Sofi Oksanen beim Interview im Café Prückel: „Darf man bei euch rauchend in die Zeitung?“ Fotografiert wird sie lieber als interviewt, Fotografen stellen wenigstens keine Fragen

© KURIER/Jeff Mangione

Sofi Oksanen
10/13/2014

Sprecht über Politik, nicht über Haare

Der finnische Literatur-Star im Gespräch über Russland, Retro-Werbung und Conchita Wurst.

von Barbara Mader

Sofi Oksanen hat keine Lust, über Nobelpreis, Buchmesse oder gar über ihr Haar zu sprechen. Erst beim Thema Ukraine taut sie auf. Und beim Thema Feminismus wird sie richtig warm.

Die 37-jährige Finnin ist mit schwerer Kost zum Literatur-Exportschlager eines Landes geworden, von dessen Autorenszene im restlichen Europa höchstens "Mumins"-Erfinderin Tove Jansson gesteigerten Bekanntheitsgrad hat. Nun setzte die Frankfurter Buchmesse einen Finnland-Schwerpunkt und Sofi Oksanen hielt die Eröffnungsrede, die später als Broschüre verteilt wurde. Außen bunt – Oksanen ist darauf als Christkind zu sehen, rundherum tummeln sich Rentiere – innen hochpolitisch. Die sowjetische Besatzung Estlands und die weiblichen Schriftstellerinnen Finnlands sind Hauptthema.

So könne man auch Oksanens bisheriges literarisches Schaffen zusammenfassen: VierRomane hat die Tochter einer Estin und eines Finnen bisher geschrieben, den ersten, "Stalins Kühe", mit erst Mitte Zwanzig. Er handelt, wie seine Nachfolger, von der mehrfachen Besetzung Estlands nach dem Zweiten Weltkrieg (Russen, Deutsche, wieder Russen) und dem Trauma, das folgte. Dazu weibliche Identitätssuche und die komplizierten finnisch-estnischen Beziehungen.

All diese Themen tauchen in ihrem neuen Roman "Als die Tauben verschwanden", den sie Freitag im Rabenhof vorstellte, erneut auf. Wechselnde Besatzer in einem zerrissenen Land, dazu Liebe, Verrat und Machthunger. Ein bisher wenig beleuchtetes Kapitel Gegenwartsgeschichte. In 45 Sprachen wurde das Buch übersetzt und die mehrfach ausgezeichnete Oksanen ist mittlerweile nicht nur in Skandinavien ein Star. Den "kleinen Nobelpreis" genannten Literaturpreis des nordischen Rates hat sie gewonnen und auf den Wettlisten zum diesjährigen Literaturnobelpreis wurde sie, weit hinten, aber doch, erwähnt.

Tolstoi und Tarantino

Als der KURIER die ob einer Flugverspätung gestresste Oksanen inWien im Raucherbereich des Café Prückel trifft, wirkt sie zunächst sehr zurückhaltend. Ob die Buchmesse längerfristig den Fokus auf Finnlands Literatur legen wird? "Kann sein. Kommt drauf an, was übersetzt wird." Was sie zum Nobelpreisträger Patrick Modiano sagt? "Nichts. Er ist nicht auf Finnisch übersetzt." Warum sie sich bereits als sehr junge Frau intensiv mit Estlands Vergangenheit auseinandergesetzt hat? "Ist doch nichts Besonderes. Das lernt man ja in der Schule." Ob es ihr gefällt, wenn ihr Stil als "Mischung aus Tolstoi und Tarantino" beschrieben wird? Jetzt taut sie ein bisschen auf, lächelt sogar. "Ja, ich mag Tolstoi und ich mag Tarantino."

Wirklich auskunftsfreudig wird Oksanen, als es um die Ereignisse in der Ukraine und das Verhalten Russlands geht. "Die rechten Parteien Europas unterstützen Russland. Das ist besorgniserregend. Europa sollte mit einer Stimme sprechen und Russland gegenüber bestimmter auftreten. Russland ist sehr gut darin, die antiamerikanischen Tendenzen in Europa auszunutzen. Stellen Sie sich vor, England würde beschließen, Irland zu besetzen! Russland ist das einzige Land, dem man solche Aktionen nachsieht. Auch ich bin kein Fan der US-Politik, aber nicht jeder, der gegen die USA ist, ist für ihren Feind, die Welt ist nicht so schwarz-weiß."

Ein bisschen retro

Jetzt, wo man sich warmgeredet hat, wagt man wieder eine oberflächliche Frage. Viele Artikel über Sofi Oksanen beginnen mit Schilderungen ihres auffälligen Äußeren. Dreadlocks, bunte Strähnen. Auch heute wieder: Körperbetonte Couture, extremes Make-up, schimmernde Wangen. Ob es sie nervt, wenn Journalisten darüber reden? Das Thema langweilt sie sichtbar. "In Deutschland reden alle über meine Haare. Es erstaunt mich, dass das im deutschen Sprachraum so ein Thema ist. In Skandinavien ist das den Leuten egal, da rennt jeder herum, wie es ihm passt."

Aber ohnehin komme ihr vieles hier sehr konservativ und ein bisschen retro vor. "Die Werbung hier sieht aus wie bei uns in den 80ern." Die vielen Fotos nackter Frauen, das wäre in Skandinavien nicht möglich.

Jetzt holt sie zur Gegenfrage aus: Wie schaut es mit der Gleichberechtigung in Österreich aus? Man redet über Nationalratsmandate, Andreas Gabalier, Töchter, Söhne und Conchita Wurst. Letztere kennt sie natürlich.

Von österreichischen Tatsachen hört sie mit Erstaunen. Zu wenig Kindergartenplätze? Väter, die nicht in Karenz gehen? Tageszeitungen mit Bildern nackter Frauen? Unvorstellbar in Finnland. "In Skandinavien sieht man keine öffentlichen Bilder von nackten Brüsten. So etwas ist kein Teil einer modernen Gesellschaft."

Man seufzt und beneidet Sofi Oksanen ein bisschen.

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