Kultur | song-contest
19.05.2015

"Man sollte zuerst Brücken zu den Nachbarn bauen"

Dean Vuletic forscht an der Uni Wien über den Song Contest. Anhand der Geschichte des ESC lassen sich politische Verwerfungen Europas ablesen. Das "Brückenbauen" nach Australien reicht ihm nicht.

Jeden Montag steht Dean Vuletic im Uni-Campus vor seinen 17 Studierenden. Das ungewöhnliche Thema der Lehrveranstaltung: "Europa und der Song Contest". Der australische Historiker und Kulturwissenschaftler ist selbst großer ESC-Fan, zeigt sich aber gar nicht so beeindruckt davon, dass sein fernes Heimatland nun ausgerechnet in Wien erstmals am Wettsingen teilnimmt.

Wie kamen Sie als Australier zum ersten Mal mit dem ESC in Berührung?

Dean Vuletic: Der Song Contest wurde ab 1983 auf einem speziellen internationalen TV-Sender der Regierung am Abend danach mit Untertiteln ausgestrahlt. Damit wurde die starke Migranten-Community bedient. Da gab es immer Partys. Mich hat es schon als Kind interessiert. Meine Eltern stammen aus Kroatien, das war also eine Möglichkeit, wieder an diesen Hintergrund anzuschließen. An der Uni hielt ich später ein Referat über den ESC, bei dem alle lachten. Aber mein Professor hielt es dennoch für eine gute Idee, dieses Thema zu beleuchten. Als ich über die USA dann nach Wien kam, um meine Forschung weiterzuführen, fanden das wieder alle seltsam: "Wer kümmert sich noch um den ESC? Das sieht sich hier doch keiner mehr an." Und dann hat Conchita gewonnen ...

Ihre Lehrveranstaltung behandelt den ESC und die Veränderungen in Europa? Können Sie diese kurz skizzieren?

Die Gründung des ESC 1956 stand noch im Zeichen des Wiederaufbaus und des Kalten Kriegs. In den 60er-Jahren spiegelte der ESC die beginnende Europäische Integration wider. Man bezog nun auch den Mittelmeerraum ein, der politisch noch am instabilsten war. Staaten wie Portugal und Jugoslawien konnten ihre Zugehörigkeit zu Westeuropa zeigen, ohne politisch integriert zu sein. Der nächste große Schritt war das Ende des Kalten Kriegs 1989: Der ESC war für viele osteuropäische Staaten die erste Gelegenheit, Teil einer europaweiten Organisation zu sein und sich darzustellen. Derzeit sind wir in einer neuen Phase, wo Staaten wie Russland, Türkei und Aserbaidschan, die nicht Teil der EU sind, den ESC nützen, um ihre außenpolitischen Ziele auszuspielen, gegen die Dominanz Westeuropas.

Die Veranstalter können auch Markenbildung betreiben. Welche Möglichkeiten sehen Sie hier für Österreich?

Österreich hat zwei Probleme mit dem nationalen Image im Ausland: Erstens hat man sich lange Zeit zu sehr darauf verlassen, sich über klassische Musik und die Habsburg-Ära zu verkaufen. Dazu kamen rechtspopulistische Politiker und die Nazivergangenheit. Das muss Österreich überwinden, um zu zeigen, dass es ein Ort der Gegenwart ist, modern, vielfältig, tolerant, offen. In Großbritannien zum Beispiel denkt man bei Österreich zunächst an: konservativ. Ich habe anderes erlebt: Eine sehr moderne Gesellschaft, technologisch auf der Höhe der Zeit. Conchita hat aber in einem Punkt vielleicht ein positiveres Image verkörpert, als es der Realität entspricht: Was Homosexuellenrechte betrifft, liegt das Land hinter anderen zurück, mit denen es sich eigentlich vergleicht.

Glauben Sie, dass der Sieg von Conchita Wurst etwas verändert hat?

Ja, ich glaube, es hat die Art verändert, wie Österreich sich selbst sieht und wie es in der Welt gesehen werden will. Österreich hatte Imageprobleme, die Arnold Schwarzenegger nicht beheben konnte. (lacht) Conchita ist dabei, diese Wahrnehmung zu ändern. Man hat nun die Chance, Wien als moderne und vielfältige Stadt zu positionieren.

Soweit man es schon beurteilen kann: Wird diese Chance in Wien genützt?

Im Eurovision Manifest hat der ORF explizit festgehalten, keine Klischees über Österreich zu verbreiten, sondern das moderne Gesicht des Landes zu zeigen. Ich denke, das wird auch eingehalten. Schauen Sie sich die drei Moderatorinnen an: Sie stehen für ein multikulturelles Österreich. Aber eine der großen Ironien dieses Song Contests ist: Das Thema "Building Bridges" zwischen Ost und West ist so ein großes Thema, außerdem wurde betont, wie toll es ist, dass Australien als multikulturelles Land teilnimmt. Aber: Länder wie Slowakei, Kroatien, Bosnien und Herzegowina, Türkei, aus denen große Migrantengruppen stammen, kommen nicht. Was bleibt dann noch von der multikulturellen Botschaft?

Zum Teil wurden finanzielle Gründe für die Nicht-Teilnahme angegeben.Wenn Moldau oder Albanien teilnehmen können, dann müssten sich das Kroatien, Türkei oder die Slowakei auch leisten können. In Bosnien war der TV-Sender tatsächlich in finanziellen Nöten. Natürlich ist es nicht der Fehler des ORF – jeder ist zur Party eingeladen. Aber es ist interessant, dass nicht darüber geredet wird. Man hätte gerade in Österreich mehr daransetzen müssen, diese Länder nach Wien zu bringen. Rund um die Stadthalle gibt es starke türkische und kroatische Communitys, die Stimmung wäre einfach großartig gewesen!

Wird sich das Interesse in Australien durch die Teilnahme weiter erhöhen?

Kann sein. Die Australier sind sehr froh darüber, vielleicht können sie ja bald jedes Mal teilnehmen. Es könnte auch ein Anzeichen dafür sein, dass sich der Markt für Eurovision deutlich erweitert. Ich würde vorziehen, dass es eine europäische Sache bleibt. Wenn man Länder aus aller Welt teilnehmen lässt, verliert der ESC seine ursprüngliche Bedeutung. Es ist wirklich etwas Besonderes für Europa. Das in etwas Globales zu verwandeln, ist keine gute Idee. Ich sage nicht, dass man keine Brücken in die Welt bauen sollte, aber davor sollte man zu den näheren Nachbarn Brücken bauen. Und wenn man die Slowakei in Wien nicht dabei hat, ist das ein Problem.

Der Song Contest wurde schon oft belächelt. Jetzt scheint er populärer denn je. Ist der ESC noch aufzuhalten?

Er wird seine Anziehungskraft nicht so schnell verlieren. Es ist einfach eine geniale Idee. Auf der einen Seite macht man sich lustig , nimmt das Abschneiden aber doch ernst. Läuft es schlecht, regt man sich auf, gewinnt man, ist das Interesse plötzlich wieder da. Der ESC ist von seinen Statuten her unpolitisch, aber wir wissen, dass er sehr politisch ist. Er bringt die Europäer zusammen. All die verschiedenen Herangehensweisen machen ihn attraktiv. Ein großer Teil Europas hält inne und sitzt vor dem Fernseher. Daher glaube ich: Er ist unstoppable!

Bilder: Politische Lieder beim Song Contest