Ohne Titel (aus der Serie Hand Painted Pictures), 1992 (Ausschnitt)

© /Estate of Martin Kippenberger, Galerie Gisela Capitain, Cologne

Kunst
09/07/2016

Sprache ist auch nur Spachtelmasse

Eine Werkschau im Kunstforum Wien bringt Martin Kippenberger und seine konsequente Unernsthaftigkeit näher

Wäre Martin Kippenberger heute auf Instagram? Taugt seine Skulptur eines gekreuzigten Froschs heute noch zum Skandal? War er die letzte Reinkarnation des Dadaismus, der nun ins Nirvana eingegangen ist, oder ist sein Geist noch auf Wanderschaft?

Viele Fragen stellen sich im Bank Austria Kunstforum Wien für jemanden, der seine kulturelle Sozialisation in den 1990er-Jahren erfahren hat. Man hat keine Anekdoten aus den „Wer sich erinnert, war nicht dabei“-Achtzigerjahren aufzuwarten, weil man ja wirklich nicht dabei war. Man versteht irgendwie, dass der 1997 verstorbene Deutsche, der irgendwie auch Wiener, Grazer und Burgenländer war (er ist in Jennersdorf begraben), seiner Zeit in vielem voraus war. Man kann es aber nicht so ganz würdigen, weil einen der Nachhall seiner alles ironisierenden Geisteshaltung bei der Folgegeneration – von Cosima von Bonin und Tocotronic bis zu Jonathan Meese – bald auch zu nerven begonnen hat.

Un-Schlüssig

Der Werkschau in Wien (Eröffnung am 7.9.; Laufzeit 8.9. bis 27. 11.) gelingt es nun aber doch, das ausufernde Werk von Martin Kippenberger, den Kunstforum-Chefin Ingried Brugger als „Inbegriff des postmodernen Künstlers“ bezeichnet, in einer inneren, auch persönlich bedingten Schlüssigkeit zu zeigen.

Kuratorin Lisa Ortner-Kreil hat dazu das Element „Sprache“ als Leitfaden genommen, denn es taucht im Werk des 1953 geborenen Künstlers durchgehend auf. Nicht nur, weil Kippenberger gern Schriftzüge in seine Bilder malte: Die Unterwanderung der Idee, dass ein einzelnes System klare, eindeutige Aussagen produzieren könnte, war für ihn Programm. Bezeichnungen und Bedeutungen wurden bei ihm so formbar wie die Farbmasse, die er auf Leinwände spachtelte.

Viele Exponate der Schau kreisen um Lesbarkeit oder die Auflösung derselben. Im Hauptraum ist die Installation „Weiße Bilder“ von 1991 zu sehen, für die mit weißer Farbe beschriftete Leinwände bundlos in eine Gipswand eingelassen wurden. Die Bilder selbst reproduzieren krakelige Beschreibungen, die ein Neunjähriger von Kippenbergers Bildern anfertigte und mit dem Zusatz „Sehr gut“ versah; der weiße Look persifliert den Reinheitsfetischismus in Kunsträumen.

Un-Ernst

Man brauche an die Ausstellung nicht „klammarschig“ heranzugehen, sagt Kuratorin Ortner-Kreil – tatsächlich sorgte Kippenberger dort, wo die Kunst an ihrer Ernsthaftigkeit zu ersticken drohte, stets für das dringend nötige befreiende Lachen. Wo Pathos-König Anselm Kiefer etwa Künstlerbücher aus Blei schuf, hielten Kippenberger und sein Freund Albert Oehlen 1986 mit einem Buch voller Haferflocken dagegen; in einem in bester Punk-Manier verfremdeten Plakat wurde das Atelier von Henri Matisse an Spiderman „untervermietet“, und der Titel einer Werkserie des US-Malerhelden Barnett Newman, „Who’s Afraid of Red, Yellow and Blue“, wurde bei Kippenberger zu einer Installation mit drei bunten Spielzeug-Soldaten.

Die Lust an Verdrehungen beschränkte sich aber nicht nur auf Kunst-Insiderwitze. Kippenberger, der seine eigene Legasthenie kreativ umzudeuten verstand, liebte vielsagende Schreibfehler und Schüttelreime; die Installation „Ich geh jetzt in den Birkenwald, denn meine Pillen wirken bald“ (1991) ist in der Schau ebenfalls aufgebaut, die Pillen sorgfältig aus Holz gefräst. Gern kopierte er auch Mehrdeutiges wie einen Cartoon des „Werner beinhart“-Erfinders“ Rötger Feldmann („Du schwarz.“ „Ich weiß.“)

Un-Zeitgemäß

Durch den Fokus auf die Sprache entfernt sich die Schau angenehm vom Zeitgeist, als dessen Kind Kippenberger lang genug – und wohl auch durch eigenes Zutun – gebrandmarkt war. Skandale, Exzesse und Kneipen-Anekdoten bleiben in der Erzählung außen vor. Ob Kippenberger ein guter Maler war, beantworten die Bilder selbst: Der Künstler konnte mit Absicht ebenso „gut“ wie grottenschlecht sein.

Manches – die ewig kalauernden Bildtitel etwa – erscheint heute nur noch mäßig originell. Aber gerade weil gegenwärtig die Sehnsucht nach eindeutigen Zuschreibungen (gut/schlecht, Manderl/Weiberl, links/rechts) allerorts spürbar ist, ist es gut, Kunst zu sehen, die solche Schlusspunkte konsequent verweigert. In diesem Sinn ist Kippenbergers Werk wohl dauerhaft aktuell.