Kultur
05.12.2011

"Solaris": Ein Gruß aus der Sci-Fi-Küche

Kritik: Im Burgtheater-Vestibül versuchte man sich an Stanislaw Lems meisterhaften Science-Fiction-Roman "Solaris".

Die Leminge (oder heißen sie Lemianer?) werden eine Menge zu meckern finden.
Denn eine Gruppe von Science-Fiction-Fans unter den Burgschauspielern versuchte sich im Vestibül des Hauses an Stanislaw Lems Meisterwerk "Solaris".
Da kann man nur scheitern. Und hier geschah's in formvollendeter Schönheit.

Regisseur Alexander Wiegold zerlegte den hoch philosophischen Roman in einfacher verdaubare Häppchen und richtete sie auf dem Silbertablett neu an. Da ein Lachscanapé, dort eins mit Leberwurst.
Ein Gruß aus der Sci-Fi-Küche. Satt wird man nicht. Appetit auf mehr heißt: zum Buch greifen.

Dabei macht Wiegold etwas, das sicher im Sinne des Erfinders Lem gewesen wäre. Er verzichtet - no na - auf aufwendige "Special Effects" und konzentriert sich auf ein Kammerspiel menschlicher Emotionen. Mit lediglich ein paar Schatten- und Nebelspielen und Videoprojektionen baut er die gespenstische Atmosphäre einer Raumstation auf, in die der Wahnsinn schleichend Einzug hält.

Fulminant gespielt

Von dort aus beobachtet man einen Planeten, bedeckt von einem Riesenozean. Ein lebender Organismus, ein gewaltiges Gehirn mit kindlichem Verstand. Es schickt den Wissenschaftlern der Station "Gäste", Schatten aus deren Vergangenheit.
Da ist der Weg in die Irre vorprogrammiert.

All das wird vom feinen Darstellerteam fulminant dargeboten. Oliver Masucci ist als Held Kris Kelvin großartig hin- und hergerissen zwischen Auf- und Hingabe. Ihm erscheint seine durch Selbstmord aus dem Leben geschiedene Frau Harey. Und bald entscheidet er: Lieber mit dem Trugbild als alleine existieren.

Ignaz Kirchner gibt als Physiker Sartorius den Prototyp des durchgeknallten Professors. Marcus Kiepe ist ein hypernervöser, alkoholkranker Kybernetiker Snaut. Er versteht, dass er die Geister, die er nicht mehr los wird, selber rief.

Zu viele Fragen

Die Fragen, die Lem in seinem verrätselten Roman aufwirft, sind dennoch übermächtig.
Nicht nur für einen Theaterabend. Generationen von Sekundärliteraten stehen seit 1961 kopf. Kann "es" sich erdenken? Weiß es, was es ist? Was, wenn die Grenzenlosigkeit Gottes nur das Maß für sein Versagen ist?
Am Schluss selbsterkennt sich Harey (Christiane von Poelnitz) als nicht "echt" und wählt wieder den Freitod. Beklemmend. Gut.

KURIER-Wertung: ***
* von *****

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