Kultur 26.12.2012

Spüren Sie den Tiger!

Ang Lee hat den als unverfilmbar geltenden Bestseller virtuos als Bildertrip verfilmt.


Der vielleicht besinnlichste Film von allen (im Ausverkauf jetzt: Baumschmuck mit Tiger und Schwarztee mit Mango) und jedenfalls der betörendste aller Weihnachts-Blockbuster: „Life of Pi“, die neue Bestseller-Verfilmung von Meister Ang Lee. „Ich kenne eine Geschichte, die wird Sie an Gott glauben lassen“, verkündet der Erzähler am Anfang des Films. Nun, so weit wollen wir nicht gehen. Am Ende dieser wundersamen Odyssee eines schiffbrüchigen Teenagers und eines Tigers glaubt man auch nicht mehr an Gott als zuvor, aber zumindest wieder ans 3-D-Kino, an einen großartig digitalen Tiger und an die Kraft des poetischen Geschichtenerzählens von Regisseur Ang Lee. Aber daran glauben wir ohnehin schon lange.
Ein indischer Teenager heißt Piscine wie Schwimmbad auf Französisch. An der Schule verspottet man ihn mit: „Pee“ wie Pisse auf Englisch. So lange , bis der Bub beschließt, seinen Namen umzudeuten , indem er demonstriert, dass er schier endlose Reihen der mathematischen Konstante Pi aufschreiben kann. Eine grenzenlose Zahl, die gut zu dem Buben passt, der über alle Grenzen gehen wird. Denn Pi wird mit seinen Eltern untergehen. Bei einem der spektakulärsten Schiffsuntergänge, die das Kino je zu bieten hatte (und nicht nur wegen Gérard Depardieus köstlichem Kurzauftritt als rassistischer Schiffskoch). Die Eltern wollen aus Indien samt dem Zoo auswandern, in dem Pi aufgewachsen ist. Doch das Schiff sinkt und Pi findet sich in einem Boot wieder: – Aug’ um Aug’, Zahn um Zahn mit einem bengalischen Tiger. 227 Tage wird er hier verbringen und um sein Leben ringen.

Youtube t7oBS4mhMYQ

Tanz

Ein Überlebenstanz zu Wasser und am Schiff, wo er neben dem Tiger schlafen muss und Wasser teilen und Fische fangen. Vielleicht braucht man tatsächlich unerschütterlichen Glauben für diesen Film: Bis dato galt schließlich der Roman von Yann Martel als unverfilmbar. Ang Lee verdichtet ihn virtuos zur philosophischen Fabel, zum 3-D-Abenteuer mit fluoreszierenden Walen und fliegenden Fischen.
Er setzt dabei auf die Capture-Motion-Technik, die schon bei „Planet der Affen – Prevolution“ so beeindruckend funktioniert hatte. Ursprünglich wollte Lee nach „Hulk“ nichts mehr mit Special-Effect-Kino zu tun haben. So unzufrieden war er damals gewesen. Jetzt hat er mit 3-D eine spirituelle Dimension mehr entdeckt. Es ist tatsächlich ein kleines Filmwunder, wie hypnotisch die Bilder sind; der Ozean, der Himmel, der einsame Tiger, man kann sich kaum entziehen. Eine Parabel auf das Leben und Überleben, auf Anpassung und Weiterentwicklung. Einer der beeindruckendsten Film des Jahres.

KURIER-Wertung: ***** von *****

( Kurier ) Erstellt am 26.12.2012