als Rückzugsorte für Zivilisten bezeichnet.

Wie der Künstler Alessandro Petti ausführt, sei in dieser "grundlegenden Transformation von Menschen in eine statistische Größe, die verwaltet werden muss, bereits die Möglichkeit der Vernichtung zu erblicken." Wozu die totalitären Technokraten im 20. Jahrhundert fähig waren – und wozu sie vielerorts heute fähig sind – muss hier nicht ausgeführt werden.

Doch gewiss ist nicht jeder, der gegen die Punschhütten auf seinem Hauptplatz protestiert, gleich ein Faschist. Die Initiatoren und Autoren des "Ephemeral Urbanism"-Projekts appellieren auch nur für einen differenzierten Blick: Im Miteinander und auch Durcheinander von Übergangslösungen, improvisierten Behausungen, fahrenden Händlern sollen Stadtplaner mehr als nur chaotische Zustände erblicken, die möglichst schnell abgeschafft und durch Reißbrett-Lösungen zu ersetzen sind. Die lebendige Stadt brauche mehr denn je Diversität auf allen Ebenen, das Shoppingcenter habe ebenso seinen Platz wie der Straßenverkäufer.

In Wien, wo man es gern ordentlich hat, warnte man einst vor Zuständen wie in Chicago, wo Siedlungs-Monokultur und Segregation tatsächlich erschreckende Auswirkungen hatten. So gesehen könnte Wien auch ein bisschen mehr wie Rio im Karneval werden.