Kultur 07.12.2011

Sonnenfinsternis - von Arthur Koestler

© Bild: DPA

Der utopische Denker skizziert ein brutales Bild, aber er malt nicht schwarz-weiß, wenn er mit dem stalinistischen System abrechnet.

Literatur schwächelt oft dort, wo sie politisch wird. Ob Brecht, Handke oder Frisch - wenn sich Sendungsbewusstsein, Pädagogik und Moral in den Vordergrund drängen, sinkt die künstlerische Qualität. Aber nicht bei Arthur Koestler. Seine "Sonnenfinsternis" ist deshalb so bedeutend, weil diese Geschichte politische Realität spiegelt und dennoch ein großer Roman bleibt. Geschildert wird Gefängnisaufenthalt, Verhör und schließlich Exekution von Nicolas Salmanowitsch Rubaschow, einem russischen Revolutionär und Bolschewik der alten Garde. Die Figur ist fiktiv, die Situation real: Ende der 1930er-Jahre führt Josef Stalin seine "Große Säuberung" aus: Täglich sterben Hunderte Menschen in den Gefängnissen, werden gefoltert, zu Geständnissen gepresst oder in Gulags verschickt. Scheinprozesse und willkürliche Anklagen gegen die angeblichen Konterrevolutionäre forderten Millionen Opfer. Wen Stalins Diktator-Arm nicht gefangensetzen konnte, den ließ er im Exil ermorden - wie Trotzki in Mexiko.

Im Roman durchläuft Rubaschow dieses Schicksal. Unvergesslich bleiben große Szenen: Etwa die Kommunikation mit seinem Zellennachbarn über Klopfzeichen, eine Art Gefängnisalphabet. Oder das aufbegehrende, verzweifelte Trommeln der Insassen, wenn abermals einer von ihnen durch die Gänge zur Hinrichtung geführt wird. Die Rückblenden in Rubaschows früheres Leben, in dem er selbst Genossen und Freunde opfert - für die große Sache. Die Partei. Für ein besseres Leben. Denn - ein Motto mit häufig furchtbaren Folgen - der Zweck heiligt jedes Mittel. Wirklich? Arthur Koestler skizziert ein brutales Bild, aber er malt nicht schwarz-weiß. Auch Rubaschow trägt Schuld und brauchte Jahre, um sie zu erkennen. Und so bekennt er sich - abermals großartig in Szene gesetzt - im Verlauf der Verhöre schuldig. Er "gesteht" aber auch aus einem anderen Grund: Noch immer hofft er, dadurch der Revolution und der Partei zu dienen.

Arthur Koestler (1905-1983): „Die Massen sind wieder stumm und taub geworden, das große schweigende X der Geschichte, gleichgültig wie das Meer, das die Schiffe trägt.“
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Arthur Koestler war 35 Jahre alt, als sein Roman 1940 erschien. In englischer Sprache mit dem Titel "Darkness at Noon" - das deutschsprachige Original ist verschollen. Die Rückübersetzung ins Deutsche erschien 1946 in Zürich. Koestler - ein österreich-ungarischer in Budapest geborener Autor - war selbst sieben Jahre lang glühendes Mitglied in der Kommunistischen Partei. Die " Sonnenfinsternis" trägt wohl auch konkret autobiografische Züge: Koestler wurde 1937 als Kriegsberichterstatter des Spanischen Bürgerkrieges von den Faschisten interniert und zum Tode verurteilt. Nur durch britische Intervention gelang ihm über einen Gefangenenaustausch das Überleben. 1940 ging Koestler nach England, freundete sich dort mit Georg Orwell an - zwei utopische Denker Seite an Seite. Die "Sonnenfinsternis" wurde berühmt und kritisiert. In den 1940er-Jahren wollte kaum ein Genosse der KPD der Wahrheit ins Auge sehen, Koestlers Roman wurde als "klassenfeindliche Propaganda" abgetan. Den Weltruhm der "Sonnenfinsternis" konnte aber keine Kritik aufhalten - bis heute ist diese Abrechnung mit dem stalinistischen System eines der ehrlichsten und beeindruckendsten Werke zur Frage des menschlichen Handelns. Koestler selbst wandte sich in späteren Jahren von der Literatur ab und veröffentlichte Sachbücher und Essays. Er ging nach dem Zweiten Weltkrieg nach Frankreich, gründete Universitäts-Institute für grenzüberschreitende Wissenschaften und Parapsychologie. 1981 wurde er Vizepräsident einer englischen Freitod-Vereinigung und nahm sich wenige Jahre später - gezeichnet von Parkinson und Leukämie - zusammen mit seiner Frau das Leben.

Erstellt am 07.12.2011