Selfies und soziale Medien gehören heute zum Kulturkonsum dazu.

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Kultur & Medien
07/14/2016

Social-Media-Experte Sreenivasan: "Wir machen ein Riesen-Selfie!"

Digital-Experte Sree Sreenivasan im Gespräch über die Herausforderungen für Kultur- und Medienbetriebe.

500 Blog-Einträge, 1.100 Postings auf Facebook, 3.800 Tweets, 100 Videos: Das ist nur ein Teil des Outputs, den das New Yorker Metropolitan Museum of Art (kurz „Met“) in einem Jahr produzierte, nachdem Sree Sreenivasan dort den Posten als „Chief Digital Officer“ übernommen hatte.

Für den 45-Jährigen, der am Dienstag und Mittwoch beim „Werbeplanung Summit“ in Wien referierte, ist klar: Jeder Betrieb, insbesondere jeder Kulturbetrieb, ist heute auch ein Medienhaus. Dass das Konsequenzen für jene Firmen hat, die sich als Medienbetriebe im engeren Sinn verstehen, liegt auf der Hand: „Sie müssen das Mediengeschäft besser machen als alle anderen. Der Mehrwert von Medien ist Kontext, Hintergrund, Verständnis für das große Ganze. Diese Leistungen müssen sie intensiver und häufiger bringen.“

Zeitung auf Facebook

Sreenivasan, der 20 Jahre lang an derJournalismus-Schule der New Yorker Columbia Universityunterrichtete, ist zwar ein ausgewiesener Technik-Freak und auf zahllosen Social-Media-Kanälenpräsent– doch digitale Werkzeuge sind für ihn nie bloßer Selbstzweck. „Die Leute mögen Nachrichten – doch wir müssen sie ihnen auch in einem Format bringen, das sie mögen“, sagt er.

Dass Sreenivasan jeden Sonntag seinen Anhängern auf einem Facebook Live – Videostream die Printausgabe der New York Times vorliest, ist eine der vordergründig seltsamen Überlappungen von Alt und Neu. Doch der Aufbau von Gemeinschafts- und Zusammengehörigkeitsgefühl ist heute eine zentrale Aufgabe, wie Sreenivasan auch bei seinen Vorträgen predigt. Mittlerweile nehmen Redakteure der Times als Gäste bei seinem sonntäglichen Lese-Ritual Platz.

Museum macht „Miau“

In seinen drei Jahren am Metropolitan Museum ersann Sreenivasan eine Vielzahl neuer Möglichkeiten, mit dem Publikum in Kontakt zu treten. Neben der Neuausrichtung der Website, der Online-Sammlung und der Social-Media-Präsenz beinhaltete dies auch kuriose Erfindungen wie die App „Meow Met“, die Abonnenten jeden Tag ein anderes Katzen-Bild aus den Sammlungen des Museums aufs Handy sendet – gehört so genannter „cat content“ doch zu den am häufigsten geteilten Inhalten.

Doch können solche Dinge Menschen auch tatsächlich zur Kunst heranführen? „Wann Technologie ein Erlebnis fördert und wann es davon ablenkt, muss jeder selbst herausfinden – es gibt keine einfache Antwort“ sagt Sreenivasan. Im Kern sei es eine Frage des richtigen Zeitpunkts. „Wenn man etwa ins Theater geht, gibt es keine Technologie, und das ist gut so – während der Vorstellung. Doch davor, danach, während der Pause – da sind die Leute aufgeregt und wollen kommunizieren.“

Dass er kürzlich mit seinen zwei Kindern das Broadway-Erfolgsmusical „Hamilton“ angesehen habe, war etwa einem „Vorspiel“ in den sozialen Medien zu verdanken, erzählt Sreenivasan: „Wir sind nicht hingegangen, weil wir eine gute Kritik gelesen hatten, sondern weil die Kinder die digitalen Aspekte des Musicals internalisiert hatten. Sie kannten jeden Song und hatten das Youtube-Video, in dem Obama die Darsteller im Weißen Haus auftreten ließ, zehnmal gesehen. Ein Theater kann das ausnützen und sagen: Bringt eure Kinder zu einem Mitsing-Event! Oder: Wir machen nach der Vorstellung ein Riesen-Selfie! Die Leute werden es teilen und sagen: Ich war dabei, kommt auch.“

Anregungen wie diese gibt Sreenivasan auf Konferenzen und in Lehrgängen weiter. Derzeit sind Vorträge seine Hauptbeschäftigung, denn als „Chief Digital Officer“ des Metropolitan Museum wurde er im Zuge einer Einsparungswelle Ende Juni überraschend gekündigt.

Sree 3.0

Sreenivasan machte auch diese unerfreuliche Kehrtwendung zu einem Social-Media-Event: Er stellte die Mitteilung des Met-Direktors auf Facebook und schrieb einen Text darüber, dass er sich nun – nach seiner Zeit als Journalismusprofessor und Digital-Chef im Museum – als „Sree 3.0“ neu erfinden müsse. Man solle ihm sagen, wohin die Reise gehen könnte. „Es kamen von 1100 Leuten Vorschläge, ich hatte noch gar nicht die Zeit, alle zu lesen“, sagt Sreenivasan.

Langweilig wird dem Social-Media-Guru gewiss nicht – gerade in Zeiten radikaler Umbrüche in der Medienwelt sind seine Vorträge und Beratungsleistungen sehr begehrt. „Eines, was ich Museumsleuten und anderen immer sage, ist: Lernt vom Journalismus!“ erklärt Sreenivasan. „Firmen wie die New York Times sind aus einem Grund in der digitalen Welt innovativ: Sie sind existenziell bedroht, sie müssen sich reformieren. Es ist eine interessante, aber verwirrende Zeit.“